Studentische Plattenlabels Dann machen wir es halt selbst

Früher ließ sich mit dem Verkauf von Tonträgern noch richtig viel Geld verdienen. Aber wer ist heute so verrückt und gründet noch ein eigenes Plattenlabel? Studentische Firmen zeigen, wie es funktionieren kann. Musik ab!

Yvonne Schmedemann

Von André Boße


Der Chef kommt persönlich runter, der Türöffner ist kaputt. "Tach", sagt Fred Noel, 28 Jahre alt, große Brille, Vollbart. Dann geht er voran durch das Treppenhaus eines ziemlich abgerockten Wohnhauses in Hamburg-Altona, gleich hinterm Bahnhof.

Die Wohnung, die er betritt, hat den Charme einer typischen Studenten-WG: Keiner hält sich sklavisch an die Abwaschordnung, das Deckenlicht scheint schummrig. Im Zimmer gegenüber der Wohnküche fällt als Erstes ein Wandregal ins Auge, auf dem ein Dutzend Aktenordner stehen. Einer trägt die Bezeichnung "Steuern", ein anderer birgt "Rechnungen". Unter dem Regal flimmert ein Computermonitor und zeigt eine Excel-Tabelle. In diesem Zimmer werden Geschäfte gemacht.

Das Trio, das für diese Geschäfte verantwortlich ist, sitzt in der Ecke des Raumes und trinkt Milchkaffee. Neben Fred, der hauptberuflich als Veranstaltungskaufmann und Booker des Hamburger Liveclubs Molotow arbeitet, sitzt seine Frau Lisa, 25, Studentin der Kulturwissenschaften. Gerade noch pünktlich von der Jura-Vorlesung hat es Kathrin Johner, 24, zum Gesprächstermin am Mittag geschafft.

Studenten, die Revolutionäre der Popmusik

Die drei bilden zusammen die Geschäftsleitung von Delikatess Tonträger, einer Plattenfirma im Nebenerwerb, die seit gut vier Jahren von Hamburg-Altona aus deutschsprachige Gitarrenrockplatten von Findus, Frau Potz, Herrenmagazin und anderen Gruppen herausbringt - allesamt keine Acts für die Hitparade, eher die Sorte Bands, die man auf guten Festivals am späten Nachmittag sieht und von denen man hinterher sagt: Das waren die Besten.

Eine eigene Plattenfirma zu besitzen - das war früher der große Traum eines jeden Musik-Fans. Ist ja auch super: die Lieblingsmusik selbst veröffentlichen, das Logo der eigenen Firma auf CDs, Platten-Cover und T-Shirts drucken - und damit sogar noch reich werden.

Immer wieder waren es junge Menschen unter dreißig, oft Studenten, die Labels gründeten und damit die Rock- und Popmusik revolutionierten: in England Creation oder Rough Trade, in den USA Sub Pop oder SST, in Deutschland ZickZack oder L'age d'or. Der Unterschied zu heute: Damals, zwischen 1970 und 1990, kauften die Leute noch Platten. Die Musikindustrie war ein Wachstumsmarkt. Man konnte mit dem Verkauf von Tonträgern richtig viel Geld verdienen.

Wer kauft seine Musik heute noch im Laden?

Im Jahr 2014 sieht die Sache etwas anders aus. Heute müssen sich die Leute Musik nicht mehr im Laden holen, sie ist schon bei ihnen zu Hause, im Internet, zu jeder Zeit - und mit Streaming-Diensten sogar umsonst. Wer ist da schon so verrückt und gründet eine Plattenfirma?

Delikatess Tonträger wurden vor knapp fünf Jahren mehr oder weniger aus einer Notlage heraus geboren. Fred Noel kannte die Mitglieder von Findus schon lange, er mochte die Postpunk-Band, die auf sehr eigene Art Schnoddrigkeit und Poesie kombiniert. Als die Gruppe endlich ein Album veröffentlichen wollte, bot sich Fred Noel an und klapperte zusammen mit Frau Lisa und Kathrin Johner diverse Plattenfirmen ab. "In der Regel bekamen wir nicht einmal Absagen, sondern überhaupt kein Feedback", erinnert sich Noel. Und plötzlich stand der Gedanke im Raum: Dann machen wir es halt selbst.

Erfahrungen in der Label-Arbeit hatten die Gründer bereits als Praktikanten oder Aushilfsjobber gesammelt, dann entstand im Juni 2009 die GbR Delikatess Tonträger. Das erste Album, das veröffentlicht wurde, war natürlich das Findus-Debüt.

Es ging stetig bergauf: Ein zweites Findus-Album toppte den Erfolg des ersten, die Husumer Punk-Gruppe Frau Potz, eine Delikatess-Entdeckung, entwickelte sich zum Szene-Hype. Dann kam die bereits etablierte Gitarrenband Herrenmagazin für ihr neues Album auf die drei Label-Macher zu. "Die fanden uns cool", sagt Lisa Noel, "und das ist natürlich großartig, wenn man als Label eine Anziehungskraft für sehr gute Bands besitzt."

"Wir besitzen eine Firma, kein Kollektiv"

Das Geheimnis dahinter? "Es ist uns gelungen, ungewöhnliche Acts bekanntzumachen, ohne dafür viel Geld auszugeben. Und das zieht." Außerdem sei das Label wie eine Familie, sagt die angehende Juristin Johner: "Es geht um mehr als um reine Geschäftsbeziehungen zwischen uns und den Musikern. Man feiert zusammen und tauscht sich aus." Doch auf eines legen die drei Chefs Wert: Wenn es drauf ankommt, treffen sie die Entscheidungen. Lisa Noel sagt: "Wir besitzen eine Firma, kein Kollektiv."

Und diese Firma läuft gut: Die Alben verkaufen sich locker vierstellig, heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Noch zahlen sich die drei Label-Chefs kein Gehalt aus, das Geld für die Miete wird anderswo verdient. Aber das soll sich in naher Zukunft ändern: "Der nächste Schritt ist, dass was für uns übrig bleibt", sagt Fred Noel. Leidenschaft für Musik hin oder her, "aber ein bisschen Geld fürs eigene Konto hebt unsere Motivation, keine Frage".

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Mirko Gläser, 35, ist finanziell schon etwas weiter, aber es ist nicht lange her, da arbeitete der Gründer des münsterschen Labels Uncle M vom Wohnzimmer aus. Bis 2011 war er ausschließlich die deutsche Ein-Mann-Vertretung für die US-Plattenfirma Sideonedummy und sorgte dafür, dass die Deutschland-Tourneen der auf dem Label erscheinenden Bands funktionierten und die Platten in Magazinen besprochen wurden. Dann rief er Ende 2011 zusätzlich dazu seine eigene Firma ins Leben.

"Ich konnte immer weniger damit leben, dass mir aus den USA Künstler vorgesetzt wurden", beschreibt er seinen Gründerimpuls.

Gläser studierte an der Fachhochschule Hildesheim BWL. "Ich war damals keiner aus der ersten Reihe im Hörsaal", sagt er. Wie auch, wenn man sich die Nächte größtenteils mit Live-Konzerten in Punk- und Hardcore-Läden um die Ohren schlägt? Aber dennoch: Ein bisschen Know-how über Zahlen und Bilanzen ist hängengeblieben, und das nützt ihm nun beim Betrieb seines Unternehmens.

Es gibt immer was zu promoten, zu managen, zu posten

Bei Uncle M trägt er nun die alleinige Verantwortung, er hat mittlerweile etwa 25 Bands unter Vertrag. Kopfschmerzen deswegen? "Nein, denn ich weigere mich, Erwartungen zu erfüllen." Es ist ihm schon wichtig, dass sich die Platten, die er herausbringt, gut verkaufen. "Aber wenn sie es mal nicht tun, geht davon meine Welt nicht unter."

Sein heißestes Thema derzeit ist das Debütalbum der Kölner Punkrockgruppe Kmpfsprt. "Jugend mutiert" heißt die Platte. Die Konzerte sind ausverkauft, die Presse zeigt sich begeistert. "Ich denke, da geht was", sagt der Label-Chef. "Das ist aber weder für mich noch für die Band ein Grund durchzudrehen."

Mirko Gläser ist ein unaufgeregter Typ. So unaufgeregt wie auch die drei Gründer von Delikatess Tonträger. Das ist durchaus bemerkenswert, weil die Mehrheit der Vertreter der deutschen Musikindustrie sehr aufgeregt daherkommt. Es gibt immer was zu promoten, zu managen, zu posten. Und vor allem: zu jammern. Über illegale Downloads, geizige Musikkonsumenten, unfaire Geschäftsmodelle im Internet.

"Mir ist das alles herzlich egal", sagt Gläser. Er baut darauf, einen Vorteil zu besitzen, den die Musikmanager der großen Labels nicht haben: Er ist Teil der Hardcore- und Punk-Szene, für die er Musik veröffentlicht. "Ich bin da schon als Teenager reingerutscht und habe verstanden, worum es hier geht: nicht nur als Konsument dabei zu sein, sondern mitzugestalten."

Heute, mit 35, ist Gläser für die neue Generation der Hardcore-Kids so etwas wie ein Onkel: Uncle M eben. Er baut darauf, dass die Leute aus der Szene seine Platten auch weiterhin annehmen. "Wer möchte, dass es diese Art von Platten weiterhin gibt, der muss auch die Labels unterstützen, die sie herausbringen." Das werden nie Millionen Menschen sein, die das tun. Aber die paar tausend, die voll und ganz hinter der Musik stehen, sind Gläser auch viel lieber.

Hinterm Altonaer Bahnhof erinnert sich Fred Noel an einen der schönsten Momente seiner Karriere als Label-Macher. "Da irrst du auf einem riesigen Festivalgelände herum, in einer Gegend, in der du noch niemals warst, und plötzlich kommt dir jemand entgegen, der eines unserer Delikatess-Tonträger-T-Shirts trägt", sagt er. "Mit dieser Erfahrung kann man sich zwar kein Brot kaufen. Aber geil ist es schon."

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 10.03.2014
1. Hipster
Zitat von sysopYvonne SchmedemannFrüher ließ sich mit dem Verkauf von Tonträgern noch richtig viel Geld verdienen. Aber wer ist heute so verrückt und gründet noch ein eigenes Plattenlabel? Studentische Firmen wie zeigen, wie es funktionieren kann. Musik ab! http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/delikatess-tontraeger-und-uncle-m-studenten-gruenden-plattenlabels-a-955504.html
Trotz meiner Hipsterallergie hbe ich den Artikel gelesen und muss sagen: Hut ab. Aber ein Tipp: zieh dir was anderes an, Junge...
mr.hans1960 10.03.2014
2. Das hatte schon was,
als wir Anfang 2000 das Debütalbum der Asozialen Superhelden rausbrachten und sich das trotz teilweiser garstiger Kritiken verkauft hat,wie warme Semmeln.Sicher konnten wir damit keine Reichtümer scheffeln,aber es hatte schon Spaß gemacht.
freddykruger, 10.03.2014
3. Herzblut
sehr schön. Man merkt bei den Typen steckt sehr viel Herzblut dahinter. Ich hoffe das die Macher der im SPON Artikel besprochenen Labels durchhalte vermögen haben.
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