Denkmalsturz Sporthochschule verliert im Namensstreit um Carl Diem

Die Kölner Sporthochschule liegt am Carl-Diem-Weg. Das Rektorat will, dass es so bleibt - doch der hoch dekorierte Sportfunktionär Diem ist wegen kriegerischer Nazi-Parolen stark umstritten. Jetzt haben Richter entschieden: Der Weg darf umbenannt werden.

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"Carl-Diem-Weg 6" lautet die Adresse der Deutschen Sporthochschule in Köln bisher, "Am Sportplatz Müngersdorf" soll sie künftig heißen. Die Hochschulleitung will das nicht hinnehmen und sieht sich in ihren Rechten verletzt. Vor Gericht musste sie jetzt aber eine Schlappe hinnehmen: Das Kölner Verwaltungsgericht hat entschieden, dass die Umbenennung durch die örtliche Bezirksvertretung zulässig ist (Aktenzeichen 20 L 531/07).

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Keidel

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Der Sportfunktionär Carl Diem hatte 1947 die heutige Sporthochschule im Kölner Westen gegründet und bis zu seinem Tod 1962 geleitet. Sportliche Auszeichnungen, Straßen und Sporthallen waren nach Diem benannt worden, bis Wissenschaftler sein Wirken in der Nazi-Zeit kritisch beleuchteten. Wegen der dunklen Schatten der Vergangenheit hatte die Bezirksvertretung im September letzten Jahres die Umbenennung beschlossen, die Sporthochschule aber heftig protestiert. In einem Eilantrag argumentierte die Hochschulleitung, die Entscheidung der Bezirksvertretung werde der Person Diems nicht gerecht; zudem verursache sie beträchtliche Kosten für die Hochschule. Rektor Walter Tokarski sprach gar von einem "Skandal".

Das Verwaltungsgericht entschied jedoch, bei Straßennamen habe die Stadt einen weiten Ermessensspielraum. Niemand habe einen Anspruch darauf, dass ein bestimmter Name erhalten bleibe. Die Entscheidung der Bezirksvertretung sei auch nicht willkürlich, sondern beruhe auf einer "rechtlich vertretbaren Einschätzung". Auch müsse die Sporthochschule hinnehmen, dass ihr Kosten etwa für die Umstellung von Briefbögen entstünden. Der Beschluss ist allerdings noch nicht rechtsgültig und Beschwerde binnen zwei Wochen beim Oberverwaltungsgericht Münster möglich.

Sport als Wehrertüchtigung

Am bisherigen Carl-Diem-Weg, der am 1. Januar 2008 offiziell umgetauft werden soll, befinden sich fast ausschließlich großflächige Anlagen der Sporthochschule. Der Zwist um den Straßennamen dauert seit Jahren an, die Auseinandersetzungen um die geschichtliche Einordnung von Carl Diem reichen schon Jahrzehnte zurück.

Diem, geboren 1882, ist der Erfinder des deutschen Sportabzeichens 1913, gilt als Vater des ersten olympischen Fackellaufes (zu den mit großem Propaganda-Aufwand der Nazis inszenierten Olympischen Spiele 1936 in Berlin), zählte zu den Gründern der Berliner Hochschule für Leibesübungen und war über Jahrzehnte ranghoher Sportfunktionär. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er seine Karriere bruchlos fort, etwa im Bundesinnenministerium und im Nationalen Olympischen Komitee. 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Bereits 1947 hatte er die Sporthochschule Köln gegründet und leitete sie auch, bis er 1962 starb und seine Frau Liselott das Amt übernahm.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Wirken des hoch dekorierten Funktionärs stets umstritten. Über Jahrzehnte förderten Historiker immer neue Publikationen und Äußerungen von Diem zutage. So schwärmte er bereits im und nach dem Ersten Weltkrieg vom Nutzen des Sports für die Armee ("Der Krieg lehrt uns die Notwendigkeit des deutschen Sports. Das Blühen des Vaterlandes hängt von seiner Bereitschaft zum Krieg ab"). Eine Teilnahme deutscher Sportler an den Olympischen Spielen in Paris lehnte Diem ab, "solange Neger in französischer Soldatenuniform am Rhein stehen".

Stramme Durchhalteparolen an das Kanonenfutter

Der Machtantritt der Nazis 1933 bedeutete für Diem zunächst einen Karriereknick, er blieb aber Olympia-Organisationschef und seiner Linie mit Äußerungen wie "Der Krieg ist der vornehmste und ursprünglichste Sport" treu. "Vaterland höchstes Gebot / In der Not: Opfertod" ließ er 1500 Sänger zu Beethoven-Klängen im Berliner Eröffnungsprogramm singen. Ähnliche Zitate sind aus einigen Nazi-Publikationen überliefert, noch kurz vor Kriegsende hielt Diem am 18. März 1945 in Berlin eine Durchhalte-Rede. Er rief junge Menschen zum "Endkampf für Führer, Volk und Vaterland auf" und versuchte, sie mit dem spartanischen Dichter Tyrtarios zu motivieren: "Wunderbar ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt."

Von öffentlicher Reue ist nichts bekannt, von ernstaften Zweifeln renommierter Historiker an Diems Rolle im Nationalsozialismus ebensowenig. Andere Orte hatten sich schon in den letzten Jahren von Carl Diem als Namenspatron für Straßen, Plätze oder Sportstätten getrennt. Auch die Bezirksvertretung hielt Diem ohne längere Debatte für ein ungeeignetes Vorbild und beschloss bei nur einer Gegenstimme (der Rechtsextremen) die Umbenennung des Carl-Diem-Weges.

An der Sporthochschule ticken die Uhren anders: Obwohl mindestens seit 1995 immer wieder über die braunen Flecken in der Diem-Biographie debattiert wird, reichen der Leitung die zahllosen historischen Fundstellen bis dato nicht aus, um einem neuen Straßennamen zuzustimmen. Rektor Walter Tokarski will noch die Ergebnisse einer weiteren Untersuchung abwarten, an der Historiker und Sportwissenschaftler mehrerer Universitäten seit Jahren arbeiten und die noch nicht abgeschlossen ist.



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