Kostenlose Lebensmittel Ein Uni-Kühlschrank, fast wie im Märchen

Elf Millionen Tonnen Essen landen alljährlich im Müll. Weil sich das ändern soll, haben Aktivisten an der Uni Darmstadt einen Kühlschrank für gerettete Lebensmittel aufgestellt. Den füllen sie bis obenhin - und jeder kann sich daran bedienen.

Foodsharing-Team in Darmstadt: Am nächsten Morgen ist der Kühlschrank leer
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Foodsharing-Team in Darmstadt: Am nächsten Morgen ist der Kühlschrank leer


Gerade war der Kühlschrank in einem kleinen Raum an der Darmstädter Uni noch leer. Doch jetzt füllt er sich rapide: mit Käse, Wurst, Joghurt und Gemüse. Lecker sehen die Lebensmittel aus - doch sie wären im Abfallcontainer gelandet, wäre nicht eine Gruppe junger Leute eingeschritten und hätte sie zur Uni gebracht. Zugreifen kann nun jeder, der möchte, ob Student oder Nichtstudent, Hartz IV-Empfänger oder nicht. Foodsharing heißt das Konzept.

Bundesweit gibt es Leute, die übrig gebliebenes Essen aus dem eigenen Haushalt oder von Supermärkten kostenlos auf der Internet-Plattform foodsharing.de oder über Facebook anbieten und so vor der Mülltonne bewahren. Mehr als 38.300 aktive Benutzer in mehr als 200 Städten führt die Foodsharing-Plattform derzeit auf.

In Darmstadt zählt die Gruppe rund 20 Engagierte. Seit Anfang des Jahres der jederzeit öffentlich zugängliche Kühlschrank an der TU aufgestellt wurde, holen sie zweimal pro Woche aus mehreren Supermärkten Übriggebliebenes ab und stecken es hinein.

Elf Millionen Tonnen Verschwendung

"Wer sich etwas herausnimmt, wissen wir nicht. Doch der Kühlschrank ist jedes Mal am nächsten Morgen leer", sagt Sebastian Werner, der seit etwa einem Jahr beim Foodsharing mitmacht. Wachgerüttelt habe ihn ein Film über die unfaire Verteilung und die Massenproduktion von Lebensmitteln, berichtet der Maschinenbau-Student. Danach habe er zunächst für sich selbst Lebensmittel aus Containern von Supermärkten geholt. Doch er habe mehr bewirken wollen, auch für andere, sagt der 29-Jährige.

Gruppen, die übrig gebliebene Lebensmittel teilen, gibt es auch in anderen hessischen Städten, darunter Wiesbaden und Frankfurt. Als Konkurrenz zu den Tafeln, die Übriggebliebenes aus Supermärkten an arme Menschen verteilen, sehen sich die Foodsharer nicht: "Wir gehen an Tagen in die Märkte, an denen die Tafel nicht kommt. So schließen wir Lücken", sagt Werner.

Einen Mangel an weggeworfenen Lebensmitteln gibt es in Deutschland beileibe nicht. Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel sind es pro Jahr, wie schätzungsweise aus einer Studie der Uni Stuttgart von 2012 hervorgeht.

Auch deshalb hat der Bundesverband Deutsche Tafel mit dem Foodsharing kein Problem, ganz im Gegenteil: Ziel sei in beiden Fällen, Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, sagt eine Sprecherin. Foodsharer dürften Lebensmittel annehmen, die die Tafeln wegen rechtlicher Bestimmungen gar nicht weitergeben dürfen.

Smartphone-App in Planung

Probleme mit verdorbenen Lebensmitteln oder Vandalismus habe es bisher nicht gegeben, sagt Ulrike Beck vom Vorstand des Vereins Foodsharing mit Sitz in Köln, Betreiber des gleichnamigen Internetangebots, das Ende 2012 online gegangen ist. Initiator ist Valentin Thurn, der 2011 mit dem Film "Taste the Waste" die alltägliche Lebensmittelverschwendung angeprangert hatte.

Die Zahl der Plattform-Nutzer wächst laut Beck kontinuierlich. Als nächstes Projekt nennt sie eine App, um das Teilen von Essen für Smartphone-Benutzer einfacher zu machen. Auf dem Programm steht auch das Expandieren in weitere Nachbarländer, Österreich und die Schweiz sind bereits an Bord.

Die Bundesregierung startete vor zwei Jahren eine Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung. Unter dem Motto "Zu gut für die Tonne" ruft das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft unter anderem dazu auf, bewusster einzukaufen und Reste besser zu verwerten. Die zugehörige App ist laut einem Sprecher bisher rund eine halbe Millionen Mal heruntergeladen worden. Foodsharing sieht das Ministerium positiv: "Das ist etwas, das in unsere Richtung geht."

Nächstes Ziel der Darmstädter Gruppe ist, noch mehr Privathaushalte zum Mitmachen zu bewegen. Denn von dort stammen fast zwei Drittel allen Lebensmittelmülls, wie Werner sagt. Erreichen will die Gruppe das mit mehr Aufklärungsarbeit und noch mehr öffentlich zugänglichen Kühlschränken - wenn sich denn weitere geeignete Orte und Sponsoren dafür finden lassen.

  • dpa/dpaweb
    Allein in der Mensa ist ungefähr so spannend wie allein in der Wildwasserbahn. Mittags in der Uni sollte man immer einen netten Tischpartner dabei haben. Aber manche Mensa-Begleiter sind ziemlich anstrengend - die sonderbarsten Typen vom Gourmet bis zum Snacker.

cpa/Isabell Scheuplein, dpa



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