Deutsch-ägyptischer Blogger "Hier geht es ums Überleben"

Der deutsch-ägyptische Blogger Philip Rizk, 28, erlebte die Brutalität des Mubarak-Regimes am eigenen Leib: Als Student wurde er vor zwei Jahren von Sicherheitskräften verschleppt. Im Interview spricht er über den Einfluss des Internets auf die Proteste und warum er nicht nach Deutschland zurück will.

Marsch der Millionen am Dienstag: "Sie schreiben auf ihre Plakate, was sie wollen"
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Marsch der Millionen am Dienstag: "Sie schreiben auf ihre Plakate, was sie wollen"


SPIEGEL ONLINE: Von 2008 bis 2010 haben Sie als freier Journalist für zwei unabhängige Tageszeitungen gearbeitet, seit einiger Zeit bloggen Sie. Wie hat sich die Pressefreiheit in Ägypten in der Zwischenzeit entwickelt?

Philip Rizk: Noch vor zehn Jahren gab es in Ägypten praktisch keinen unabhängigen Journalismus. Inzwischen hat sich da viel verbessert. Die Zensur bleibt aber. Journalisten hier in Ägypten wissen genau, worüber sie niemals schreiben sollten: über das Militär beispielsweise.

SPIEGEL ONLINE: Was wären denn die Konsequenzen?

Rizk: Eine Kollegin von mir hat vor knapp vier Monaten einen Zeitungsartikel über einen Blogger geschrieben. Der hatte kritisiert, dass der Sohn eines Offiziers von der Uni bei einem Bewerbungsverfahren bevorzugt behandelt wurde. Das Mubarak-Regime hat den Blogger danach verhaftet und erst freigelassen, als auch andere Medien zu berichten begannen.

SPIEGEL ONLINE: Kritischer Journalismus spielt sich also vor allem in Blogs ab?

Rizk: Es gibt kritische Zeitungen, die haben aber immer noch eine vergleichsweise geringe Reichweite. Die größte kritische Zeitung "Al-Masry Al-Youm" verkauft rund 200.000 Exemplare pro Tag. In einem Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ist das nicht viel.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater besitzt einen kleinen Verlag in Kairo. Welche Rolle spielen gedruckte Medien generell bei dem Umbruch?

Rizk: Mein Vater druckt vor allem Bücher für Christen hier in Ägypten - mit wenig politischem Inhalt. Jedes Buch, das er druckt, wird bisher dennoch von der Regierung zensiert. Insofern haben Bücher im Vergleich zu Blogs einen großen Nachteil. Durchschnitts-Ägypter lesen leider auch sehr wenig, und wenn, dann denken sie dabei noch zu unkritisch. Das liegt auch an den Lehrmethoden in Ägypten: Man lernt Zahlen auswendig und wartet. Das Internet regt dazu an, Neues zu entdecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark haben Sie und andere Internetaktivisten zu den derzeitigen Protesten beigetragen?

Rizk: Das Internet wird immer wichtiger. Ich selbst stelle derzeit Videos und Fotos in meinen Blog, die ich auf den Straßen Kairos aufgenommen habe. Aber die Proteste haben ja trotz der Abschaltung des Internets am Freitag eine starke Eigendynamik entwickelt. Den ägyptischen Demonstranten hat niemand gesagt, wann und wo sie sich zu treffen haben. Dennoch gehen sie in Massen auf die Straße.

SPIEGEL ONLINE: Das Internet hat also gar keine wichtige Rolle gespielt?

Rizk: Doch, doch. Das Internet hat es geschafft, den Weg für die Proteste zu ebnen. 2006 fanden in Mahalla al-Kubra massive Arbeiterstreiks statt, die von der Polizei gewalttätig niedergeschlagen wurden. Die Proteste damals verbreiteten sich durch das Internet rasend schnell und machten meiner Meinung nach die Aufstände in Tunesien vor einigen Wochen erst möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wie drücken die Menschen ihre Wut jetzt auf der Straße aus?

Rizk: Ein ungefähr 40-jähriger Demonstrant sagte mir auf dem Tahrir-Platz: "Ich laufe zum ersten Mal als freier Mann über diesen Platz." Früher habe er auf den Straßen Angst gehabt, wenn er mit 20 Pfund unterwegs war. Er fürchtete, ein Offizier könnte es ihm wegnehmen und mit Folter und Gefängnis drohen - einfach so. Früher war das möglich. Nun ist es vorbei. Die Menschen haben keine Angst mehr vor der Staatsgewalt. Sie schreiben auf Ihre Plakate, was sie wollen. Schließlich geht es hier nicht um ihre Religionen, sondern ums Überleben. Manche sind auch sehr kreativ: Ich habe drei Männer gesehen, die mit Schildern auf einem ausgebrannten Polizeiauto standen. Das Auto war voller Abfall. Sie standen dort und meinten: "Kommt hier her, spendet etwas Müll für unseren Präsidenten. Er braucht mehr Müll!" Die sind respektlos geworden gegenüber ihrer Regierung. Das ist bemerkenswert im Nahen Osten.

SPIEGEL ONLINE: Vor knapp zwei Jahren verschleppte Sie das Mubarak-Regime wegen Ihres Blogs, auf dem Sie sich größtenteils mit dem Gaza-Konflikt beschäftigen. Wie übersteht man solch eine Zeit der Ungewissheit und der Angst?

Rizk: Ich hatte sogar noch Glück, dass ich "nur" vier Tage und nicht vier Monate eingesperrt war. Das Gefängnis lag drei Kellergeschosse tief. Niemand wusste, wo ich war. In meiner Einzelzelle habe ich gehört, wie man Menschen nebenan gefoltert hat. Später habe ich Beschreibungen darüber gelesen, wie Mitgefangene stundenlang stehen mussten, wie Polizisten sie zusammenschlugen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit diesen Erfahrungen umgegangen?

Rizk: Ich habe mich danach entschlossen über das Thema einen Kurzfilm zu drehen. Er erzählt die Geschichte einer Familie, die es geschafft hat, ihren grundlos festgehaltenen Sohn aus einem Gefängnis zu befreien. Ich wollte den Ägyptern damit Mut machen, zu hinterfragen, warum Menschen in den Gefängnissen gefoltert werden. Den Film kann man sich unter anderem aufs Handy laden. Mein Ziel war es, dass Menschen ihn untereinander verbreiten, um der Regierungs-Zensur zu umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie den Ägyptern Vorwürfe, weil sie lange Zeit weggeschaut haben, statt sich zu wehren?

Rizk: Nur zum Teil. Ich verstehe ja auch, dass die Staatssicherheit jede Form von Protest unterbunden hätte. Die Leuten hatten einfach Angst und wollten ein ruhiges Leben. Das ist meine Kritik an Deutschland. Studenten dort interessieren die Konflikte in Palästina oder Ägypten oft einfach gar nicht. Das ist auch der Grund, warum ich vorerst nicht nach Deutschland zurückkehren möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was planen Sie stattdessen?

Rizk: Im Moment drehe ich verschiedene Videodokumentationen. Beispielsweise arbeite ich gerade an einer Doku über die Nahrungsmittelkrise in Ägypten. Neben einem Buch über den Gazastreifen plane ich auch ein Internetarchiv mit Handyvideos, die Menschen während des Arbeiterstreiks 2006 in Mahalla al-Kubra aufgenommen haben. Es soll kein Archiv für irgendein Museum werden - sondern eines für die Menschen, die dort protestiert haben.

Das Interview führte Rick Noack



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zahler 02.02.2011
1. dieser interessante Artikel wäre
noch viel interessanter, wenn wir erfahren würden, wovon der Blogger denn lebt? Und wovon die übrige Bevölkerung derzeit lebt.
kneppers 02.02.2011
2. wohl wahr
Zitat von zahlernoch viel interessanter, wenn wir erfahren würden, wovon der Blogger denn lebt? Und wovon die übrige Bevölkerung derzeit lebt.
Wahrscheinlich von ausländischen Steuergeldern.
ojc 02.02.2011
3. Oh Mann...
Zitat von kneppersWahrscheinlich von ausländischen Steuergeldern.
da sind sie wieder, die kleingeistigen Spießbürger... Dieser Blogger (und viele andere) riskiert z.Zt. nicht nur sein (wahrscheinlich bescheidenes) Einkommen, das er mit seinen Zeitungsartikeln vor Ort (!) verdient, sondern vielmehr auch sein Leben für etwas, woran er glaubt. Sie hingegen denken wahrscheinlich nur an Ihren armseligen kleinen Geldbeutel, während Sie Ihren Merzedes C-Klasse Wagen waschen. Es ist zum Kotzen...
Ein netter Netter 02.02.2011
4. Studenten interessieren sich nicht
Dass sich Deutsche Studenten nicht für Konflikte im Mittleren Osten interessieren, kann ich so nicht stehen lassen. Im Gegenteil: Es gibt bei bestimmten Gruppierungen unter den Deutschen Studenten eine regelrechte Fixierung auf das Thema, die es zumindest in meiner Uni-Laufbahn oft schwierig gemacht hat, vor lauter "total wichtigen Diskussionen, du" das eigentliche Studium durchzuziehen. Und dass dieser Student nun lieber dort bleibt und Videoblogger wird, ist doch nicht schlecht. Ein auf uns herabschauender Hipster weniger, den wir später durchfüttern müssen, wenn er merkt, dass die angenommene Kreativität doch nicht ausreicht, um auf eigenen Beinen zu stehen.
ein netter Mann 02.02.2011
5. Aus mit Billigurlaub
Zitat von ojcda sind sie wieder, die kleingeistigen Spießbürger... Dieser Blogger (und viele andere) riskiert z.Zt. nicht nur sein (wahrscheinlich bescheidenes) Einkommen, das er mit seinen Zeitungsartikeln vor Ort (!) verdient, sondern vielmehr auch sein Leben für etwas, woran er glaubt. Sie hingegen denken wahrscheinlich nur an Ihren armseligen kleinen Geldbeutel, während Sie Ihren Merzedes C-Klasse Wagen waschen. Es ist zum Kotzen...
Genau! Was interessieren uns überhaupt die Menschen in Ägypten oder Tunesien, es geht doch nur um billig Urlaub machen. Wenn ich mir die Nachrichten anschaue und von Urlaubern aus Ägypten höre, sie "hätten in ihren Hotels gar nichts von den Unruhen mitgekriegt" da kommt mir auch das Kotzen....
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