Debatte über Zwangsexmatrikulation Volle Härte contra harte Fälle

Wohin mit Alt-Studenten, die noch Diplom oder Magister anstreben? Sollen die Unis sie rauswerfen? Oder weitermachen lassen? Erst beraten - und dann mit Zwang hinausbefördern, sagt Frank Stäudner vom Stifterverband. Student Patrick Schnepper widerspricht: Rausschmisse sind fatal.

dpa


Standout / Bussenius

PRO

Frank Stäudner, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Zwangsexmatrikulation kann auch helfen

Die Zwangsexmatrikulation ist das schärfste Schwert, das eine Hochschule im Umgang mit ihren Studenten hat. Die einseitige Kündigung des akademischen Ausbildungsvertrags darf deshalb nur sorgsam und behutsam eingesetzt werden. Sie muss das letzte Mittel bleiben. Doch manchmal wird ein Rauswurf unumgänglich.

Gegenwärtig findet die größte Hochschulreform der jüngeren Geschichte ihren Abschluss. Wer heute ein Studium aufnimmt, studiert nicht mehr auf Diplom oder Magister, sondern Bachelor und Master. Mehrere Jahre haben die Hochschulen alte und neue Studiengänge parallel angeboten. Acht Jahre lang, von 2002 bis 2010, war es beispielsweise nach Zahlen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft möglich, einen Physik-Diplom- oder einen Physik-Bachelor-Studiengang zu beginnen. Für Studenten in den alten Studiengängen gab und gibt es großzügige Übergangsregeln. An der Fernuni Hagen werden erst 2020 keine Diplom- und Magisterprüfungen mehr abgelegt werden können. Anderswo fällt die Axt schneller. Die Kölner Universität hat jetzt 32 Langzeitstudenten exmatrikuliert. Darf sie das?

Endlich einen Knopf dranmachen

Ja, natürlich. Denn der Rauswurf kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Jahren war allen Betroffenen bewusst, dass die alten Studiengänge auslaufen. Die Universität bot großzügige Übergangsregeln an - so großzügig, dass unter den 32 Zwangsexmatrikulierten Leute sind, die nach 16 Semestern noch nicht einmal die Vordiplomsprüfung abgelegt haben. Es gab Beratungstermine und Hilfe. Die Studenten hatten praktisch alle Zeit der Welt. Die große Mehrzahl hat längst Diplom oder Magister in der Tasche. Andere haben rechtzeitig die Chancen genutzt, mit den alten Scheinen in die neuen Bachelor-/Master-Studiengänge zu wechseln. Es hilft vielleicht auch, sich die Dimension des Problems zu vergegenwärtigen. Die Universität Köln hat 36.000 Studierende. 32 davon sind jetzt vom Rauswurf betroffen. Bei jeder Reform kommt irgendwann der Zeitpunkt, endlich einen Knopf dranzumachen.

Im Debattenblog des Stifterverbands halten sich Befürworter und Gegner der Zwangsexmatrikulation momentan die Waage. Manche Kommentatoren begrüßen mit einer gewissen Häme, dass es den Bummelstudenten endlich an den Kragen geht. Das finde ich unpassend. Es gibt Lebensumstände, die lange Studienzeiten rechtfertigen - Engagement in der Hochschulpolitik etwa oder die Pflege von Angehörigen.

Gleichwohl ist es nicht zu viel verlangt, sich mit den Rahmenbedingungen des eigenen Studiums und den Konsequenzen aus einer großen Reform zu beschäftigen. Es ist doch gerade ein konstituierendes Element des Studiums zu lernen, sich selbständig in neue Wissensgebiete einzuarbeiten. Diejenigen, die jetzt vom Rauswurf überrascht worden sind oder es zumindest behaupten, können sich daher schlecht auf Unkenntnis berufen. Wenn es so war, dann war es eine selbstverschuldete Unmündigkeit.

Sanfter Zwang kann heilsam sein

Was die Kritiker gern vergessen: Eine Zwangsexmatrikulation kann auch eine Hilfe sein. Wer ziellos studiert und dem Abschluss nicht näher kommt, wäre womöglich besser beraten, etwas anderes zu tun. Manchmal kann auch ein sanfter Zwang heilsam sein. Erst recht, wenn es zuvor vielfältige Hilfen gab, von der psychologischen Beratung bis zum Coaching. Vor 25 Jahren, als der Autor dieses Textes studierte (elf Semester Physik an der Uni Karlsruhe auf Diplom), blieben die Studenten mit ihren Problem noch alleine. In der Hochschulwelt von heute ist das längst anders - und besser.

Eine Sache zum Schluss, die mich richtig ärgert: Einzelne Studentenvertreter und Professoren benutzen die Kölner Causa für eine generelle Kritik an der Bologna-Reform. So nach dem Motto: Früher war alles freier und besser. Doch das stimmt erstens nicht, wie viele vom Stifterverband geförderte Reformstudiengänge zeigen, in denen Studienzeiten kürzer, Abbrecherquoten geringer und der Berufseinstieg leichter geworden ist. Zweitens ist die Angelegenheit für die Betroffenen zu ernst, als dass man auf ihrem Rücken einen hochschulpolitischen Streit austragen sollte.

Frank Stäudner, 45, ist Leiter Kommunikation und Presse beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Der Stifterverband gehört seit langem zu den Befürwortern der Bologna-Reform.

Franz Hamm

CONTRA

Patrick Schnepper, Studenten-vertreter aus Köln

Die Rausschmisse sind fatal

Bundesweit wird die Zwangsexmatrikulation von Alt-Studenten aus den Diplom- und Magister-Studiengängen zu einem riesigen Thema. Die Empörung ist jetzt schon groß, das Signal an die Bildungsrepublik Deutschland ist fatal.

Die Argumente, mit denen die Maßnahmen der Hochschulen gerechtfertigt werden, sind immer die gleichen und wurden schon zur Einführung von Studiengebühren gern herangezogen. So hält sich das hartnäckige Gerücht, die Arzthelferin würde dem Arztsohn das Studium finanzieren oder die Mär von faulen Studenten, die der Gesellschaft auf der Tasche liegen. Doch die Gründe, warum Studenten mehr Zeit als die sogenannte Regelstudienzeit für ihr Studium benötigen, werden selten kritisch hinterfragt.

Dabei gibt es viele Hürden, die junge Menschen an einem zügigen Studium hindern. Der Wichtigste: die Erwerbsarbeit. Das Deutsche Studentenwerk hat ermittelt, dass zwei von drei Studierenden neben ihrem Studium noch einem Job nachgehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine Studienzeitverlängerung ist also bei den meisten programmiert. Glaubt man den Zahlen des Studentenwerks, nimmt der Job im Durchschnitt bereits 30 Prozent des für ein Vollzeitstudium vorgesehenen Zeitbudgets ein.

Oft sind auch die Hochschulen schuld

Auch die Hochschulen selbst sorgen in vielen Fällen dafür, dass sich ein Studium verlängert. Hunderte Studenten gehen jedes Semester bei der Vergabe von Seminaren und Übungen leer aus. Klausurtermine werden nur jährlich angeboten, oder Bibliotheken werden während der Klausurphase geschlossen und renoviert. Oft mangelt es auch einfach an der Kommunikation, und es gibt undurchsichtige Zuständigkeiten an den Hochschulen. Stelle A gibt eine andere Auskunft als Stelle B, der Student hat am Ende das Nachsehen und schnell ein wertvolles Studiensemester verloren. Die Prüfgremien an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen haben jedes Semester Hunderte nicht von den Studenten verursachte Studienzeitverlängerungen angezeigt bekommen - und dennoch soll nun rigoros zwangsexmatrikuliert werden.

Härtefälle wie chronisch Kranke, Studierende mit Kind oder Studierende mit Behinderung kommen in den meisten Argumentationen erst gar nicht vor, gibt es doch angeblich weitreichende Härtefallregelungen. Dass diese nicht ausreichen oder nicht eingehalten werden, zeigt der Fall des Kölner Studenten Jan Weber. Er hat alle von der Hochschule und vom Gesetzgeber kommunizierten Regelungen eingehalten und soll nun trotzdem vor die Tür gesetzt werden. Das Hochschulgesetz in NRW sieht vor, dass Studierenden, die sich in der Studierendenvertretung engagieren, keine Nachteile entstehen dürfen. Die Auslaufordnung des betreffenden Studiengangs sieht ebenfalls vor, dass solche gesetzlichen Schutzbestimmungen übernommen werden müssen. Er hatte sich darauf verlassen und sich neben seinem Job und seinem Studium hochschulpolitisch in der Studierendenvertretung engagiert. Doch anders als zum Beispiel beim Bafög oder bei den Studiengebühren wurde sein Härtefallantrag abgelehnt. Zu Recht zieht er nun gegen diese Entscheidung vor Gericht.

Es geht auch anders!

Es zeigt sich, dass sich ein Blick auf die individuellen Gründe für eine Studienzeitverlängerung lohnt, denn die meisten Studierenden bleiben nicht ohne Grund länger an ihrer Alma Mater als sie müssen. Zudem stellt sich die Frage, warum die Hochschulen gerade jetzt anfangen, rigoros Alt-Studenten zu exmatrikulieren - wäre es in den meisten Fällen doch gar kein Aufwand, den Betroffenen den erfolgreichen Abschluss ihres Studiums zu ermöglichen. Nicht zu Unrecht ist die größte Kritik an der Bologna-Reform, dass die alten Studiengänge in das Bachelor-Master-System hineingequetscht wurden. Die meisten Lehrveranstaltungen finden sich also irgendwo in den neuen Studiengängen wieder.

Die Universität Siegen zeigt, dass es auch anders geht: Recht mühelos lässt die Hochschule ihre Diplom- und Magister-Studiengänge ganz ohne Zwangsexmatrikulationen auslaufen - und das ist Ideal im Sinne aller, die betroffen sind.

Patrick Schnepper, 31, studiert Biologie (auf Diplom) und Volkswirtschaftslehre (auf Bachelor) an der Universität zu Köln. Er engagiert sich als Studentenvertreter im AStA und beim Landes-Asten-Treffen NRW.



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Seite 1
-fezi- 01.09.2011
1. Hier gilt es mit Maß und Ziel
Zitat von sysopWohin*mit Alt-Studenten, die noch Diplom oder Magister anstreben? Sollen die*Unis sie rauswerfen?*Oder weitermachen lassen?*Erst beraten - und dann mit Zwang hinausbefördern, sagt Frank Stäudner vom Stifterverband. Student Patrick Schnepper widerspricht: Rausschmisse sind fatal. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,783587,00.html
an die Sache heranzugehen. Eine Zwangsexmatrikulation würde in nicht wenigen Fällen ganze Lebensentwürfe scheitern lassen, was in einer Gesellschaft für die Papier alles ist, mehr als fatale Folgen hätte. Aus meiner Sicht spricht durchaus nichts dagegen, sich tatsächlich mal persönlich mit den betroffenen Studenten zu unterhalten, die Gründe für das lange Studium zu erfragen und herauszufinden, ob und wie es erfolgreich beendet werden kann. Auch wenn das nur im Prinzip gewährleistet werden kann, ein Student ist ein Mensch mit dem fair umgegegangen werden muss und keine Nummer.
großwolke 01.09.2011
2. .
Mal wieder eine Phantomdebatte. Wie die Zahlen des Herrn Stäudner Zeigen, sind da pro Uni doch kaum Leute überhaupt betroffen. Und in den allermeisten Fällen sind das, wie an den Beispielen zu sehen ist, solche, die die Studienordnung schon ziemlich genau kennen müssen, um ihre enormen Überziehungen überhaupt durchzubekommen. Übrigens: an alle Möchtegern-Akademiker, die es irgendwie nicht so richtig auf die Reihe kriegen: ein Leben ohne Abschluss ist nicht das Ende der Welt. Wer für sich das Modell Arbeit + Studium in endlosen Semestern als praktikabel erprobt hat, der kann auf dem zweiten Bildungsweg ganz regulär in langsamer Zielstrebigkeit Zusatzqualifikationen erwerben. Ich kenne ein paar, die über die Einstiegsgehälter von Studierten nur noch müde lächeln können, ohne je eine Uni von innen gesehen zu haben.
hr_schmeiss 01.09.2011
3. ...voll geil...
...volle Härte - was soll denn das sein? "Voll", ein Attribut, das noch gar nicht so lange her eher in pubertären oder anderen Randbereichen der Sprache vorkam (voll geil, boah; voll gut; volle Kanne...), hält plötzlich in eher renommierten Blättern Einzug. "Volle Wucht" ist voll geil zur Zeit, Wellen treffen mit voller Wucht, der Ab-/Aufschwung trifft die Wirtschaft mit voller Wucht und so, voll cool! Man spürt richtig die Kraft in den Fingern, wenn man das so hintippt, boah ej! "Voll" ist mir jedenfalls auch noch in anderer Bedeutung bekannt, und ich frage mich, ob die Redack-töre so langsam nicht ihr letztes bisschen Sprachgefühl versoffen haben...
petermalysia 01.09.2011
4. Das waere ja mal was neues :-)....
Schoene Nomen "Zusammenklebung": Zwang-Sex-Matrikulation Aber die Unis sollten das mal ausprobieren, ich glaub es wuerde vielen gefallen :-))
franksterling 01.09.2011
5. -
beim lesen der ueberschrift denke ich sofort rauswerfen. unis kosten geld und sind ein privileg. wenn das jemand nicht einsieht und dies durch extrem lange studienzeiten zum ausdruck bringt hat er an der uni nichts verloren. andererseits kenne ich einige leute die sehr lange an der uni waren und letztlich doch mit dem angestrebten abschluss beendet haben. in studiengaengen in denen die plaetze stark begrenzt sind (z.b. zahnmedizin) gibt es dieses herumstudieren sowieso nicht. darauf wird geachtet. ob man das heer an paedagogen abstrafen sollte ist fraglich. sinnvolle waere sicherlich bei den studiengaengen bei denen es besonder viele haenger gibt ne quote von plaetzen, immatrikulierten studenten und abschluessen zu bilden und dementsprechend die eingangskriterien verschaerfen.
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