Der Herr Studiosus Über die allmähliche Verferkelung der Gedanken beim Lernen

Lernen ist wie eine Erkältung bekämpfen, da hat auch jeder sein Geheimrezept. Student Paul fallen beim Draußenlernen immer nur schweinische Sechszeiler ein. Außerdem verrät er, was der Nervenstreichler Johanniskraut aus nervösen Studentinnen in Wahrheit macht.

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Nachdem es jahrelang ein Waschlappen sein sollte, bevorzugt mein Lieblingsgeschlecht nun offenbar wieder das harte Handtuch. "Frauen wollen Männer mit Prinzipien", las ich heute Morgen vor meiner Tetanus-Auffrischung in der "Tina". Mein Gott, fühlte ich mich plötzlich sexy!

Student Paul: Frauen wollen Männer mit Prinzipien. Die hat er allemal
Ludger Bröcker

Student Paul: Frauen wollen Männer mit Prinzipien. Die hat er allemal

Aus Prinzip esse ich keine Margarine. Aus Prinzip besuche ich niemanden, der in Bielefeld wohnt. Und aus Prinzip macht mein Studium während der Tour de France Pause.

Jetzt warte ich auf parfümierte Briefe, die ich, das sage ich gleich, nur kleckerweise beantworten werde. Nach meinem dreiwöchigen Uni-Fasten muss ich in nächster Zeit für ein paar mündliche Prüfungen büffeln/pauken/bimsen (um hier einige Wörter aus der Pepe-Nietnagel-Zeit zu zitieren, die einfach nicht aussterben wollen).

"Warum fängst du eigentlich prinzipiell erst so spät mit dem Lernen an?", fragte meine Mutter unlängst. "Ich brauche den Druck", antwortete ich. "Außerdem meint Carlo, Lernen sei wie Sex: Der eine zieht es gnadenlos in die Länge, der andere hat es lieber kurz und heftig."

Meine Mutter wurde rot. Ich bin recht zuversichtlich, dass sie dieses Thema in nächster Zeit nicht wieder ansprechen wird.

Hauptseminar oder Rückbildungskurs?

Angesichts der Jahreszeit drängt sich mir gerade ein weiterer Vergleich auf. Das beliebte Draußenlernen bei schönem Wetter ist doch, seien wir mal ehrlich, genau so, als würde man Wasser mit einem Sieb holen: Es bleibt rein gar nichts hängen.

Bei meiner letzten Klausurvorbereitung Open Air konnte ich nach vier Stunden folgendes Arbeitsergebnis in mein Fleißheft eintragen:

  • ein Wespenstich zwischen den Zehen
  • Sonnenbrand auf der Ohrmuschel
  • ein schweinischer Sechszeiler:

Mein Thema lautet Sturm und Drang
doch statt zu lesen fang
ich an zu stürmen und zu drängen.

Dort drüben sitzt moi Desireé
und macht mit ihrem Dekolleté
aus allen Kürzen Längen.

Die "Apotheken-Umschau" bittet mich, an dieser Stelle einen wichtigen Hinweis zu geben. Liebe Studentinnen, denen vor jeder Prüfung chronisch die Düse geht: Obacht bei Johanniskraut! In Kombination mit Draußenlernen beschert euch der pflanzliche Nervenstreichler einen sattroten Teint, wie man ihn sonst nur von englischen Urlaubern nach einer Woche Ibiza kennt.

Johanniskraut: Entspannter durchfallen
DDP

Johanniskraut: Entspannter durchfallen

Ganz nebenbei vermindert der Stoff übrigens auch die Wirkung der Pille. Man weiß von Johanniskraut-Nutzerinnen, die tierisch entspannt durch die Zwischenprüfung gerauscht sind, um dann ein Jahr später vor der Wahl zwischen Hauptseminar und Rückbildungskurs zu stehen.

Mir ist durchaus bewusst, dass sich ein sturztrockenes Thema gerade zu einer Exkursion ins Fleischliche auswächst, gespickt mit pubertären Ferkeleien. Derart tief unter der akademischen Gürtellinie angelangt, kann ich ohne viel zu verlieren noch darauf eingehen, was erfolgreiches Lernen und guten Sex verbindet: die richtige Technik. Nu is ja, wie man in Poldi-Town sagt, jede Jeck anders. Das gilt auch beim Lernen, entsprechend viele Wege führen nach Köln.

Als Voyeur schätze ich besonders den Post-It-Learner. Kürzlich war ich zum Mettfrühstück bei einem Medizinstudenten, der zur Vorbereitung aufs Auslandssemester seine ganze Wohnung mit Vokabelzetteln plakatiert hatte. Selbst ein antiautoritär erzogenes Kind, dem man unbegrenzt Duplo-EM-Sticker in die Hand drückt, würde noch mehr Tapete freilassen.

Echte Fründe sind mir im vergangenen Semester auch die Lerngruppen geworden. Es gab so viele schreckliche Bibliothekstage, an denen mir irgendein Seniorstudent die "Zeit" weggenommen hatte und die hübschen Mädchen alle zu Hause waren, weil es ihnen in der UB zu doll nach Schweiß riecht.

Graf Zahl und die Einfalt

An solchen Tagen finde ich nur noch in den Gruppenräumen Zerstreuung. Angetan hat es mir vor allem die Zwei-Mann-Arbeitsgruppe mit Taschenrechner, in der man nach folgendem Prinzip arbeitet: Der eine erklärt, der andere versteht es nicht. Eigentlich müsste es Nachhilfe heißen. Doch das klingt irgendwie doof, wenn beide dasselbe im selben Semester studieren.

Ich stehe immer unauffällig in der Nähe und warte auf den Moment, in dem Graf Zahl an der gegenüber sitzenden Einfalt verzweifelt. Anschließend erklärt er dann meist so langsam und deutlich, dass sogar ich kapiere, wie der Vektor läuft. Ein pädagogisches Wunder, wenn man bedenkt, dass ich ab der neunten Klasse im Mathe-Unterricht nur noch Käsekästchen gegen mich selber gespielt habe.

An diesem Verhalten hat sich übrigens auch im Studium nicht viel geändert. Wenn mich ein Thema nicht interessiert, verbringe ich die Seminarzeit mit Kinderspielchen (Schiffe versenken, an sonnigen Tagen Kommilitonen mit dem Geo-Dreieck blenden) oder gleich zu Hause. Unmittelbar vor einer Prüfung prügle ich mir dann das nötige Wissen ins Kurzzeitgedächtnis, um es danach so schnell wieder zu vergessen, wie Bulimie-Betroffene sich auskotzen.

Früher war das verpönt und hieß Kampflernen. Heute ist es en vogue und heißt Bachelor-Studium.

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