Der Herr Studiosus Geschwafel an der Tafel

Was wird in einer Nacht vorbereitet, fasert stets aus und gehört zum geisteswissenschaftlichen Seminar wie die Breitcordhose zum BWL-Studenten? Richtig, das Referat. Student Paul bekommt beim Geschwafel an der Tafel einen Atomhals.

Von


"Gestern Morgen habe ich das zweite gute Referat gehört."
Meine Mutter guckt komisch. "In dieser Woche?"
"Nein. In acht Semestern."
"Du bist viel zu kritisch, Paul."
"Das habe ich von dir."
Jetzt guckt meine Mutter böse: "Dann schreib doch was darüber, statt hier alle mit deiner schlechten Laune zu belästigen."

In Ordnung. Hier also meine These: Durch Referate lernt man nichts - allenfalls, die persönliche Leidensfähigkeit zu steigern. Jaja, nun lasst mich doch erst einmal ausreden! Zwischenfragen könnt ihr am Ende stellen, sonst komme ich ganz durcheinander.

Pauls Welt: Es ist wie verhext mit den Referaten
Ludger Bröcker

Pauls Welt: Es ist wie verhext mit den Referaten

Seit Jahrzehnten schon tourt die Tragödie "Das Referat" durch die deutschen Geisteswissenschaften. Trotz wechselnder Besetzung wird das Stück fast immer in derselben Inszenierung auf die Bühne gebracht. Es hat zwei bis zehn Hauptdarsteller. Sie sprechen undeutlich, meist viel zu schnell, verhaspeln sich regelmäßig und verstecken ihre Ahnungslosigkeit hinter hochtrabenden Formulierungen.

Der Dauerbrenner kommt mit minimaler Ausstattung aus: ein Beamer, der nicht funktioniert. Ein Hausmeister, der gerade im Urlaub ist. Zwei heulende Studentinnen, die für diesen Fall keine Folien vorbereitet haben. Schließlich die beliebte Nebenrolle "Verwirrter Dozent" mit dem ewig gleichen Text: "Ja, dann versuchen wir doch einfach in der verbleibenden Zeit, das Thema gemeinsam zu erarbeiten."

In einem normalen geisteswissenschaftlichen Hauptseminar mit 100 bis 120 Teilnehmern besteht jede Referatsgruppe aus mindestens acht Studenten. Wir betrachten die Gruppe "Hagebusch", benannt nach Thorsten Hagebusch, Soziologe im 17. Semester, Fachschaftsmitglied und Asta-Referent für Frauenfragen.

Erste Sitzung. "Irgendwie kommt mir Ihr Gesicht bekannt vor", sagt der Seminarleiter zu seinem langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiter Thorsten Hagebusch. "Die anderen habe ich noch nie gesehen. Sind Sie alle im ersten Semester?"

Volles Showprogramm mit Folien und Gedöns

Nach dem Seminar trifft sich die Gruppe Hagebusch vor der Tür. Schnell ist man einig: Das Referat soll eine richtig gute Show werden. Power-Point, Folien, Tafel, Flipchart. Vortragen sollen aber nur zwei (damit es vorne nicht so hektisch wird), und die beiden proben den Auftritt vor den anderen so lange, bis es sitzt. Dann tauscht die Gruppe Hagebusch E-Mail-Adressen und will auf diesem Weg das erste richtige Treffen verabreden.

Bis Mitte des Semesters trifft sich der Großteil der Gruppe Hagebusch einmal pro Woche - im Seminar nämlich. Ausgedruckt wäre die Rundmail mit der Betreffzeile "Erstes Treffen?!?!?" inzwischen zweieinhalb Meter lang. Es ist wie verhext: Man findet einfach keinen gemeinsamen Termin.

Zwei Tage vor dem Referat schreibt Philipp König, übermotivierter Nebenfachstudent und Rosa-Luxemburg-Stipendiat, eine Hass-Mail: "scheiß arbeitsmoral )-:", "voll nicht kapiert, was hier abgeht!", "wenn das in die hose geht, dann zahlt ihr meine gebühren fürs langzeitstudium….!"

Doch Philipp hat auch einen konstruktiven Vorschlag. "wir machen das jetzt wie im grundstudium: jeder 20 Seiten. thorsten stellt bis seite 21 vor, ann-katrin bis 41, jaime bis 61, julia bis 81…" Kurz darauf meldet sich Ann-Katrin zum ersten Mal zu Wort: "hey sorry, aber ich kann nichts vorbereiten, hab doch morgen geburtstag (-;… wollte eigentlich auch gar nicht kommen, wir sind doch eh so viele…"

Antwort Philipp: "schon mal happy birthday ann-katrin, aber drücken ist hier nicht… dann liest du halt am anfang ein paar biographische daten zum autor vor." Ann-Katrin gibt sich schnell geschlagen: "ok…. (-; (-; wollte eigentlich mit mama mein geschenk shoppen gehen, aber verschieben wir halt, *schluchz*… is schon ok (-;"

20 Minuten später meldet sich Thorsten Hagebusch. "ey mister p! finde ich cool, dass hier einer den referat-nazi macht (-: sonst wird das ja nichts… aber unsern spanier darfste echt nicht vortragen lassen, der jaime kann doch noch gar kein deutsch…"

Das hatte Philipp nicht bedacht. Auf Vorschlag von Thorsten Hagebusch wird sich die Gruppe zehn Minuten vor dem Referat darauf einigen, dass Jaimes Anteil darin bestehen soll, die Folien zu wechseln. Da Jaimes Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um dem Referat inhaltlich zu folgen, soll Thorsten ihm per Handzeichen zu verstehen geben, wann er die nächste Folie auflegen muss.

So könnte es also laufen - oder ganz anders:

Nehmen wir an, Ann-Katrin und Julia aus der Gruppe Hagebusch fanden die 1,7 für das Soziologie-Referat unbefriedigend. Schon in den Semesterferien bombardieren sie den Dozenten ihres nächsten Geschichte-Pflichtkurses mit E-Mails, bis er ihnen schriftlich und mündlich versichert, dass sie als Zweiergruppe über die Anfänge der Industrialisierung in Preußen referieren dürfen.

Ann-Katrin und Julia treffen sich nun mehrmals wöchentlich. Nach zwei Monaten haben sie so viel Sekundärliteratur angehäuft, dass es für eine Promotion locker reichen würde. Trotzdem teilen sich beide am Tag X eine Flasche Baldrian. Sie haben 96 Power-Point-Folien, aber nur 30 Minuten Zeit. Verständlich, dass man da ein wenig tattrig wird.

Als der Professor nach einer Stunde und dem zehnten Schaubild einer Dampfmaschine um etwas Beeilung bittet, fasst Julia den Mittelteil zusammen. Sie hätten halt statt des üblichen Larifaris mal ein Thema in seiner ganzen Komplexität darstellen wollen, sagt sie nach eineinhalb Stunden.

Einige Kommilitonen nicken mitfühlend, andere lachen laut und wecken den Rest: Julia hat die Präsentation geschlossen, auf dem Desktop erscheint ein Foto von Ann-Katrin, die am Boden liegend von einem Golden Retriever abgeschlabbert wird.

So kann es also auch gehen. Es gäbe zu diesem Thema noch sehr viel zu sagen, doch ich sehe gerade, dass mir dafür der Platz nicht mehr reicht. Ich mache einfach nächste Woche weiter. Es wäre toll, wenn ihr dann alle vorbereitet seid, damit wir auch ein bisschen diskutieren können.



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