Dänische Studentin mit Luxussorgen Das Geld ist nicht genug

Studenten in Dänemark bekommen bis zu 737 Euro monatlich vom Staat - geschenkt. Eine junge Dänin klagt nun: Das reicht hinten und vorne nicht. Mit einem Zeitungsartikel löste sie heftige Debatten aus, die im Bafög-Land Deutschland höchst seltsam anmuten.

Selina Marx

Von Selina Marx, Kopenhagen


So schlicht wie das Café, das Sofie Viborg Jensen, 22, als Treffpunkt gewählt hat, ist auch das Äußere der Studentin: Ihre Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden, sie trägt weder Make-up noch auffällige Accessoires. Fast könnte man sie übersehen, wie sie dort im Ledersessel sitzt. "Eigentlich gehe ich nicht in Cafés. Die sind zu teuer", sagt sie zur Begrüßung. Damit bringt die angehende Sozialwissenschaftlerin das Thema gleich auf den Punkt. Es geht um Geld. Besser gesagt darum, dass sie kaum welches hat.

Eine Situation, mit der viele deutsche Studenten vertraut sind. In Dänemark aber sollte es keinen Grund zur Klage geben, schließlich bekommt jeder dänische Student monatlich rund 700 Euro vom Staat. Wer will, kann sich noch bis zu 400 Euro monatlich zu günstigen Konditionen leihen. 1100 Euro - sollte das nicht reichen?

Nein, sagt Sofie. Für die dänische Zeitung "Politiken" schrieb sie einen Kommentar über die finanzielle Lage armer Studenten und trat damit eine große Debatte los. Studenten diskutieren auf dem Campus und auf Facebook, viele Nachrichten habe sie erhalten, sagt Sofie. Sogar zu "Deadline", eine dänische Hauptnachrichtensendung im Fernsehen, wurde sie eingeladen.

Rund 2000 Kommentare sammeln sich bisher unter Sofies Artikel, kein Text wurde am Erscheinungstag auf politiken.dk stärker kommentiert. "Ich weiß genau, was du meinst", schreiben die einen. Sie solle sich einen Job suchen oder in eine billigere Wohnung ziehen, die anderen. Besonders erfreut wirkt Sofie auf ihrem Café-Stuhl darum nicht, eher verunsichert rutscht sie hin und her. Sie sei vor allem überrascht, sagt sie, und ein wenig überrumpelt.

Was Sofie will: Leben ohne schlechtes Gewissen

In der dänischen Politik ist Armut als Thema vorerst erledigt. Kürzlich hatte es die Sozialistische Volkspartei (SF) auf die Agenda gesetzt. Um zu zeigen, wie arme Dänen leben, hatte eine Politikerin im vergangenen Jahr zu einer 36-jährigen alleinerziehende Mutter nach Hause eingeladen, angeblich einer typisch armen Dänin. Später stellte sich heraus, dass sie über 2100 Euro monatlich vom Staat bekommt. Eine Blamage für die Linken, über die dänische Zeitungen lange berichteten.

Ähnlich kurios klingt es, wenn Sofie nun klagt: Sie habe es satt im Discounter Netto zu stehen und Angst zu haben, nicht bezahlen zu können, weil das Konto überzogen ist. Passiert sei ihr das aber noch nie. "Ich kann das schon immer irgendwie managen", sagt Sofie. Was ihr fehlt, sind Kleinigkeiten, die sie sich auch mal ohne schlechtes Gewissen gönnen will: Das Bier am Wochenende oder einfach so und ohne Überlegen eine Latte bestellen. Beides bekommt man in Dänemark selten unter vier Euro. Wohnen, einkaufen und ausgehen - alles ist erheblich teurer als in Deutschland.

Rund 40 Euro hat Sofie laut eigener Auflistung pro Monat zur freien Verfügung, wenn Miete (480 Euro), Internet- (27 Euro) und Telefonrechnung (20 Euro) bezahlt sind. Hinzu kommen weitere 128 Euro für Versicherungen, Fernsehgebühren, Waschsalon und Nahverkehr. Ihre Mutter unterstützt sie mit knapp 30 Euro, einen Nebenjob hat sie nicht. Ihre einzige nennenswerte Einnahmequelle ist die Studentenstütze vom dänischen Staat.

Der Staat fördert jeden Studenten - unabhängig vom Elternhaus

Der "Statens Uddannelsesstøtte" (SU), die staatliche Ausbildungsförderung, ist eine Art Bafög de luxe. Denn das Geld ist ein Geschenk, das praktisch unabhängig vom Elterneinkommen an jeden der rund 360.000 dänischen Studenten ausgezahlt wird. Was die Eltern verdienen, wird nur bis zum 20. Lebensjahr berücksichtigt.

Bei Studenten ist die Unterstützung nach Wohnsituation gestaffelt: Wer bei den Eltern auszieht, bekommt den Höchstsatz, rund 737 Euro brutto im Monat, ansonsten gibt es knapp die Hälfte. Das Geld muss allerdings versteuert werden, beim Höchstsatz landet man so unter 700 Euro, bei Sofie sind es letztlich rund 670 Euro. Zusätzliche Unterstützung von bis zu 940 Euro erhalten alleinerziehende Eltern und Studenten mit Behinderung. Aber auch jeder Schüler bekommt SU, der das Gymnasium besucht, vergleichbar mit der deutschen Oberstufe, und zwar 135 Euro monatlich. "Kaffeegeld" nennen viele Dänen den Bonus.

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  • REUTERS
    Gut 700 Euro vom Staat, rückzahlungsfrei und Monat für Monat - so sollen sich Studenten in Dänemark voll auf das Studium konzentrieren können. Ein sinnvolles System? Stimmen Sie mit ab, im Facebook-Channel von SPIEGEL ONLINE. mehr...
Hintergrund für die finanzielle Förderung ist die Idee der Gleichheit, auf der die dänische Gesellschaft und der Wohlfahrtsstaat errichtet ist: Jeder Student soll die Ausbildung seiner Wahl erhalten, egal wer die Eltern sind und was sie verdienen. Das Geld wird zudem als Investition in Humankapital angesehen, gutverdienende Steuerzahler beispielsweise zahlen ein Leben lang an den Staat zurück - eine Rechnung, die laut OECD-Bildungsforschern in den nordeuropäischen Ländern dank hoher Steuersätze aufgeht.

"Sie sollte zufrieden sein mit dem, was sie hat"

Der Pharmaziestudent Johannes Elton, 24, gehört zu jenen, die Sofie kritisieren. Er lebt im Studentenwohnheim "Signalhuset" im Kopenhagener Stadtteil Ørestad. 400 Euro im Monat zahlt er, für die dänische Hauptstadt ist das eher günstig. Der neunstöckige Bau steht den gläsernen Bürogebäuden in seiner Nachbarschaft äußerlich in nichts nach. Weder das großzügige Balkonsystem mit den roten und gelben Quadraten, noch der gepflegte, videoüberwachte Innenhof deuten auf ein entbehrungsreiches Studentenleben hin.

Hier teilt sich Johannes mit seinen drei Mitbewohnern Bad und Wohnküche mit Holztisch, vier Stühlen und Ledersofa, an der Wand hängen Poster, in der Spüle steht Geschirr. "Nichts besonderes", sagt er und grinst. Auch er kennt Sofies Beschwerde aus der "Politiken" und kann ihr nicht ganz folgen. "Sie sollte zufrieden sein mit dem, was sie hat", sagt Johannes. Er bekomme fast so viel Unterstützung wie Sofie und komme prima damit aus. Doch nicht nur für die Miete zahlt Johannes etwas weniger, auch für Telefon und Internet. "Man muss sich als Student schon die Mühe machen, Preise zu vergleichen."

Sofie wehrt sich gegen ihre Kritiker: Es sei im Interesse des Staates, Menschen gut auszubilden. Das sei nun mal zeitintensiv und viele Nebenjobs zu unflexibel. Aber die Empörung auch vieler Gleichaltriger hat sie zum Umdenken gebracht: Sie sucht sich jetzt einen Mitbewohner und wird nun doch einen Kredit in Anspruch nehmen. Vier Prozent Zinsen muss sie zahlen, nach dem Studium hat sie 15 Jahre Zeit, das Darlehen zu tilgen. Damit geht es Sofie dann so wie vielen Deutschen, die Studienkredite scheuen: "Ich habe Angst, dass ich die Schulden später nicht zurückzahlen kann", sagt Sofie.

insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
cs01 02.02.2012
1.
Ehrlich gesagt, mir kommt die junge Dame ein wenig verwöhnt vor. Das Geld sollte ausreichen um zu studieren, selbst ohne den Kredit. Klar muss man sich ein wenig einschränken, aber das müssen Studenten anderswo auch. Die sollte sich mal in den USA umsehen, da sind die Bedingungen ungleich härter. Und das Studium soll auf das leben vorbereiten, da sind ein kleiner Nebenjob und ein wenig Einschränkungen gar nicht mal so falsch.
Atheist_Crusader 02.02.2012
2.
Millionen von Studenten reißen sich den Arsch auf um ihr Studium zu finanzieren, haben sogar zwei Jobs nebeneinander oder nehmen Kredite auf an deren Abzahlung sie noch Jahre lang zu knabbern haben... und dieser Dame beschwert sich, dass sie nicht ALLES geschenkt kriegt? Sorry, hab ich kein Verständnis für. Das Geld reicht offensichtlich zum Leben, und wenn nicht und sie keinen Kredit aufnehmen will (für diese 400 Euro Zusatz-BäFöG dürften die Zinsen auch nicht zu hoch sein) muss sie halt mal ein Wochenende opfern und was dazuverdienen. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" sagt man hierzulande, und das gilt auch für Studenten. Wenn man keine spendablen Eltern hat, dann ist das halt nicht die Zeit, in der man prassen kann. Punkt.
janne2109 02.02.2012
3.
Zitat von cs01Ehrlich gesagt, mir kommt die junge Dame ein wenig verwöhnt vor. Das Geld sollte ausreichen um zu studieren, selbst ohne den Kredit. Klar muss man sich ein wenig einschränken, aber das müssen Studenten anderswo auch. Die sollte sich mal in den USA umsehen, da sind die Bedingungen ungleich härter. Und das Studium soll auf das leben vorbereiten, da sind ein kleiner Nebenjob und ein wenig Einschränkungen gar nicht mal so falsch.
das sehe ich anders, wer gute Zensuren vorweisen kann, nicht von den Eltern unterstützt werden kann, bekommt selbst in den 1A Universitäten ein Stipendium. Wenn das Härte bedeutet? Und es scheint mir, dass Sie Dänemark und die Preise dort nicht so gut kennen.
mouseware 02.02.2012
4. Nö, kein Titel
Zitat von sysopStudenten in Dänemark bekommen bis zu 737 Euro vom Staat*- geschenkt. Eine junge Dänin klagt nun: Das reicht hinten und vorne nicht. Mit einem Zeitungsartikel löste sie heftige Debatten aus, die im Bafög-Land Deutschland höchst seltsam anmuten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,811895,00.html
Ja, da sieht man wohin eine "Rundum-Versorgung" letztlich führt: Der Wunsch der Studentin sich auch mal ein Bier oder eine Latte leisten zu können ist ja absolut nachvollziehbar und kein Wunsch nach übertriebenen Luxus. Aber sie hat nicht verstanden dass sie für dieses bisschen mehr schlicht und ergreifend selbst verantwortlich ist. Also einfach 2 oder 3 mal im Monat einen Nebenjob für ein paar Stunden machen - ein bisschen mehr Leistung zeigen - und sie kann sich das prima erlauben. Nur weil sie das nicht verstanden hat wird der vermeintlich einfache Weg gewählt: Es wird mehr Geld vom "Staat" gefordert, weil eine gute Ausbildung ja im Interesse des Staates ist. Und wer bringt das Geld dafür dann auf? Der Nachbar, der morgens um 6.00 Uhr aufsteht und zur Arbeit geht. Diesem begreiflich zu machen, dass er zukünftig besser um 5.50 Uhr aufsteht und in den 10 Minuten das Bier der Studenten-Nachbarin verdienen soll dürfte aber auch recht schwer werden.
Reg Schuh 02.02.2012
5. Es sind Luxus-Sorgen
Dänische Lebenshaltungskosten kann ich nicht einschätzen, ebensowenig den Jobmarkt für Studenten. Einschätzen kann ich, daß in der Studienzeit schlicht und einfach nicht drin war, ohne nachzudenken in ein Café zu gehen. Klar! Das tun zu können IST Luxus, ebenso eine komplett eigene Wohnung in der Studienzeit. Wenn das nicht geht, dann geht das halt nicht. Es wird immer jemanden geben, der reicher ist und jeden Samstagabend ausgeht. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, wo ich mein erstes "richtiges" Gehalt bekommen habe, und endlich mal im Supermarkt eingekauft habe, wonach mir gerade war, ohne nachzudenken.... Sparen und ein schlechtes Gewissen sind zwei ganz andere Dinge. Selbst wenn man über die Nachhaltigkeit der Lebensmittel aus dem Netto-Discounter nachdenkt.
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