Design-Ausstellung zu Tschernobyl Schwarze Eier und strahlende Gullideckel

Als 1986 Block vier des Atomkraftwerks in Tschernobyl explodierte, gingen viele von ihnen noch nicht zur Schule. Jetzt näherten sich 55 Designstudenten aus Berlin und der Ukraine der Reaktorkatastrophe mit den Mitteln der Kunst. SPIEGEL ONLINE zeigt Ergebnisse ihrer Semesterarbeiten.

Von Denis Dilba


Am 26. April 1986 war Till Christ mit der Familie gerade im Griechenland-Urlaub. Er erinnert sich noch vage, dass er damals eine Zeit lang nicht mehr im Sandkasten spielen durfte. Viel mehr ist ihm von der Katastrophe nicht mehr im Gedächtnis geblieben.

Heute ist Christ 25 und Student an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Gemeinsam mit Kommilitonen aus Berlin und von der Staatlichen Akademie für Design und Kunst im ukrainischen Charkow organisierte er die Ausstellung "Visual Energy - Nach Tschernobyl: Ressourcen, Energien und wir", die noch bis Ende April im Berliner Kunsthaus Tacheles läuft. Der Startschuss zum Projekt fiel im vergangenen Oktober: Insgesamt 55 Kunststudenten hatten ein Semester lang Zeit, um ihre Ideen zum Thema "20 Jahre Tschernobyl" umzusetzen.

Nach der Reaktorkatastrophe ging eine Welle der Angst durch Europa - aber viele der Studenten waren 1986 noch zu jung, um das bewusst wahrzunehmen. Am Anfang habe ihm wie anderen deutschen Studenten der Draht zum Thema gefehlt, erzählt Till Christ. Es sei "nicht gerade leicht zugänglich", aber gerade das mache es besonders spannend, sich mit den Formen und der Sprache des Designs damit zu beschäftigen.

Unzählige Briefe, Telefonate und E-Mails gingen zwischen Berlin und Charkow hin und her. Sechs Studenten aus Weißensee besuchten sogar die ukrainische Designakademie. Die Gespräche mit Menschen aus der Ukraine, die unter dem GAU gelitten hätten, seien für ihn besonders wichtig gewesen, sagt Christ. "Erst danach hatte ich einen richtigen Bezug zu dem Thema."

"Das Unfassbare fassbar machen"

Am Ende entstanden Plakatserien, Websites und Animationsfilme - zum Beispiel mit strahlenden Ostereiern, leuchtenden Gullydeckeln oder Ideen zu erneuerbaren Energien. "Dabei war eine Ausstellung bei dem Projekt eigentlich nicht geplant", sagt Stefan Koppelkamm, Professor für Kommunikationsdesign in Weißensee, "aber als wir dann gesehen haben, wie viele interessante Arbeiten dabei herausgekommen sind, konnten wir ja gar nicht anders."

Präsentiert werden bei der Ausstellung neben den Arbeiten der Studenten auch Fotos des ukrainischen Grafikdesigners Oleg Veklenko sowie Arbeiten aus dem "4ten Block", der Internationalen Triennale für ökologisches Plakat und Grafik. Veklenko ist Projektkoordinator an der Kunstakademie Charkow - und zählt selbst zu den so genannten Liquidatoren, die direkt nach der Explosion in Tschernobyl dazu eingesetzt wurden, verstrahltes Material zu beseitigen.

"Ob Plakat, Website oder Spot: Eines der wichtigsten Mittel für Kommunikation und Information heute ist das Design", sagt Veklenko. Auch Carola Dürr, Leiterin der Europäischen Ost-West-Akademie für Kultur und Medien und eine der Projekt-Initiatoren, glaubt, dass Kunst "helfen kann, das Unfassbare fassbar zu machen, erst recht bei einer Katastrophe, bei der es kaum verlässliche Angaben zu den Folgen und der Zahl der Opfer gibt".

Koppelkamm ist wie seine Weißenseer Professoren-Kollegen Matthias Gubig, Nanne Meyer und Alex Jordan vom Engagement der Studenten begeistert. Denn die legten sich neben dem normalen Semesterbetrieb ins Zeug und haben die Ausstellung zudem selbst konzipiert und organisiert - mit handwerklichem Können: "Besonders die Aufhängungen für die Exponate haben viel Zeit gekostet - erst Betongewichte gießen, dann Stahlseile zuschneiden", erzählt Till Christ.

Zum Aufbau der Ausstellung kamen dann sechs Nachwuchsdesigner aus Charkow nach Berlin. Die Möglichkeiten der Designstudenten unterschieden sich deutlich, sagt Till Christ. Bei seinem Besuch in der Ukraine sei ihm im Januar gleich aufgefallen, dass dort fast alle mit Uralt-Rechnern arbeiten, nicht mit flotten Macs, wie sie für deutsche Designer typisch sind. "Dass es darauf nicht ankommt, sieht man an den Ergebnissen", so Christ.



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