Debattier-Wettstreit "Den machst du fertig"

Wer stockt, verliert, wer heiße Luft fabriziert, auch: Im verwaisten Bonner Wasserwerk lieferten sich die Teilnehmer der Deutschen Debattiermeisterschaften Schlachten am Rednerpult. Die Nachwuchs-Rhetoriker stritten über Sterbehilfe und die Abschaffung des Abseits beim Fußball. Dafür muss man keine Rampensau sein. Aber es hilft.

Von Tobias Haberl


"Rampensau": Debattierer Christian Blum
Tim Holthaus

"Rampensau": Debattierer Christian Blum

Der Mann zeigt keine Anzeichen von Nervosität. Kein "Äh", kein "also", kein Kratzen am Kopf. Wenn Christian Blum Reden hält, legt er einfach los. Seine Stimme ist einnehmend, er selbst über die Maßen präsent. Seine Hände greifen lässig an die Seiten des Rednerpults, wie bei einem großen Staatsmann. Souverän, selbstbewusst, mitreißend. Nur ohne Anzug. Dafür mit Jeans und Stoppuhr.

Christian Blum ist nämlich weder Politiker noch Firmenboss. Er ist Student, 26, aus Berlin. Und obwohl er nicht im Parlament steht, sondern in einem Hörsaal der Universität Bonn, muss er in Regierungsverantwortung einen Antrag zum Thema Fußball durchfechten. Nicht gerade sein Spezialgebiet, aber das merken weder die Opposition noch das Publikum, so flüssig argumentiert er da vorne, während seine großen Augen zwischen den Notizen und dem Publikum hin- und herhüpfen.

"Abseits abschaffen"

Christian Blum ist einer der 150 Teilnehmer der vierten Deutschen Debattiermeisterschaften der Hochschulen in Bonn. Zusammen mit seinem Partner Florian Wichelmann, 23, bildet er das Team Berlin I, das zu den Topfavoriten für das große Finale im ehemaligen Bundestag, dem Wasserwerk Bonn, zählt. Schließlich hat er sowohl den Team- als auch den Einzeltitel schon einmal errungen.

Gestik, Logik, Redefluss: Nachwuchsrhetoren in Aktion
Tim Holthaus

Gestik, Logik, Redefluss: Nachwuchsrhetoren in Aktion

Und Florian Wichelmann, der mit seinem Dreitagebart eher wie ein Surf- denn ein Rhetorikfan aussieht, ist sowieso eine "Rampensau" mit "völlig überdrehtem Selbstbewusstsein".

"Das abzuschaffen, wo sie, liebe Opposition, sich derzeit befinden, nämlich das Abseits, das finde ich sehr gut." Solche Sätze sitzen, die hallen nach, sind witzig und erwischen den Gegner ganz schräg von der Seite. Christian Blum punktet, die Zuhörer klatschen. Alles Studenten: Philosophen, Politikwissenschaftler, Juristen, aus Heidelberg, Tübingen oder Berlin. Manche tragen Anzug, andere Jeans, einer sogar ein Fußballtrikot. Auch die Jury ist begeistert. 84 Punkte für Christian Blum. Ein Spitzenwert. Inhalt, Methode, Form, eben alles großartig aufeinander abgestimmt. Berlin I ist eine Runde weiter.

"Nie ein schüchternes Häschen"

Warum stellen sich junge Leute ein Wochenende lang in einen Hörsaal und debattieren ernsthaft über EU-Verfassung und Sterbehilfe oder spaßhaft über eine Aufhebung der Geschlechtertrennung beim Fußball?

Das hohe Haus lauscht: Zuschauer im ehemaligen Bundestag
Tim Holthaus

Das hohe Haus lauscht: Zuschauer im ehemaligen Bundestag

"Weil es Spaß macht", sagt Christian Blum. "Weil es Sicherheit schafft, wenn man mit Sprache exakt umgehen kann, das hilft bei Prüfungen, Bewerbungsgesprächen und im Alltag." Seine Kontrahentin Melanie Amann stimmt Christian zu. "Ich war nie ein schüchternes Häschen, aber vor ein paar Jahren hätte ich mich das nicht getraut." Heute legt sie schon mal mitten im Plädoyer souverän die Hand von oben herab auf die Schulter ihres Kontrahenten. Deine Argumente, will sie damit sagen, haben mich rein gar nicht beeindruckt.

Seitdem Christian Blum vor fünf Jahren die "Berlin Debating Union" mitbegründet hat, wächst die Zahl der Hochschüler, die regelmäßig Reden schwingen, rasant. Seit 2001 gibt es einen Debattier-Dachverband mit inzwischen 27 Clubs. Vorbild ist Großbritannien, wo das Debattieren eine lange Tradition hat. Cambridge gründete 1815 den ersten Debating Club, Oxford zog acht Jahre später nach. Und jetzt, fast zwei Jahrhunderte später, Unis in Deutschland.

Nach sieben Minuten ertönt die Klingel

Debattiert wird meistens im so genannten British Parliamentary Style, der Debattentradition des englischen Unterhauses. Ein festes Thema wird vorgegeben, zum Beispiel "Dieses Haus - gemeint ist ein fiktives Parlament - glaubt an ein Sterben in Würde". Dann haben vier Teams zu je zwei Studenten 15 Minuten Zeit für ein Brainstorming. Zwei Teams bilden die Regierungsfraktion, zwei andere die Opposition.

Florian Wichelmann: "Den machst du fertig"
Tim Holthus

Florian Wichelmann: "Den machst du fertig"

Die Regierung stellt einen Antrag. Zum Beispiel: "Wir fordern die Legalisierung aktiver Sterbehilfe in Deutschland." Die Opposition argumentiert dagegen. Jeder Redner hat sieben Minuten Zeit. Das macht acht mal sieben Minuten. Dann ertönt die Klingel, und die Jury bewertet Argumente, Aufbau, Redefluss und unterstützende Gestik. Höchst unterschiedlich sind die Redestile: Der eine macht mehr auf sonoren Regierungssprecher, der andere gibt den verständnisvollen Pastor, der nächste den feurigen Agitator.

"Einfach sieben Minuten reden, das ist nicht so schwer", meint Christian Blum, "das Entscheidende ist, der Jury klarzumachen, wo die eigene Leistung in der Debatte liegt." Inhalte sind wichtig. Darum liest Christian nicht nur die großen deutschen Magazine und Zeitungen, sondern auch den Herald Tribune und den Economist.

Plädoyer für Gleichberechtigung

Im Viertelfinale dann der Schock. Christian Blum und Florian Wichelmann müssen einen schwachen Antrag der eröffnenden Regierung verteidigen. Die hat eine technische Universität für Frauen gefordert, und die Opposition aus Greifswald und Münster ist eben dabei, den Vorschlag lustvoll zu zerpflücken.

"Den machst du fertig", flüstert Florian Christian ins Ohr, bevor der ans Pult tritt, um ein flammendes Plädoyer für die Gleichberechtigung zu halten. Dann wieder die Gegenrede der Opposition.

Bonner Wasserwerk: Wer erringt die Lufthoheit über dem Rednerpult?
Tim Holthaus

Bonner Wasserwerk: Wer erringt die Lufthoheit über dem Rednerpult?

Die Berliner springen mehrmals erregt auf, halten die rechte Hand nach schräg oben, fordern Rederecht. "Bitte, meine Herren, bitte bleiben sie sitzen." Immer wieder werden sie abgeblockt. Florians Nacken ist rot, er selbst ist wütend, kann es nicht fassen. Am Ende reicht es nicht. Berlin I, der große Favorit ist ausgeschieden. "Ein Desaster", urteilt ein erfahrener Juror.

Beim Finale im ehemaligen Bundestag sitzen die Berliner im Publikum. Geschafft haben es zwei Teams aus Tübingen und je eines aus Heidelberg und Mainz - acht junge Männer im Anzug, die nervös sind, weil hinter ihnen der Bundesadler prangt. Und vor ihnen Norbert Blüm als Schirmherr.

Das neue Thema: "Dieses Haus glaubt: Bill Gates ist wichtiger als Goethe." Es gewinnen schließlich die Heidelberger, ein Historiker, ein Jurist, die überzeugend und nicht ohne Wortwitz klar gemacht haben, dass die von der Regierung geforderten Informatikgymnasien nun wirklich kein Mensch braucht.

Auf Christian Blum warten größere Aufgaben. In wenigen Wochen will er sich mit zwei Freunden, ebenfalls Debattierern, in Berlin selbstständig machen, Kommunikationstraining, Beratung von Verbänden und Konzernen, Optimierung von Kommunikationsströmen. Kunden habe man schon, verrät er. Und wieder erklärt er die Geschäftsidee so überzeugend, dass man nicht im Geringsten daran zweifelt, dass sie auch funktionieren wird.



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