Deutsche Neuseeland-Fans Auf ans Ende der Welt

Von wegen Reich der Hobbits und Elfen: Neuseeland wartet mit hervorragend ausgestatteten Universitäten auf - zu erträglichen Studiengebühren. Das spricht sich allmählich herum. Die Zahl der in Neuseeland studierenden Deutschen hat sich verdreifacht.

Von Isabel Pasch


Hat ihr Herz an Neuseeland verloren: Meeresbiologin Maren Wellenreuther
Isabel Pasch

Hat ihr Herz an Neuseeland verloren: Meeresbiologin Maren Wellenreuther

Auckland International Airport, Neuseelands Tor zur Welt, ist von eher provinzieller Größe. Wer hier landet, ist meist recht müde und zerknautscht, denn von Europa aus liegt Neuseeland genau auf der anderen Seite der Weltkugel, 18.000 Kilometer von Deutschland, zweimal zwölf Stunden Flug. Auch Maren Wellenreuther war etwas desorientiert, als sie im Dezember 2000 in Auckland aus dem Flugzeug kletterte. Freudestrahlend erklärte ihr ihre deutsche Freundin, die sie in Auckland besuchte, dass es direkt auf eine Hawaii-Weihnachtsfeier ginge.

Hawaii-Weihnachtsfeier? Genau! In Neuseeland fällt Weihnachten in den Hochsommer, Cocktailparties und Grillfeste gehören zu einem typischen Weihnachtsfest dazu. Auf dieser denkwürdigen Weihnachtsfeier begegnete Maren Damian, der wie sie Meeresbiologe war. Die beiden verliebten sich und nachdem die zwei Wochen Urlaub vorbei waren, stand für Maren fest, dass sie unbedingt wieder kommen müsse. Ein Jahr später heirateten Maren und Damian in Auckland.

Tauchen in einsamen Buchten

"Zugegeben, für mich war die Liebe der ausschlaggebende Faktor, nach Neuseeland zu gehen", sagt Maren heute. "Doch als Meeresbiologin hätte ich es auch kaum besser treffen können."

Tauchen mit der Uni: Neuseeland ist Paradies für Outdoor-Fans
Isabel Pasch

Tauchen mit der Uni: Neuseeland ist Paradies für Outdoor-Fans

Die Hamburgerin, promoviert an den Marine Laboratories der University of Auckland. Sie untersucht die Evolution einer Gruppe von Fischen, die rund um die neuseeländischen Inseln in einmaliger Artenvielfalt vorkommen. "Ständig in einsamen Buchten tauchen zu gehen und für das Forschungsprojekt an Orte reisen, wo kein Tourist jemals hinkommt, das ist schon etwas ganz Besonderes", schwärmt sie.

Auch Anja Wenzel und Cordula Scherer waren von Anfang an von Neuseeland begeistert. Die beiden studieren in Oldenburg Umweltwissenschaften und kamen nach Neuseeland, um auf einer Forschungsstation im alpinen Hochland der Südinsel ein fünfmonatiges Praktikum zu machen. In dem winzigen Örtchen Lauder in Central Otago, Heimat von 18 Einwohnern und 20 Wissenschaftlern des NIWA-Instituts für Atmosphärenforschung, blieben sie nicht lange Fremde. "Die Leute von der Forschungsstation haben uns nach Feierabend mit in den Pub genommen oder am Wochenende Ausflüge mit uns gemacht", erzählt Cordula.

Ein Land von rauer Schönheit

Von freundlichen Neuseeländern und der einsamen Landschaft schwärmen so ziemlich alle deutschen Studenten, die es in das kleine Land auf der anderen Seite der Weltkugel verschlägt. Vielleicht weil genau das zwei Eigenschaften sind, die man in Deutschland ab und zu vermisst. Das Land hat ungefähr so viele Einwohner wie Berlin, ist aber nur ein Viertel kleiner als Deutschland.

Weiße Welt: Praktikum im Hochland
Isabel Pasch

Weiße Welt: Praktikum im Hochland

Wer Peter Jacksons Verfilmung von Tolkiens Trilogie "Herr der Ringe" gesehen hat, hat einen Eindruck von der Vielfältigkeit und der rauen Schönheit des Landes: alpine Hochlandregionen, Fjorde, Regenwald und Strände liegen oft nah beieinander. In Auckland, mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes, mischen sich Kulturen aus aller Welt. Viele junge Künstler und Modedesigner machen das Leben bunt und abwechslungsreich.

In Neuseeland lässt es sich gut leben - soviel steht fest. Zugleich genießen die Universitäten international einen ausgezeichneten Ruf. Hier wurden Reformen, die in Deutschland noch diskutiert werden, schon Anfang der 90er Jahre begonnen. Die Universitäten wurden aus der staatlichen Obhut entlassen und konnten sich zu eigenständig arbeitenden Bildungsstätten mit individuellen Profilen entwickeln. Seit Studiengebühren eingeführt wurden und die Studenten zu "Kunden" aufgestiegen sind, bemühen sich die Unis um ein effektives und interessantes Studium.

"Alles wahnsinnig unkompliziert"

Computerlabore mit den neuesten Computern oder Öffnungszeiten der Bibliotheken bis Mitternacht - und das auch am Wochenende - gehören zum Standard. Arbeitsgruppen von 15 bis 23 Studenten pro Dozent sind landesweiter Durchschnitt, in Seminaren der Masterstudiengänge sind auch Zahlenverhältnisse von 3:1 keine Seltenheit, bisweilen gibt es sogar Einzeltutorien. Auch das nicht-akademische Angebot kann sich sehen lassen: Manche Unis haben eigene Fitness-Studios, in Sportgruppen sind sämtliche Outdoor-Sportarten im Angebot.

Nicht lange allein: Die Umweltwissenschaftlerinnen Anja Wenzel und Cordula Scherer
Isabel Pasch

Nicht lange allein: Die Umweltwissenschaftlerinnen Anja Wenzel und Cordula Scherer

Doch nicht nur Studenten haben das "Land der langen weißen Wolke" - "Aotearoa" in der Sprache der Maori-Ureinwohner - entdeckt. Es kommen auch zunehmend Dozenten und Wissenschaftler aus aller Welt. Annika Hinze ist eine von ihnen. Die Berlinerin unterrichtet seit Oktober 2003 als Dozentin für Computer Sciences an der University of Waikato im südlich von Auckland gelegenen Hamilton. Ihre Kollegen am Institut kommen aus Österreich, Südafrika, Nordirland und Deutschland. Im Mai 2003 hatte sie sich an der Universität in Hamilton beworben, im September hatte sie ihre Zusage. "Das ging alles so schnell und unkompliziert, die haben sich wahnsinnig um mich bemüht", sagt Annika Hinze.

Ganz Neuseeland ist von der Idee der "Knowledge Economy", dem Wirtschaftsfaktor Bildung, beseelt. Zahlende Studenten aus dem Ausland fordern gute Arbeitsbedinungen, für Dozenten und Wissenschaftler müssen die Arbeits- und Forschungsbedingungen stimmen. "Seitens der Universität könnte die Unterstützung bei der Umsetzung eigener Ideen kaum besser sein", schwärmt Annika Hinze. Sie konnte zwei weitere Deutsche, die sie schon an der Freien Universität in Berlin betreute, als ihre ersten Doktoranden gewinnen.

Starker Zustrom aus Deutschland

Deutsche, die zum Aufbau- oder Masterstudium nach Neuseeland kommen, profitieren von einem bilateralen Abkommen: Sie zahlen nur die "domestic fees", die Studiengebühren, die ihre neuseeländischen Kommilitonen bezahlen. Zwar liegen die bei umgerechnet etwa 1500 bis 3000 Euro pro Jahr - was aber im Vergleich zu den USA oder Australien, wo Studiengebühren von umgerechnet mehr als 10.000 Euro üblich sind, immer noch recht günstig ist.

Neuseeland: Kleines Land, große Vilefalt
DER SPIEGEL

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Das hat sich offenbar auch in Deutschland herumgesprochen: In den letzten acht Jahren hat sich die Zahl der in Neuseeland studierenden Deutschen verdreifacht. Laut Manuela Thiele, Leiterin des Instituts Ranke-Heinemann, das deutsche Neuseeland-Interessenten berät, geht die Steigerung noch hauptsächlich auf Mundpropaganda zurück.

Die könnte sich bald mit vielen rückkehrenden Neuseeland-Fans vervielfachen. Maren Wellenreuther wird wahrscheinlich nicht dabei sein: Sie ist überzeugt, in Neuseeland ihr Glück gefunden zu haben.

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