Damenverbindungen "Haben wir dich zur Spießerin erzogen?"

Studentenverbindungen galten lange als Männerdomäne, doch inzwischen gefällt auch Frauen die Tradition. Allerdings ecken sie oft doppelt an: Einige Burschenschafter finden sie zu emanzipiert und linke Kommilitonen zu konservativ.

Von

Bernd Kramer

Der Festabend steht kurz bevor: Eine Studentin stellt Prosecco-Gläser zu Grüppchen auf die Tischreihen. Andere studieren schon mal das Heft mit den althergebrachten Liedern. "Ändert ihr die Texte eigentlich?", fragt eine in die Runde. "Wenn wir bei uns singen, lassen wir zumindest die ganzen Schläger-Strophen raus."

Irgendwo am Rand bügelt eine Studentin ihre gold-grün-blaue Schärpe auf einem Stuhlpolster, weil im ganzen Haus kein Bügelbrett zu finden war. Sonst wohnen nur Männer in dem Kölner Haus, in dessen Vorgarten ein Fahnenmast steht. "Wie machen die das eigentlich mit ihren Hemden?", fragt jemand.

Die Kölner Verbindungsstudenten, die eigentlichen Hausbewohner, haben Festsaal und Brauchtum den Studentinnen überlassen. Sie sind aus allen Ecken Deutschlands zum Damenverbindungstreffen gekommen.

Inzwischen gibt es einige Studentenverbindungen nur für Frauen. Dabei galt die Welt der Studentenkorporationen lange als Männerdomäne mit all dem militärisch anmutenden Brimborium: Uniformen und Fechtübungen, lateinische Trinksprüche und Gelage in vertäfelten Sälen. Das Verbindungsprinzip lautet: lebenslange Treue zur Gemeinschaft und ein günstiges Zimmer in Studientagen. Wer in den Beruf eintritt, bleibt seiner Verbindung als so genannter Alter Herr verpflichtet und unterstützt die nachfolgende Generation.

Damenverbindungen verzichten aufs Fechten

Dass auch Studentinnen dieser Idee nacheifern, ist ein recht neues Phänomen. Von den 46 Damenverbindungen, die es derzeit in deutschen Uni-Städten aktiv sind, entstanden rund 30 erst im Laufe der vergangenen zehn Jahre.

So wie die Akademische Damenverbindung Agrippinia, die dieses Mal das Jahrestreffen organisiert hat. Als die Psychologie-Studentin Friederike Baumann, 29, die Kölner Damenverbindung vor sieben Jahren mitgegründet hat, wollte sie den männlichen Kollegen in nichts nachstehen: Ein Wappen haben sich die Studentinnen gegeben, ein Motto und Erkennungsfarben. Königsblau für den Rhein, Gold für die moralischen Werte im Leben, Grün für das Rheinland. Nur aufs Fechten verzichten die Agrippinen, so wie alle anderen Damenverbindungen auch. "Eine Narbe im Gesicht sähe bei einer Frau auch nicht gut aus", findet Friederike Baumann.

Es muss keine Narbe sein, aber etwas, das bleibt. Gerade wo Jobs, Freundschaften, Beziehungen brüchig werden, gewinnt die Idee einer solchen Verbindlichkeit ihren Reiz: "Das Lebenslange", sagt Friederike Baumann, "das macht es aus." Ihre Bundesschwestern nicken.

Zimmer im Mehrparteienhaus statt in Gründerzeitvilla

Anna Fiechel, 31, trägt stolz die Farben der Akademischen Damenverbindung Victoria zu Hannover, die sie vor vier Jahren mit geschaffen hat. In Gold, Braun und viel Weiß lässt die Verbindungskappe die Sonderpädagogin ein wenig wie eine Matrosin aussehen. Das Lebensbundprinzip? Wenn Anna Fiechel davon spricht, bekommt sie leuchtende Augen. "Ich finde die Vorstellung toll", sagt sie, "dass ich später einmal im Jahr an meinen alten Studienort zurückkomme und junge Studentinnen unterstützen kann."

Für die meisten Studentinnen sind ihre Verbindungen ein Experiment; wenn es klappt, sind sie die erste Generation einer langen Tradition. Bisher gibt es nur wenige Beispiele, bei denen es schon einen festen Kreis so genannter Hoher Damen gibt, die die Aktiven unterstützen.

Die 1985 gegründete Berliner Verbindung Lysistrata ist eines davon. Mit der Hilfe der Bundesschwestern im Beruf haben die Studentinnen nun das, wovon all die anderen Verbindungen noch träumen: eine "Konstante", ein dauerhaftes Domizil - allerdings keine Gründerzeitvilla mit Fahnenmast, sondern eine Wohnung in einem Mehrparteienhaus. Die Versammlungen halten die Studentinnen im Wohnzimmer ab. Der Fernseher kommt dann raus, das Wappen an der Wand bleibt.

Die meisten anderen Damenverbindungen treffen sich dagegen in den Verbindungshäusern der Männer. Ausgerechnet - denn manch männlicher Kommilitone war am Anfang nicht gerade begeistert über die Frauen im Revier. "Ihr überlebt kein Jahr", haben sich Friederike Baumann und ihre Mitstreiterinnen in der Gründungsphase oft anhören müssen. Und manchmal guckt heute noch ein männlicher Verbindungsneuling verdutzt, wenn plötzlich farbentragende Frauen an der Haustür klingeln und nach alter Sitte ein Begrüßungsbier verlangen.

Entsetzte Eltern: "Haben wir dich zu so einer Spießerin erzogen?"

"Man muss sicher etwas entschlossener auftreten, wenn man sich in so eine Männerdomäne stürzt", sagt Friederike Baumann. Und die Hannoveranerin Anna Fiechel findet: "Was wir machen, hat schon etwas Emanzipatives."

Was einigen Verbindungsstudenten vielleicht zu emanzipiert vorkommt, sehen andere dagegen als Rückschritt in verstaubte Zeiten. Ihre Eltern, erzählt Friederike Baumann, seien noch in den Nachwehen der 68er Revolte zur Uni gegangen und hätten am Anfang fast entsetzt auf ihre Idee reagiert: "Haben wir dich wirklich zu so einer Spießerin erzogen?"

Auch dem linken Studentenmilieu ist die weibliche Gründungswelle in der Verbindungswelt suspekt. Die Alternative Liste aus dem Kölner Uni-Parlament spricht auf ihrer Homepage von einer bedauerlichen Entwicklung, die mit Feminismus nichts zu tun habe.

Friederike Baumann berichtet sogar davon, dass linksradikale Studenten einmal abends auf dem Campus auf die farbentragenden Frauen losgegangen seien. Aus Spaß hätten die Studentinnen damals gemeinsam mit männlichen Verbindungskollegen die Aufnahme des Uni-Patrons Albertus Magnus in die Verbindung zelebriert. Sie hängten der Statue des mittelalterlichen Gelehrten eine Schärpe um, stießen mit Kölsch an und sangen. Den Studenten, die vorbeikamen, gefiel das offensichtlich nicht: Zwei hielten jeweils ein Verbindungsmitglied fest, erzählt Friederike Baumann, der Dritte schlug zu. Einige der Studenten erstatteten Anzeige gegen Unbekannt - ohne Ergebnis. "Die hatten richtig Hass auf uns", sagt sie.

Entmutigen lassen wollen sich die Studentinnen bei ihrem Damenverbindungstreffen in Köln nicht. Im Saal stoßen sie mit Prosecco an und singen traditionelle Lieder. Auch wenn die Texte fast nur von Männern handeln: "Oh alte Burschenherrlichkeit, wo bist du hin entschwunden…"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
ch@rybdis 18.10.2010
1. Erneut mangelhafte Recherche
Leider kommt es bei Berichten über akademische Verbindungen immer wieder zu Recherchefehlern, auch SPON und auch erneut in diesem Artikel. Zum einen heißt es immer noch nicht "Burschenschaftler" sondern wenn dann "Burschenschafter". Darüber hinaus erweckt die ausschließliche Nennung eines Zweiges von Studentenverbindungen erneut den Eindruck, alles was männlich ist und bunte Bänder trägt, ist automatisch Burschenschafter. Wann, werte Autoren, werden Sie endlich begreifen, dass Burschenschaften nur eine Art der Gruppierung neben Corps, Turnerschaften, Sängerschaften, Landsmannschaften etc. etc. sind? Immer dieses über einen Kamm scheren, damit machen Sie eine gesellschaftliche Akzeptanz von Gruppierungen, in denen der Generationenvertrag noch funktioniert, äußerst schwer. Und bevor auf Basis dieses Artkiels jetzt mögliche Tiraden über Emanzipation etc. kommen: in anderen Ländern (Beispiel: Baltikum) sind Damenverbindungen seit ungefähr 100 Jahren an der Tagesordnung. Die Geschichte der Damenverbindung ist also mitnichten erst 10 oder 20 Jahre alt, einige können auf einen 100jährige Tradition zurück blicken. Nicht zu vergessen die gemischten Verbindungen.
Aquifex 18.10.2010
2. Wer während des Studiums...
...zu solchen Banalitäten noch Zeit findet, macht ohnehin etwas falsch und sollte sich mal überlegen, ob die dafür aufgewendete Zeit (gerade im Lichte der aktuellen hartz IV Debatte und der damit verbundenen Haushaltslage) nicht sinnvoller zu nutzen wäre. Der Wert vieler dieser Vitamin B Clubs geht ohnhin spätenstens dann verloren, wenn man für einen Job wirklich etwas können muß...
Nbass, 18.10.2010
3. Nicht zu fassen
Zitat von Aquifex...zu solchen Banalitäten noch Zeit findet, macht ohnehin etwas falsch und sollte sich mal überlegen, ob die dafür aufgewendete Zeit (gerade im Lichte der aktuellen hartz IV Debatte und der damit verbundenen Haushaltslage) nicht sinnvoller zu nutzen wäre. Der Wert vieler dieser Vitamin B Clubs geht ohnhin spätenstens dann verloren, wenn man für einen Job wirklich etwas können muß...
Ich bitte Sie, etwas weniger Engstirnigkeit würde auch Ihnen sicherlich gut stehen. Ich bin weder Corps, noch Tuner, noch sonstirgendwas sondern ein stinknormaler freier Student. Aber ich kann verstehen dass es viele Menschen gibt die sich an dieser Idee erfreuen und sie leben möchten. Auch Frauen, warum auch nicht. Nur weil ich es selbst nicht möchte kann ich doch akzeptieren dass andere anders denken. Eins habe ich aber neben meinem Studium auch mehr als genug, Zeit für Kindereien. Dennoch werde ich nach Abschluss meines Studiums einen Diplomgrad führen und behalte mir vor einen Doktor der Wirtschaftswissenschaften anzuhängen. Glauben sie mehr ich werde auch ohne Vitamin B meinen Weg gehen können, und das wird auch bei den netten Studenten aus dem Verbindungswesen nicht anders sein. Ihre Meinung, auch wenn Sie das so nicht gemerkt haben trifft nicht die Verbindungsstudenten. Vielmehr beleidigen Sie alle Studenten die sich nicht ins dunkle Kellerloch verziehen um den ganzen Tag zu lernen (ich wollte pauken schreiben aber das ist in dem Zusammenhang ja doch etwas zweideutig). Ich habe ein leben und nein ich bin kein ewig gestriger, ich bin das komplette Gegenteil des !stereotypen! Verbindungsstudent. Optisch wie wesentlich fühle ich mich der Hip Hop Kultur zugehörig und lebe ein Modernes weltgewandtes Leben. Diese Information nur um etwaigen Vorurteilen vorzubeugen.
syracusa 18.10.2010
4. @ Aquifex
Zitat von Aquifex...zu solchen Banalitäten noch Zeit findet, macht ohnehin etwas falsch und sollte sich mal überlegen, ob die dafür aufgewendete Zeit (gerade im Lichte der aktuellen hartz IV Debatte und der damit verbundenen Haushaltslage) nicht sinnvoller zu nutzen wäre. Der Wert vieler dieser Vitamin B Clubs geht ohnhin spätenstens dann verloren, wenn man für einen Job wirklich etwas können muß...
Keine Sorge, es gibt genügend Jobs, bei denen man nix können muss: Banker, Politiker, ...
Aquifex 18.10.2010
5. ...was auch durchaus so gemeint war...
Zitat von NbassIch bitte Sie, etwas weniger Engstirnigkeit würde auch Ihnen sicherlich gut stehen. Ich bin weder Corps, noch Tuner, noch sonstirgendwas sondern ein stinknormaler freier Student. Aber ich kann verstehen dass es viele Menschen gibt die sich an dieser Idee erfreuen und sie leben möchten. Auch Frauen, warum auch nicht. Nur weil ich es selbst nicht möchte kann ich doch akzeptieren dass andere anders denken. Eins habe ich aber neben meinem Studium auch mehr als genug, Zeit für Kindereien. Dennoch werde ich nach Abschluss meines Studiums einen Diplomgrad führen und behalte mir vor einen Doktor der Wirtschaftswissenschaften anzuhängen. Glauben sie mehr ich werde auch ohne Vitamin B meinen Weg gehen können, und das wird auch bei den netten Studenten aus dem Verbindungswesen nicht anders sein. Ihre Meinung, auch wenn Sie das so nicht gemerkt haben trifft nicht die Verbindungsstudenten. Vielmehr beleidigen Sie alle Studenten die sich nicht ins dunkle Kellerloch verziehen um den ganzen Tag zu lernen (ich wollte pauken schreiben aber das ist in dem Zusammenhang ja doch etwas zweideutig). Ich habe ein leben und nein ich bin kein ewig gestriger, ich bin das komplette Gegenteil des !stereotypen! Verbindungsstudent. Optisch wie wesentlich fühle ich mich der Hip Hop Kultur zugehörig und lebe ein Modernes weltgewandtes Leben. Diese Information nur um etwaigen Vorurteilen vorzubeugen.
Es ist durchaus der mangelnde Wille zur Leistung, der soviele Akademiker arbeitslos läßt. Wie oft bekomme ich Bewerbungen auf den Tisch, in denen sich ein Absolvent nach 18 Semstern Diplomstudium als hoch kompetent anpreist, in Wahrheit aber das wichtigste vermissen läßt. Wieviele Ingenieure wedeln mit ihrem Diplom und melden gleich nach der Uni Führungsansprüche an, ohne auch nur einen Handschlag echter Industrie-Forschung getan zu haben. Die Einstellung, das Studenteleben diene vor allem der Selbstverwirklichung und Selbstfindung und habe daher auch für jeden offen zu stehen ist vollkommen realitätsfremd. Das hat sich nur leider noch immer nicht rumgesprochen. Auslandssemester sind nett, aber wenn der Rest nicht stimmt völlig wertlos. Verbindungszugehörigkeit mag dem einen als Ausdruck sozialer Kompetenz erscheinen, ist aber ebenfalls völlig wertlos, wenn das Studium überdurchschnittlich lange dauerte. Die Anforderungen, die die Industrie an absolventen stellt, sollten eigentlich klar sein. Und dennoch wundern sich so einige, daß sie offenbar doch nicht alles richtig gemacht haben. Als allererstes kommt das Studium. Den Rest muß man schon gut abwägen. Und hier kommen dann die indischen Kollegen ins Spiel, die in der "Wir brauchen mehr Einwanderung"s-Debatte immer genannt werden. Fragen Sie sich mal, warum...
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