Deutsche Clubs an Londoner Uni Elitäres Studium mit und ohne Schlips

An der britischen Elite-Uni LSE gibt es gleich zwei deutsche Clubs: Einen für Karrieristen und einen für die Anti-Ralph-Lauren-Fraktion. Die Gräben zwischen Studenten mit Schlips und ohne sind allerdings nicht allzu tief. Denn einen Top-Job wollen alle, egal ob piekfein oder in Trainingsjacke.

LSE German Society

"We need to stabilisise the economy." Wie bitte? "Stabilise" will Peer Steinbrück eigentlich sagen, und er macht den kleinen Englisch-Fehler nicht nur einmal. Einige im Saal schmunzeln über den sprachlichen Ausrutscher, aber ansonsten ist das Englisch des Ex-Ministers tadellos.

Der SPD-Politiker spricht beim German Symposium der englischen Elite-Uni London School of Economics (LSE). Die Vortragsreihe organisieren die Studenten der German Society. Neben Steinbrück treten viele weitere Promis auf: Journalist Ulrich Wickert, die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth und einige deutsche Wirtschaftskapitäne.

Steinbrück doziert über die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, um die zehn Mal sagt er noch "stabilisise", zum Ende folgt standesgemäßer Applaus. Dann leert sich der Saal, nur die Organisatoren der German Society, dem Club der deutschen LSE-Studenten, bleiben noch. Präsident Raphael Schöttler und Vizepräsident Christoph Kreileder warten geduldig für ein Foto mit dem deutschen Ex-Minister, erst dann packen sie ihr schwarz-rot-goldenes Banner weg.

Unversehens an die schicke London School of Economics

"Was da auf die Beine gestellt wird, verdient Respekt", sagt David Gudisch, seit kurzem Absolvent der LSE. Doch ein echter Fan des Deutschenclubs ist Gudisch nicht. Er besucht zwar das Symposium, hält sich sonst aber lieber von der deutschen Vereinigung fern.

Als Gudisch 2004 an die Uni kam und wie jeder Student am Semesteranfang von den unzähligen Societys umworben wurde, trat er der German Society bei. Doch nach den ersten Treffen fühlte er sich zunehmend unwohl. "Ich war einer der wenigen ohne Adelstitel, und in den meisten Gesprächen ging es spätestens im zweiten Satz um Praktika und Karriere-Events." Gudisch fand das ziemlich desillusionierend. Viele der gut organisierten Deutschen seien politisch konservativ, als Schüler besuchten sie englische Boarding Schools oder deutsche Internate. Die LSE sei dann "der nächste logische Karriereschritt".

Gudisch hingegen wusste bei seiner Bewerbung gar nicht, dass die Uni so hoch angesehen ist, sagt er. Er habe sich vor allem aus Interesse für London beworben. Für die meisten Deutschen, die an die LSE kämen, sei indes "ein Job im Finanzwesen das einzig Erstrebenswerte".

Kein Investmentbanking, keine Privatschule und k ein hochgestellter Kragen

Um dem deutschen Mainstream etwas entgegenzusetzen rief Gudisch im vergangenen Jahr die Alternative German Society ins Leben, als Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook. Gudischs Alternative ist vor allem eins: eine Antithese. Im Untertitel ist sie die "non-investmentbanking, non-GoldmannSachs, non-RalphLaurenPoloShirt, non-privateboardingschool, non-Seitenscheitel, non-FDP, non-poppedupcollar, non-accountingandfinance German Society" Denn, so schließt Gudisch die Beschreibung seiner Anti-Gruppe auf Deutsch: Deutschland habe mehr zu bieten, als nur die Deutsche Bank.

Schnell hatte die Gruppe 30 Mitglieder, inzwischen sind es immerhin 55 deutsche LSEler. Gegen die über 500 Mitglieder der offiziellen German Society ist das nicht viel. Er habe auch mal über Events nachgedacht, sagt Gudisch, aber das hätte dann doch der Idee widersprochen. "Wir wollen eben nicht über 'das Deutsche' zusammenkommen." Wer sich von der Gruppe angesprochen fühle, sei vermutlich eher froh, dass er in London auf andere Kulturen als auf die deutsche stoße. Eigentlich nicht mehr als ein Gag sei diese "deutsche Alternative".

So sieht das auch Raphael Schöttler, der Präsident der German Society. Er nennt Gudischs Gruppe "eine witzige Sache" und es gebe sie auch "völlig zu Recht". Schließlich komme "meist schon ein bestimmter Typ in die German Society", auch wenn die sich an alle richte.

Deutsche haben den zweitgrößten National-Verein - gleich nach den Chinesen

Es stimme auch, dass viele begüterte Eltern hätten, finanzorientierte Fächer studierten und sich konservativ anzögen. "Wenn man 100 deutsche Studenten vor der Bibliothek aufstellst, ich wette, dass davon über 60 ähnlich aussehen. Hemd und Pulli, Lederschuhe, manche auch mit Aktentasche", sagt Schöttler, der VWL studiert. Er selbst falle da auch nicht aus der Norm. Aber wo sei das Problem?

Auch Society-Vizechef Kreileder findet die Alternative "witzig - und mehr soll es auch nicht sein". Die German Society ist nach der chinesischen Society die größte nationale Vereinigung an der LSE und eine der größten deutschen Studentenvereinigungen außerhalb Deutschlands. Und manche LSEler sprechen sogar beide Clubs an.

"Die Events der Society sind ein Highlight", sagt Philosophiestudent Patrick Hypscher. Er ist einer der wenigen, die Mitglied in beiden deutschen Clubs sind. Obwohl er der German Society angehört, ist er froh, dass Gudischs kleine Facebook-Seite ein Zeichen setzt. Die German Society vermittle den Eindruck, es gebe "nur einen überheblichen Typ von deutschen Studenten" an der Uni. "Die Alternative betont, dass das nicht so ist."

Karriere machen klappt auch mit Anti-Haltung

Und auch wenn alles nur ein Scherz ist, gibt es Studenten, denen der Untertitel der Alternative German Society zu radikal ist. Gudisch erinnert sich an eine Studienkollegin, die sich bei ihm entschuldigte, weil sie sich nicht traute einzutreten. "Sie stand kurz davor, einen Job bei der Deutschen Bank anzutreten."

Kreileder und Schöttler vom offiziellen Deutschenclub beschäftigen solche theoretischen Fragen wenig. Sie erfüllten einfach ordentlich und fleißig ihre Aufgabe, auch insofern entsprächen sie deutschen Stereotypen. Ohne sie hätte es in diesem Jahr schließlich keinen Steinbrück in London gegeben und keine lustigen Versprecher.

Dazu fällt David Gudisch das Symposium 2007 ein. Gast war Guido Westerwelle, und der trug auf Deutsch vor. "Ein Coup wäre es, ihn noch einmal zum Symposium zu kriegen. Und dann auf Englisch." Das könnte Gudisch dem Außenminister vielleicht sogar selbst mal vorschlagen, denn er hat nach dem Studium einen der begehrten Ausbildungsplätze im Auswärtigen Amt angetreten. Ein guter Job scheint demnach machbar, auch ohne Krawatte im Studium.

Autor Felix Lill arbeitet als freier Journalist und studiert derzeit an der LSE

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