Studentin lebt in der Bahn Freiwillig wohnungslos

Die Wohnung in Stuttgart, die Uni in Tübingen, der Freund in Köln, die Mutter in Berlin, die Oma in Bielefeld: Leonie Müller, 23, pendelte ohnehin ständig. Dann wagte sie ein Experiment: Für ein Jahr hat sie keine eigene Bleibe. Dafür aber eine Bahncard 100.

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Fabienne Kinzelmann

Ein Donnerstagmorgen auf der Strecke Köln-Stuttgart: An den Eingängen der ersten Waggons drängen sich die Passagiere, doch Leonie Müller geht unbeirrt weiter nach hinten, sie will zum Wagen mit der Nummer 22. Während sich die Passagiere in anderen Waggons nebeneinander quetschen, ist hier das ganze Abteil nahezu leer.

"Airrail-Wagen", erklärt Müller. "Der ist extra für Leute reserviert, die zum Flughafen wollen. Aber so viele sind das meistens gar nicht." Die 23-Jährige verstaut ihren Rucksack im Gepäckfach und lässt sich auf einen Doppelplatz fallen. Leonie Müller ist zwar nicht auf dem Weg zum Flughafen, aber ein paar kleine Annehmlichkeiten müssen eben sein, wenn man jede Woche viele Stunden auf den Schienen verbringt.

Im Frühjahr hat sie ihre Wohnung in Stuttgart gegen eine Bahncard 100 getauscht - seither sind Züge nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Wohnzimmer und Arbeitsraum der Studentin. Pro Woche fährt sie zwischen 1200 und 2000 Kilometer. Dabei pendelt Müller vor allem zwischen Tübingen - ihrem Studienort -, Köln - dort wohnt ihr Freund -, Bielefeld - ihrer Heimat und Wohnort ihrer Oma - und Berlin, wo ihre Mutter lebt. Meist entscheidet sie spontan, wann sie wohin fährt.

Im April 2016 will Müller mit ihrem Studium fertig sein und bis dahin möchte sie wohnungslos bleiben. Die meisten Nächte verbringt sie allerdings bei ihrem Freund oder einer Freundin in Tübingen. Lieber als im Zug zu übernachten, fährt sie spätabends an einen Ort und morgens früh gleich wieder los.

Leonie Müller hat schon viele Hausarbeiten in der Bahn geschrieben
Felix Mayr

Leonie Müller hat schon viele Hausarbeiten in der Bahn geschrieben

Was für viele unvorstellbar wäre, ist für die Tübinger Studentin ein Experiment: Was macht die Wohnungslosigkeit auf Zeit mit mir? Über die Erfahrung schreibt sie in ihrem Blog, den sie auch als Werkstück für ihre Bachelorarbeit in Medienwissenschaften einreichen will.

Auf der Fahrt von Köln nach Tübingen stellt Leonie Müller Kekse und Traubensaft auf das ausgeklappte Tischchen vor ihr. Sie vermeidet es, unterwegs belegte Brötchen zu kaufen: zu teuer. Lieber kauft sie sich im Supermarkt Frischkäse und Brot.

Auf den Gedanken, ihre Wohnung aufzugeben, brachte sie ihr neuer Freund. Der lebt in Köln und beobachtete, wie Leonie zwischen ihm, ihrem Wohnort Stuttgart und ihrem Studienort Tübingen pendelte. "Wie oft bist du eigentlich effektiv zu Hause?", fragte er sie. 340 Euro kostet die Bahncard im Monat, für ihre Wohnung hatte Müller 400 Euro Miete gezahlt. Leonie Müllers Kisten stehen jetzt bei ihrer Mutter.

Was sie seither braucht, passt in ihren Reiserucksack: Wechselklamotten, Uni-Sachen, ein Tablet und die Hygiene-Grundausstattung. Und ihre dunkelblaue Daunenjacke, die man übrigens ganz klein zusammenfalten kann, dient unterwegs auch mal als Decke. Überhaupt besteht Müllers Garderobe fast nur noch aus dunkelblauer Kleidung, die lässt sich einfach kombinieren.

Leonie Müllers Reiserucksack: Dunkelblaue Klamotten lassen sich am besten kombinieren
Fabienne Kinzelmann

Leonie Müllers Reiserucksack: Dunkelblaue Klamotten lassen sich am besten kombinieren

Erfahrung im pragmatischen Packen hat Leonie Müller bereits von einer neunmonatigen Weltreise. Die wichtigste Neuanschaffung für ihr Jahr in der Bahn: Gute Kopfhörer, die alle Umgebungsgeräusche ausblenden. Damit kann sie problemlos im Zug arbeiten, so manche Hausarbeit ist hier schon entstanden.

Als sie ihre Pläne auf Facebook verkündete, erhielt Leonie Müller viel Zuspruch. "Viele Freunde haben geschrieben, ich könne jederzeit vorbeikommen." Doch ihr ist wichtig, anderen nicht zur Last zu fallen: "Mit einer Freundin in Tübingen, bei der ich oft übernachte, habe ich vereinbart, dass sie mir ehrlich sagt, wenn sie ihr Zimmer mal nicht teilen will."

Andere, denen Müller von ihrer Entscheidung erzählt, reagieren aber auch verständnislos. "Manche Leute fühlen sich regelrecht angegriffen. Als würde ich deren Lebenskonzept infrage stellen." Erst neulich meinte jemand zu ihr, man müsse doch seinen eigenen Raum haben - und ob sie sich einfach durchschnorren würde.

Signalstörungen? Kein Problem!

Es sei komisch, findet Müller, wie akzeptiert Wohnungslosigkeit sei, wenn man im Ausland unterwegs sei. "Im Inland wird das gar nicht als Reise wahrgenommen." So sieht sie sich: als Reisende, nicht als Extrempendlerin. Sie fühlt sich unabhängig. Frei. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ihr nichts fehlt und sie nichts nervt, nicht einmal Signalstörungen, verpasste Anschlusszüge oder das viele Sitzen.

"Ich habe viel Freiheit, die aber auch Entscheidungen mit sich bringt", sagt sie; "Ich muss mich ständig fragen: Was will ich, was muss ich?" Für die Semesterferien hat sich Leonie Müller mal andere Strecken vorgenommen - dann will sie die vier äußersten Ecken Deutschlands besuchen. Mit der Bahn natürlich.

Die Durchsagen, die dunkelblauen Sitze mit den hellblauen Kissen, die helle Decke, das Muster des unauffälligen ICE-Teppichs und das Geräusch der schließenden Zugtüren seien ihr inzwischen so vertraut, dass sie heimelige Gefühle entwickle - ähnlich wie beim Geräusch der Haustür, der Position der Lichtschalter und dem Wasserkocher mit dem Wackelkontakt in ihrer alten Wohnung. Auch Haare waschen ginge ganz gut im Zug: "Die Zeit zwischen Mannheim und Stuttgart reicht dafür perfekt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 108 Beiträge
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ambergris 21.08.2015
1.
Naja, die ganze Wahrheit wird man im Artikel nicht gelesen haben. Alleine schon, weil Sie einen Wohnort angemeldet haben muss. Allein schon um Post zu empfangen. Arbeiten wird sie auch nicht, also kriegt sie das Geld von irgendwo her. Die 60 Euro Unterschied im Monat zwischen Bahncard und Miete gehen dann für andere Sachen drauf. Warmes Essen, Dusche benutzen, ebne die Sachen des täglichen Lebens. Sie kann ja nichts verstauen. Und wieso war die Wohnung in Stuttgart und nicht in Tübingen, an ihrem Studienort? Ich vermute mal, dort wären die Wohnungen günstiger gewesen. Vielleicht weil man in Stuttgart besser ausgehen kann? Aber die gute Freundin ist in Tübingen und der Freund in Köln. Sie musste jetzt nicht unbedingt in Stuttgart bleiben.
grumpy53 21.08.2015
2. tolle Idee
so einen Moment erinnere ich mich an die Zeiten, als ich beruflich auch viel pendeln musste, mit der BC 100. Stand oft am Bahnhof und überlegte, wo ich denn hinfahren würde, wenn ich jetzt Freizeit hätte. Hat leider längst nicht so oft geklappt, wie ich mir gewünscht habe. Dennoch, ich glaube man lernt durch so ein Experiment für' Leben. Sich bescheiden, gut organisiert sein, mit Warten und Langweile auskommen, Geduld mit anderen Menschen zu haben, interessante Kontakte zu bekommen, alles Jahreszeiten zu spüren, beim ein-, aus- und aussteigen, Geduld und Konzentration auch außerhalb ruhiger eigener Wände zu entwickeln. Nicht so toll finde ich, immer in dunkelblauer und praktischer Kleidung unterwegs zu sein, im Zweifelsfall sind die mitgenommenen Kleidungstücke von der Reise verknittert, verschwitzt oder haben Flecken. Und Haare waschen im Zug, nee, ich schaudere schon, wenn ich an die Toiletten denke, mir dort die Hände wasche und dann wieder den Türgriff anfassen muss, den vor mir wohl einige ohne Händewaschen schon berührt haben. Mein Gesicht und Haare in diesem Mini-Becken naß zu machen, Horror. Aber sonst: tolles Experiment, interessante Einsichten.
der_ba_be 21.08.2015
3.
Da könnte sie ja auch ein Buch drüber schreiben... ach halt das gibt es ja schon... irgendein ehemaliger (?) deutscher Rapper, ich glaube es war "MC Rene", hat das auch gemacht und seine Erlebnisse niedergeschrieben. Billige trittbrettfahrerei..
baerry 21.08.2015
4. Bindungsangst
Für mich klingt das eher nach einer Bindungsangst weil sie nicht mit ihrem Freund zusammenziehen will. Wer jede Nacht bei einem von 5 Leuten schläft ist für mich alles andere als wohnungslos.
sinsin 21.08.2015
5.
Und schon wird ihr die Sache madig gemacht hier im Forum.. Wenn die Frau klar kommt, wo ist das Problem? Zwingt sie jemanden, es ihr gleichzutun? Richtig ist, dass ein solcher Lebensstil in Deutschland leider auf bürokratische Widerstände stoßen muß. Schon wegen eines antiquierten Meldewesens, dass uns noch als Untertanen des Obrigkeitsstaats ausweist und nebenher unsere Daten verhökert. Braucht in westlichen Demokratien kaum einer, aber bei uns gilt es als selbstverständlich.
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