Depressionen im Studium Am Leistungsdruck fast zerbrochen

Sie haben hohe Ansprüche an sich selbst und meist noch einen Nebenjob: Das ist für viele Studierende belastend. Nicht selten mündet die Überforderung in Depression. Eine Betroffene berichtet.

DPA


Franziska* sieht heute zufrieden aus, gleich kommen ihre Gäste. Dass die 28-Jährige wieder Besuch empfangen will, ist ein gutes Zeichen. Franziska hatte eine Krankheit, die man auf den ersten Blick nicht sehen kann. Diagnose: Depression. Sie hat zehn Wochen in stationärer Behandlung verbracht. Auslöser: ihr Studium. Seit fast einem Jahr ist sie inzwischen zurück aus der Klinik.

Nach dem Abitur war sie erst in Australien für einen "Work and Travel"-Aufenthalt und zog dann nach Berlin, um Psychologie zu studieren. Schließlich begann sie einen Master, wollte sich auf Gehirnforschung spezialisieren - bis sie merkte, dass sie sich nur noch durchquälte. "Dass man das Studieren nicht mehr aushält, muss man sich erst mal eingestehen. Jeder erzählt einem doch, das sei die schönste Zeit im Leben", sagt sie heute.

Die Techniker Krankenkasse schreibt in ihrem Gesundheitsreport von 2015, dass bei zehn Prozent der Studentinnen und sieben Prozent aller Studierenden eine Depression diagnostiziert wurde. Zudem verschrieben Ärzte Studierenden in den vergangenen Jahren immer mehr Antidepressiva. Experten machen Leistungsdruck und straffe Zeitpläne der Universitäten dafür verantwortlich.

Keine Zeit für Pausen

Franziska hatte stets gute Noten, immer einen Nebenjob, absolvierte Auslandsaufenthalte in den USA und Praktika. Zeit für Pausen blieb ihr kaum.

Irgendwann merkte sie, dass sie sich für etwas anstrengte, das ihr keinen Spaß machte: "Es wird dir gesagt, was du leisten musst. Nur die Umsetzung musst du dann irgendwie selbst schaffen." Es fiel ihr auf einmal schwer, einfache Texte zu lesen oder zu schreiben. Das gab es vorher nie, vor allem weil diese Blockaden ein Gefühl der Ausweglosigkeit auslösten: "Ich saß nur noch da und habe in den Bildschirm gestarrt. Ich wusste nicht mehr, was ich als Nächstes tun soll." Dazu kamen Weinattacken und das Gefühl, in ihrem Körper säße ein schwarzer, schwerer Klumpen.

Zuerst schob sie die dunklen Gefühle auf die Trennung von ihrem Freund und versuchte, den Schmerz mit Alkohol und Drogen zu verdrängen. Dann probierte sie es mit Stimmungsaufhellern wie Johanniskraut. Aber Antriebslosigkeit und innere Leere blieben. Und schließlich kamen noch körperliche Beschwerden hinzu: Nach Zahn-, Mandel-, Rippenfell-, Lungenentzündungen und einer Krebsvorstufe konnte sie nicht mehr. "Mein Immunsystem ist einfach zusammengekracht." Eine Freundin brachte sie schließlich dazu, in die Klinik zu gehen.

Laut Studierendenwerk Berlin wurden rund 26 Prozent aller Beratungsstunden in 2016 wegen depressiver Verstimmungen durchgeführt. Symptome sind wie bei Franziska oft Rückzugsverhalten, Antriebslosigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten. Meist sind ähnliche Szenarien die Auslöser: eine Trennung oder Schwierigkeiten im Studium.

Eine schwierige Erkenntnis

Franziskas Therapeutin hat ihr das so erklärt: Bei ihr trafen der Wunsch nach guter Leistung und die Angst vor dem Versagen mit einem straffen Stundenplan aufeinander. Die Trennung ließ dann das seelische Gleichgewicht ins Taumeln geraten. Plötzlich hatte sie den Eindruck, mit den anderen nicht mehr mithalten zu können.

Eine schwierige Erkenntnis: "Natürlich kommen die Erwartungen auch von außen. Aber genauso hat man diese Erwartungen an sich selbst, wenn man sieht, was alle anderen machen. Es ist ein Teufelskreis und keiner steigt aus."

Franziska zweifelt, ob ein anderer Weg überhaupt gangbar ist: "Wie realistisch ist es, eine Stufe runter zu schrauben?" Sie hat mittlerweile einen anderen Master in Psychologie angefangen und trotz Qualen den ersten nie abgebrochen. Sie will die investierte Zeit nicht einfach wegwerfen. "Eigentlich bin ich gerade wieder fast an der Belastungsgrenze."

Franziska weiß, dass die Krankheit noch in der Nähe lauert. Aber der Unterschied zu früher ist, dass sie ihre Grenzen erkennt. Zwar befindet sie sich heute immer noch im Teufelskreis aus Arbeit, Uni und guten Noten. Aber sie hat wieder Spaß an den Inhalten gefunden. Texte schreiben fällt ihr wieder leicht. Auf ihre Party kann sie sich wieder freuen.

Franziska geht heute dreimal pro Woche zu einer Therapeutin. Sie lernt, sich von schädlichen Dingen fernzuhalten: Stress, Überlastung, Alkohol, aber auch dem eigenen Erwartungsdruck. Sie soll sich selbst besser kennenlernen: "Vor allem muss man sich damit auseinandersetzen, was von innen kommt." Sie weiß: Wenn sie das nicht tut, wird sie wieder krank.

*Name geändert



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professorA 15.02.2018
1. Als nur
5 bis 10 % eines Jahrganges ein damals wesentlich schwereres Abitur bestanden und dann ein Diplom- oder Staatsexamens-Studium ergriffen, war lag der IQ-Durchschnitt der damals noch einfach als Studenten bezeichneten "Studierenden" bei etwa 115, und Studienabbrecher oder anderweitig Überforderte waren eine eher seltene Ausnahme. Heute, da mehr als die Hälfte eines Jahrganges wesentlich weniger anstrengend ein Abizeugnis erhält und trotz höchstens durchschnittlicher Intelligenz glaubt, deshalb für ein wissenschaftliches Studium und damit eine höhere Gehaltsklasse qualifiziert zu sein, blüht die Welt der überforderten "Schneeflöckchen", die jede Anstrengung und Durchhaltevermögen für eine Zumutung halten.
burckha 15.02.2018
2. Liegt nicht am Stundenplan
Klar, das Studium kann manchmal sehr belastend sein. Aber ich glaube aus persönlicher Erfahrung und Beobachtung von Freunden, dass auch viel mit der eigenen Erwartungshaltung und der Ungewissheit was nach dem Studium kommt, zusammenhängt. Dazu belasten sich viele Studenten unnötig, sitzen den ganzen Tag in der Bibliothek oder zuhause, sind dabei aber wenig produktiv. Während des Studiums gibt es nun mal keinen Feierabend und bei vielen artet das so aus, dass sie die Abgrenzung zwischen Freizeit und Studium nicht mehr hinbekommen. Dann wird der Morgen vertrödelt und in der Nacht kommen die Gewissensbisse und Panikattacken. Gerade bei Abschlussarbeiten kommt dann viel zusammen. Die Arbeitsbelastung, Zukunftsunsicherheit, Unstrukturiertheit und auch fehlende Betreuung durch Professoren. Ich kann verstehen, dass Professoren teilweise nur mäßig an Bachelor- oder Masterarbeiten interessiert sind, haben diese doch akademisch meist keinen Wert. Aber angesichts der persönlichen Dramen, die sich teilweise hinter so einer Arbeit verstecken, wäre es schon gut, wenn es eine engere Betreuung durch die Uni gäbe. Die Arbeitsbelastung ist ein Katalysator, der die anderen, wesentlich gravierenderen Faktoren wie Versagensangst und Zukunftsunsicherheit nur noch verstärkt, aber allein durch die Arbeitsbelastung wird eine Depression meiner Meinung nach nicht ausgelöst.
ate2 15.02.2018
3. #1, so ist es
Überforderung entsteht dadurch, dass mehr gewollt als gekonnt wird, wenn man erst mühsam Gurndlagen zu Beginn des Studiums erarbeiten muss. Mittlerweile betrifft dieses Phänomen auch Studierende der Geisteswissenschaftn und Sprachen. Wenn man Mathematik studiert und sich erst das 1x1 beibringen muss ( überspitzt), dann folgt zwangsläufig das Gefühl der "Üverforderung". Auch Vorstellungen von der Art eines Studiengangs sind manchmal etwas naiv. Oh, ich will Nano studieren. Dann stellen sich die Studienanfänger vor, sie bauen kleine Teilchen und sind dann ganz entsetzt, wenn sie Fächer aus der Elektrotechnik absolvieren müssen. Ich habe da nur sehr bedingt Mitleid.
KayYou 15.02.2018
4. Wir hatten
eine Abbrecherquote bis zum Diplom von über 60 %. Zu einer Zeit, als 20 % der Schüler Abitur machten Naturwissenschaften. Ganz üblich. War auch so eingeplant bei der Raumvergabe. Man diagnostizierte damals eben keine Depressionen bei Studenten.
Profdoc1 15.02.2018
5. Ich bin nicht sicher, ....
Zitat von professorA5 bis 10 % eines Jahrganges ein damals wesentlich schwereres Abitur bestanden und dann ein Diplom- oder Staatsexamens-Studium ergriffen, war lag der IQ-Durchschnitt der damals noch einfach als Studenten bezeichneten "Studierenden" bei etwa 115, und Studienabbrecher oder anderweitig Überforderte waren eine eher seltene Ausnahme. Heute, da mehr als die Hälfte eines Jahrganges wesentlich weniger anstrengend ein Abizeugnis erhält und trotz höchstens durchschnittlicher Intelligenz glaubt, deshalb für ein wissenschaftliches Studium und damit eine höhere Gehaltsklasse qualifiziert zu sein, blüht die Welt der überforderten "Schneeflöckchen", die jede Anstrengung und Durchhaltevermögen für eine Zumutung halten.
ob das im statistischen Mittel etwas mit dem IQ zu tun hat. Die Untersuchung sprechen eine andere Sprache. Die Studis sind sicherlich nicht "dümmer" (im Mittel) als wir es waren. Was sich aber drastisch geändert hat, ist die Tatsache, dass es erheblich mehr "Studierfähige" (auf dem Papier) gibt, die in die Hochschulen gelangen, die eben nicht studierfähig sind. Das ist eher das größere Problem. Das hat auch wenig mit dem Schulabschluss zu tun. Davon sind auch - was es früher nicht gegeben hat - Einser-Abiturienten betroffen. Von "Reife" keine Spur mehr. Genau das ist erschreckend! Solange die Gymnasien nur noch "stromlinienförmig" auf das Bestehen trainieren, anstatt daran zu arbeiten, Wissen zu herauszubilden, wir sich nichts ändern. Vermutlich werden wir nicht herumkommen, ein Vorstudium einzuführen, was nach Bestehen zum Studium befähigt.
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