delta t Der Club der Langschläfer

Langschläfer haben an Deutschlands Hochschulen miese Karten. Doch vereint kämpfen Studenten und Professoren gegen das Diktat der Frühaufsteher - in einem Club gegen das Morgen-Grauen.

Von Manuel J. Hartung


Andreas Pretzsch schläft dann, wenn andere wachen

Andreas Pretzsch schläft dann, wenn andere wachen

Morgens, 8 Uhr in Deutschland. Ein schlaksiger Lehrer schmettert sein "Guten Morgen" in den Klassenraum, rückt die Tische auseinander, gibt Aufgabenzettel und Papier aus: Latein-Abitur, Ende der achtziger Jahre.

Ob es um Ovid, Plinius oder Sallust ging, weiß Martin Christoph Wolfstein nicht mehr. An eines erinnert sich der 32-jährige Student aber noch mit kaltem Grausen: Zwei Stunden lang saß er vor den leeren Blättern. Nicht weil er Latein nicht konnte oder weil er mit der Aufregung nicht fertig wurde - er war schlicht noch nicht wach. "In den ersten beiden Stunden lief bei mir gar nichts", sagt Wolfstein, "deshalb hat es bei mir oft miese Noten gehagelt."

Wolfstein hat einen anderen Lebensrhythmus als die meisten Menschen. Er schläft nicht von 23 bis 6.30 Uhr wie das Gros der Deutschen, sondern von 4 Uhr in der Früh bis mittags. Dass er sich nach dem Abitur für die Sozialwissenschaften entschied, hat nicht allein damit zu tun, dass deren Studenten nicht dafür bekannt sind, schon morgens um 7.30 Uhr in den Hörsaal zu rennen. Aber wohl auch. Und regelmäßig verpasst Wolfstein die erste Vorlesung. "Um 9 Uhr bin ich noch ganz abgedimmt."

Am Saxofon statt im Bett: Langzeitstudent Martin Christoph Wolfstein

Am Saxofon statt im Bett: Langzeitstudent Martin Christoph Wolfstein

Doch Wolfstein wollte nicht als ewiger Langschläfer gelten, der sein Studium verpennt. Zumal er schon im 23. Semester an der Uni Hannover eingeschrieben ist. "Andere arbeiten 50 Jahre, warum soll ich nicht 50 Jahre studieren", meint der 32-Jährige lapidar.

Wolfstein trat "delta t" bei, dem Verein für Zweitnormalität. "delta t" ist der physikalische Ausdruck für einen Zeitabstand. Der Club setzt sich laut Satzung dafür ein, "zeitversetzt und lang schlafenden Menschen zu Anerkennung, Toleranz und vor allem zu einen ihrer Natur entsprechenden Leben zu verhelfen". 150 Mitglieder um den Vorsitzenden Günter Woog sind in verschiedenen Schlafbezirken organisiert. Prominentester Mitstreiter des Vereins ist der Entertainer Jürgen von der Lippe.

Über den Hintergrund der Morgenmüdigkeit herrscht noch keine endgültige Sicherheit. Manche Experten vermuten, der verschobene Biorhythmus sei genetisch determiniert.

Der Langschläfer und der Wecker: So sieht "delta t" die morgendliche Tortur
Illustration: Günter Woog

Der Langschläfer und der Wecker: So sieht "delta t" die morgendliche Tortur

Morgenstund' hat auch für Vereinsmitglied Andreas Pretzsch Sand statt Gold im Mund. Der 22-Jährige absolviert ein Studium, das ihn früh aus dem Bett zwingt. Er studiert im sechsten Semester Mechatronik in Göppingen und muss manchmal schon um 7.30 Uhr zum Wissensrapport antreten. "Das ist natürlich horrend früh", sagt Pretzsch. "'Yippie' schreien und aus dem Bett springen" ist für Pretzsch nicht drin. Bisweilen zieht es den Mechatroniker erst gegen 8 Uhr morgens in die Federn - dann schläft er bis 16 Uhr durch.

Jürgen Tauchnitz, Professor an der FH Lausitz, weiß, warum manche seiner Kollegen ihre Studenten schon um 8 Uhr mit einer Vorlesung malträtieren. "Die spekulieren darauf, dass so früh weniger Leute kommen." Er dagegen hat die Morgenbelehrungen abgeschafft. Offiziell war ein Raumproblem der Uni der Grund, mittlerweile hat sich Tauchnitz als Langschläfer geoutet - der 46-jährige Wirtschaftswissenschaftler ist Schatzmeister von "delta t", leitete früher auch den "Schlafbezirk Berlin". Am liebsten beginnt Tauchnitz seine Arbeit gegen Mittag und hält seine Studenten dafür oft bis zur Tagesschau in der Hochschule fest. Der Professor selbst hängt dann noch einige Stunden dran: "Der Nachtwächter kennt mich schon ganz gut." Denn Tauchnitz hält sich bei Mondschein für kreativer.

Doch ein Professor mit eigenem Büro hat es leichter, die forschende Nachteule zu spielen, als seine Studenten, die auf die Öffnungszeiten von Unibibliothek und Computer-Räumen angewiesen sind. "Die Bibliothek macht bei uns viel zu früh zu", grollt Dauerstudent Wolfstein.

Professor Tauchnitz hat die Morgenvorlesungen abgeschafft

Professor Tauchnitz hat die Morgenvorlesungen abgeschafft

Auch das Leben außerhalb der Uni benachteiligt die Spätschläfer. "Wenn ich um elf oder zwölf noch ein Bier trinken gehen will, machen die Kneipen bald zu", zürnt Mechatroniker Pretzsch. Dass Behörden oft nur zwischen 9 und 12 Uhr Besucher empfangen, ärgert die Morgenmuffel genauso. Tauchnitz dagegen stören die limitierten Öffnungszeiten der Geschäfte. "Das Ladenschlussgesetz gehört abgeschafft", fordert er.

Vor allem aber machen die extremen Schlafgewohnheiten viele Anbandelungsversuche schwierig: "Das mit einer Partnerin ist nicht einfach", sagt Pretzsch, "die soll mich mal nachts um vier anrufen, dann weiß ich, ob sie zu mir passt." Sozialwissenschaftler Wolfstein hofft, dass er jemanden bei seinen nächtlichen Streifzügen kennen lernt.

Professor Tauchnitz lebt dagegen mit einer Frühaufsteherin zusammen. "Bestimmte Dinge erleben wir eben nicht gemeinsam", meint der 46-Jährige. Zum Frühstück müssten seine Frau und die beiden Kinder ihn regelmäßig aus dem Bett quengeln.

Bei den Versammlungen von "delta t" ist das Frühstück nicht der Start in den Tag, sondern der Anfang der Nacht. Ab 19 Uhr tagen die Mitglieder des Vereins, ein Frühstück um 9 Uhr bildet dann den Abschluss. Danach geht's ins Bett.



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