Deutsche Uni-Identitäten Dramen um Namen

Die Hochschulen in Deutschland geben sich meist nüchterne Namen oder greifen auf historische Traditionen zurück - auch auf fragwürdige. Das führte an einigen Unis zu hitzigen Debatten, und mitunter meldete sich die studentische Spaßguerilla energisch zu Wort.

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Humboldt-Uni Berlin: Auch im Ausland klangvoller Name

Humboldt-Uni Berlin: Auch im Ausland klangvoller Name

Während US-amerikanische Hochschulen mit ihren Namen auf Kundenfang gehen und verwirrende oder lächerliche Bezeichnungen aussortieren, geht es in Deutschland eher nüchern zu. Im föderalistischen System sind es die Länder, die über die Namensgebung der Hochschulen entscheiden. Und die ist in der Regel eher schlicht und neutral: Viele Hochschulen beschränken sich darauf, ihren Standort im Titel zu führen, und verzichten auf Namenszusätze.

Andere greifen auf unverdächtige Dichter wie Goethe (Frankfurt am Main) oder Schiller (Jena) zurück; die Mainzer Uni heißt nach Gutenberg. Aber eine Albert-Einstein-Universität gibt es bisher nur in New York - nicht in Deutschland, auch nicht in Ulm, wo Einstein immerhin geboren wurde und 1979 der Versuch einer Namensgebung nach dem berühmten deutsch-jüdischen Physiker und Pazifisten scheiterte.

Ein echtes Pfund hat die Humboldt-Universität Berlin - einen Namen wie Donnerhall auch im Ausland. Ursprünglich hieß die Universität nach dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., wurde aber 1949 umbenannt. Sie war Anfang des 19. Jahrhunderts auf Betreiben des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt gegründet worden. Dessen Bruder, der Naturforscher Alexander von Humboldt, ist weltweit berühmt. Der klangvolle Name nützt der Hochschule heute im Wettlauf um Fördermittel für Elite-Unis, zumal sie mit dem Sitz in Berlin einen Standortvorteil hat.

Münsteraner Kaiserschmarrn

Preußische Gründerväter sind ohnehin beliebt, wie etwa bei der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Tradition hat in Deutschland jedoch auch der Streit um die Taufpaten. Dramen um den Namen verzeichnete vor einigen Jahren zum Beispiel die Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Namenspatron ist Wilhelm II., der die Hochschule 1902 wieder in den Rang einer Universität erhob.

Uni Münster: Fragwürdiger Namenspatron
DDP

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Studentenvertreter entfachten eine hitzige Debatte, weil der letzte deutsche Kaiser ihnen als Kriegstreiber und Judenhasser galt, kurzum "eine der negativsten Gestalten der deutschen Geschichte". Auch eine Senatskommission votierte für eine Namensänderung wegen der "antisemitischen Ausfälle" und der radikalen Kolonialpolitik Wilhelms. "Westfälische Friedens-Universität" galt als aussichtsreicher Kandidat (wegen des westfälischen Friedens von 1648), doch das Rektorat setzte sich über alle Vorschläge hinweg und machte einen Kniefall vor der Tradition.

Auch anderswo kassierten Studenten frostige Absagen bei Versuchen, ihre Universitäten umzutaufen. So machten Münchener Studenten sich jahrzehntelang für eine "Geschwister-Scholl-Universität" stark, um an den Widerstand der "Weißen Rose" zu erinnern. Es blieb dedoch bei der Ludwig-Maximilians-Universität, benannt nach dem Gründer Herzog Ludwig, der als Judenhasser galt - ebenso wie auch Herzog Eberhard I., der gemeinsam mit dem absolutistischen Regenten Karl Eugen für den Namen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen sorgte.

In Tübingen forderten Studenten seit der Revolte immer wieder, die Hochschule in Ernst-Bloch-Universität umzutaufen. Eine ähnliche Initiative läuft gerade in Leipzig: Die Schriftsteller Gerhard und Ingrid Zwerenz setzen sich für Bloch als Namenspatron der Universität ein, die einst Karl-Marx-Uni hieß und heute nur noch nüchtern Universität Leipzig.

Schilda oder Düsseldorf?

Umstritten ist auch der Name der Ernst-Moritz Arndt-Universität in Greifswald. Hermann Göring persönlich taufte die Universität im Jahr 1933 nach dem deutschen Dichter. Kritiker bezeichnen ihn als geistigen Vorkämpfer des Dritten Reichs, von ihm sind zahlreiche judenkritische Zitate überliefert. Folgerichtig tobte in Greifswald der Streit um den Namenspatron. In einer Debatte im Jahr 2001 stellten sich die Akademiker die Frage, ob Arndt noch als Vorbild dienen könnte. Abschließend beantwortet wurde die Frage jedoch nicht. Der Name blieb, der Streit auch.

Uni München: Liegt am Geschwister-Scholl-Platz, ist aber nach Bayernherzog Ludwig benannt
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Die Universität Oldenburg musste fast 20 Jahre lang darum kämpfen, sich nach Carl-von-Ossietzky nennen zu dürfen - niedersächsischen Politikern war der Pazifist und Friedensnobelpreisträger, der 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben war, nicht genehm. Umgekehrt wehrten sich in Düsseldorf Rektoren und Professoren beinahe ein Vierteljahrhundert lang gegen Heinreich Heine als Namenspatron, den jüdischen Dichter, Publizisten, Gesellschaftskritiker und zweifellos berühmtesten Sohn der Stadt. Damit sorgten sie für weltweites Aufsehen und lädierten den Ruf der Universität, bis 1988 endgültig entschieden wurde - zugunsten von Heine.

Der hätte den Streit mit Genuss verfolgt, notierte er doch einst über Düsseldorf: "Dort bin ich geboren, und ich bemerke dies ausdrücklich für den Fall, dass etwa nach meinem Tode sieben Städte - Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bochum, Dülken, Göttingen und Schöppenstedt - sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein."

Schimmi hatte keine Chance

In Augsburg bliebt ein Vorstoß erfolglos, die Universität nach Bertolt Brecht zu nennen. Doch wo mit so viel Inbrunst debattiert wird, ist meist die studentische Spaßguerilla nicht fern. In Augsburg etwa machte sie sich für Jim Knopf (von der Augsburger Puppenkiste) stark; Christian Albrecht in Kiel sollte Hans Albers weichen - mit der spontan einleuchtenden Begründung, der "blonde Hans" habe mit seinem Spruch "Ich bin ein Wrrrack" auch die Lage der Universität trefflich beschrieben.

Im Ruhrgebiet sorgte derweil ein ähnlich populärer Namenspatron für Aufsehen. 1992 schlug die Hochschulgruppe der Jusos vor, die damalige Universität-Gesamthochschule Duisburg in "Horst Schimanski-Universität" umzutaufen. In einer Pressemitteilung rühmten die Jusos den derben Tatort-Kommissar Schimanski als kulturellen Botschafter des Ruhrpotts. Er habe in seinen Fernseh-Krimis "die Schönheiten, Lebensgewohnheiten, Traditionen" seines Dienstortes Duisburg vermittelt.

Trotz der charmanten Begründung und des durchaus passenden Lokalkolorits wurde nichts aus der Schimanski-Uni. 1994 wurde die Universität nach dem Mathematiker und Kartografen Gerhard Mercator benannt, der in Duisburg gelebt hatte. Doch auch dieser Titel währte nicht lange: Nach einer Zwangsfusion mit der Universität Essen im Jahr 2002 auf Anweisung der Landesregierung heißt die Hochschule heute schlicht und schmucklos "Universität Duisburg-Essen". Ganz verebbt ist der Ruf nach dem Namen Schimanski aber nie.



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