Debattiermeisterschaft in China Kritisch denken für Anfänger

Chinesische Studenten diskutieren bei der Debattiermeisterschaft in Peking über Schummelei an der Uni und Militärbasen im Ausland - Vertreter der Kommunistischen Partei hören zu. Eine eiserne Regel gilt auch hier: Bloß keine Tabus brechen!

SPIEGEL ONLINE

Von Mathias Hamann


"Der Staat soll sich nicht einmischen", ruft die chinesische Studentin in den vollbesetzten Saal. "Das können Unis selber klären." Ein Fernsehsender überträgt live aus einem Kongresszentrum am Rande Pekings. Nachdem die Opposition gesprochen hat, tritt eine Vertreterin der Regierung ans Pult: die 20-Jährige Huiling Li. Sie erwidert: "Akademischer Betrug breitet sich aus, die Zeitungen berichten darüber, wir brauchen härtere Maßnahmen." Eine Stunde diskutieren sie auf Englisch, ob Schummelei an Hochschulen eine Straftat werden soll. Auch Guttenberg wird als Beispiel genannt.

Opposition im Streit mit der Regierung? In China? Im TV? Nicht ganz. Denn hier diskutieren keine Politiker, sondern Studenten beim FLTRP-Cup. Hinter der Abkürzung verbergen sich die chinesischen Meisterschaften im Debattieren auf Englisch, in diesem Jahr werden sie zum ersten Mal im Fernsehen übertragen. Eine Woche streiten Teams aus 128 Universitäten miteinander, die besten vier stehen nun im Finale.

Im Publikum sitzen nicht nur hunderte Studenten aus ganz China sondern auch Vertreter der Kommunistischen Partei. Die Bank of China und das Außenministerium fördern den Wettbewerb; die Gewinner bekommen einen Trip zur Debattier-WM nach Manila spendiert. Es verwundert schon ein bisschen, dass ausgerechnet China den Studentenstreit fördert. "Unis lieben Wettbewerbe", erklärt Steven Johnson. Der Amerikaner lehrt als Debattierprofessor an der Universität von Alaska und betreut die chinesischen Meisterschaften als Chefjuror. "Außerdem verbessert debattieren das Englisch, und seit 2005 hat das Bildungsministerium eine neue Leitlinie: Kritisches Denken", sagt er.

Debattieren ähnelt dem Ringen, nur mit Argumenten

"Debattieren hilft, Konflikte zu analysieren und sie kreativ zu lösen", erläutert der Hüne aus Alaska. Er glaubt, die Regierung wolle das für Gesellschaft und Geschäft nutzen. Vielen Chinesen falle es schwer, klar ihre Meinung zu vertreten. Sie sagten "ja", dächten aber "nein", genau das schade bei verbindlichen Absprachen im Geschäftsleben. "Der ritualisierte Streit kann da helfen", sagt er. Das chinesische Bildungswesen setze auf auswendig lernen; das Informationszeitalter erfordere aber kreative Analyse, sagt Johnson.

Debattieren ähnelt dem Ringen, nur mit Argumenten. Die Position wird zugelost, ob pro oder contra, also Regierung oder Opposition, kann sich kein Team aussuchen. Bei internationalen Turnieren gibt es 15 Minuten Vorbereitungszeit, hier haben die Studenten eine halbe Stunde inklusive Hilfe durch Coach und Internet. Danach müssen die Streiter abwechselnd ihre zugeloste Haltung verteidigen, am Ende entscheidet eine Jury, wer am besten argumentiert hat.

Die Themen bergen Zündstoff: Dürfen homosexuelle Ehepaare im Ausland chinesische Waisen adoptieren? Braucht China Militärbasen im Ausland oder sollen an den Schulen wieder Lieder aus der Revolutionszeit gelehrt werden? Da wettern die Studenten gegen die Zustände in chinesischen Waisenhäusern oder kritisieren "rote Lieder" als Gehirnwäsche. Ob sich der Chefjuror Johnson seine Themen genehmigen lassen muss, sagt er nicht.

Im Publikum sitzen Personaler von Sony und Siemens

Auf jeden Fall gelten auch hier vier Tabu-Themen: Tiananmen, Tibet, Taiwan und Tse-tung. Die Proteste auf dem Tiananmenplatz 1989, die Menschenrechtslage in Tibet, eine mögliche Selbstständigkeit Taiwans und Kritik am großen Vorsitzenden Mao Tse-tung und der kommunistischen Partei Chinas - darüber wird nicht debattiert.

"Es gibt in jeder Gesellschaft Dinge, die eher nicht diskutiert werden", meint Mark Levine. In Deutschland sei zum Beispiel Holocaustleugnung verboten.

Der Soziologe aus Kalifornien lehrt "Western Culture" an der Minzu University in Peking und unterstützt die Debattiergesellschaft seiner Hochschule. "Uns hat niemand gesagt, dass wir bestimmte Themen nicht diskutieren dürfen." Für ihn sei es aber legitim, dass auch die chinesische Gesellschaft aus ihrer Tradition heraus über bestimmte Dinge nicht streitet. Ein Blick in die Zeitung zeige aber einen regen Meinungsaustausch bei anderen Themen, die wiederum eng mit der Politik verwoben seien: Korruption, die Ein-Kind-Politik oder das Hukou-System, mit dem China seit den fünfziger Jahren die Wanderungsbewegungen seiner Einwohner kontrolliert.

Debattieren breitet sich immer mehr aus, viele Unis engagieren Zheng Bo. Der 25-Jährige reist als selbstständiger Coach durchs Land und verbreitet den Wortsport. Er filmt Debatten und stellt sie ins Internet, auch im Finale läuft seine Kamera.

Die Studentinnen Yi Fang und Huiling Li, beide 20, schauten sich zur Übung stundenlang Bo Zhengs hochgeladene Debatten im Internet an. Die Mühe hat sich gelohnt. Die Jury kürt sie zu den Siegern in der Finaldebatte um akademische Schummelei.

Der Titel könnte ihnen gute Jobangebote bringen, im Publikum sitzen Personaler von Siemens und Sony; Firmen suchen chinesische Studenten, die gut Englisch und gut analysieren können. Vorher bringt sie ihr Titel aber zur Debattier-WM nach Manila. Vielleicht setzt sie das Los dort auf eine Position, wo sie Demokratie verteidigen müssen: "Ja, das ist dann schon ein wenig als ob ich über Biologie rede, damit kenne ich mich auch nicht aus", scherzt Huiling Li. Ihre Partnerin Yi Fang lacht: "Aber das trainieren wir noch mit unserem Coach."

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Seite 1
Indigo76 30.05.2011
1.
Zitat von sysopChinesische Studenten*diskutieren bei der Debattiermeisterschaft in Peking über Schummelei an der Uni und Militärbasen im Ausland - Vertreter der Kommunistischen Partei hören zu.*Eine eiserne Regel gilt auch hier: Bloß keine Tabus brechen! http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,763444,00.html
Wundert es irgendjemanden, dass die Seite gewonnen hat, die die Regierung vertreten hat? Eher wird Schweineschnitzel im Iran als Nationalgericht eingeführt, als dass China freie Diskussionen zulässt!
G. Whittome 30.05.2011
2. Äpfel und Birnen...
>> "Es gibt in jeder Gesellschaft Dinge, die eher nicht diskutiert werden", meint Mark Levine. In Deutschland sei zum Beispiel Holocaustleugnung verboten. > Für ihn sei es aber legitim, dass auch die chinesische Gesellschaft aus ihrer Tradition heraus über bestimmte Dinge nicht streitet.
loggerbach 30.05.2011
3. Danke,
fuer dieses Thema, diese Denkrichtung und diese m.E. voellig richtige Analyse. Dieses Mal sicher keine Beanstandung meinerseits;-) Gruß aus China
dasky 30.05.2011
4. Titel
Zitat von sysopChinesische Studenten*diskutieren bei der Debattiermeisterschaft in Peking über Schummelei an der Uni und Militärbasen im Ausland - Vertreter der Kommunistischen Partei hören zu.*Eine eiserne Regel gilt auch hier: Bloß keine Tabus brechen! http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,763444,00.html
Ach wie tröstlich, dass es dort auch nicht anders ist.
LouisWu 30.05.2011
5.
Zitat von daskyAch wie tröstlich, dass es dort auch nicht anders ist.
Yep, ist schon die halbe Miete, wenn man das erkannt hat. Und wenn man mal versuchen würde, so objektiv wie möglich zu sein, könnte evtl. sogar dabei herauskommen, dass es bei uns mehr Tabus in der Diskussion gibt als in China. Nur: Wie immer sind unsere Tabus natürlich die Richtigen, versteht sich....
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