Deutschen-Bremse Schweizer Unis genehmigen sich Ausländer-Quote

Numerus clausus, Extra-Gebühren, Quote - aber alles nur für Ausländer. Die Schweizer Hochschulen haben Angst, dass deutsche Studienanfänger ihre Hörsäle verstopfen. Juristisch waren die Sortier-Maßnahmen bisher umstritten - jetzt gibt ein Schweizer Gutachten den Unis recht.

DPA

St. Gallen ist ein hübsches Städtchen: Vom Berg schaut es herunter auf den Bodensee, grüßt hinüber nach Lindau, nach Friedrichshafen; die beeindruckende Stiftskirche wacht über St. Gallens Dächern, eine gute Uni gibt es auch. Und das Beste: Für Deutsche ist das alles sehr gut zu erreichen. Viele Studienanfänger aus Baden-Württemberg, Bayern und den anderen Bundesländern zog es in den vergangenen Jahren an die Universität - zu viele, fanden einige Schweizer. Zu viele, fand schließlich auch die Uni.

Ab dem kommendem Jahr will man in St. Gallen rund 1770 Euro pro Semester von ausländischen Studierenden fordern - fast 800 Euro mehr als bisher. Außerdem ist die Zulassung von Nicht-Schweizern bereits auf 25 Prozent begrenzt und die Bewerber müssen eine Zulassungsprüfung absolvieren. Auch die Universitäten in Freiburg, Zürich und Lugano knöpfen ihren ausländischen Studenten bereits deutlich mehr Geld ab, als den Schweizern.

Für das kommende Semester haben die Universitäten in der Schweiz "vorsichtshalber" die Zulassungsbedingungen für deutsche Bewerber verschärft: Diese müssen entweder an einer deutschen Uni eingeschrieben sein oder eine glänzende Abitur-Note vorweisen können, schreibt die seriöse "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Fraglich war bisher nur, ob diese Praxis mit den internationalen Abkommen vereinbar ist, die die Schweiz mit anderen Ländern geschlossen hat. Die "Lissaboner Konvention" verbietet beispielsweise jede Art von Diskriminierung ausländischer Studenten. Auch Deutscher.

"Notbremse ziehen" wegen des "riesigen Andrangs"

Die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten gab deswegen ein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnis nun vorzeitig der NZZ zugespielt wurde. Es lautet: "Die Einführung von Quoten (...) ist möglich." Die Hochschulen seien nicht verpflichtet, "ausländische Studierende (...) zu Studiengebühren auszubilden, die weit unter den tatsächlichen Kosten liegen."

Bislang haben die Hochschulen in der Schweiz einen guten Ruf, die Studiengebühren waren vergleichsweise niedrig und es gab für viele Studiengänge keine Zulassungsbeschränkungen. Knapp ein Fünftel der 132.000 Studenten an den Universitäten und Hochschulen der Schweiz sind sogenannte "Bildungsausländer". Seit 1990 hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. Deutsche stellen mit Abstand die größte Fraktion unter den Ausländern. Setzt die Quote sich nun durch, könnte der Zustrom von jungen Menschen in die Schweiz, vor allem aus Deutschland, abnehmen.

In den vergangen Wochen wappnete sich die Presse in der Schweiz schon einmal verbal gegen den angeblichen "riesigen Andrang" (NZZ) und die "Platzmisere" (Gratiszeitung "20 Minuten") welche nach dem Sommer den Schweizer Unis drohe, weil in Bayern und Niedersachsen zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig die Uni verlassen und Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt hat. Die Uni St. Gallen habe in dieser Situation "die Notbremse gezogen", schreibt die NZZ. Politiker der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) fordern gerne und in regelmäßigen Abständen höhere Studiengebühren für Ausländer.

"Wer kommen will, der soll auch kommen können"

Romina Loliva vom "Verband Schweizer Studierendenschaften" (VSS) kritisiert diese Mentalität scharf: "Es herrscht in der Schweiz leider die Meinung vor", sagt sie SPIEGEL ONLINE, "dass wir viel zu viele ausländische Studierende haben, die den Schweizern die Studienplätze wegnehmen." Die Gebühren seien "diskriminierend und fremdenfeindlich", sie würden vor allem die Menschen vom Studium abhalten, die nicht so viel Geld übrig hätten. Außerdem betrieben einige Parteien "eine populistische Kampagne, in der er es um Heimatschutz und Protektionismus" zu gehen scheine.

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Auch von einem speziellen Numerus Clausus der und einer Ausländer-Quote, die faktisch eine Deutschen-Quote wäre, hält Loliva nichts: "Diese Beschränkungen sind ein willkürliches Instrument, um zu selektieren. Sie sind nur ein Hindernis, das die Unis aufstellen, um die Leute vom Studium abzuhalten. Wir finden: Wer kommen will, der soll auch kommen können."

maf

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Seite 1
shokaku 02.08.2011
1.
Vernünftig. Wer braucht schon anonyme Denunzianten an seinen Unis.
nervmann 02.08.2011
2. Schweizer Schema
Zitat von sysopNumerus clausus, Extra-Gebühren, Quote - aber alles nur für Ausländer. Die Schweizer Hochschulen haben Angst, dass deutsche Studienanfänger ihre Hörsäle verstopfen. Juristisch waren die Sortier-Maßnahmen bisher umstritten - jetzt gibt ein Schweizer Gutachten den Unis recht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,777677,00.html
Das Geld der Ausländer nehmen sie gern, die Menschen selbst aber nicht; außer sie haben mörderisch viel Kohle. Zwei Beispiele: 1. Seit April werden bei der UBS ausländische Konten
Gani, 02.08.2011
3. Ach?
Zitat von shokakuVernünftig. Wer braucht schon anonyme Denunzianten an seinen Unis.
Das schliesst dann aber einen gewissen Teil der Schweizer ebenfalls aus - das Denunziantentum ist in einigen Regionen in der Schweiz Volksgut... Aber sowas will man hier in der Bünzli-Schwiiz nicht hören.
gsm900, 02.08.2011
4. Die Schweizermacher
Zitat von GaniDas schliesst dann aber einen gewissen Teil der Schweizer ebenfalls aus - das Denunziantentum ist in einigen Regionen in der Schweiz Volksgut... Aber sowas will man hier in der Bünzli-Schwiiz nicht hören.
hat das ja nebenbei thematisiert.
Hardliner 1, 02.08.2011
5. Das Richtige
Zitat von sysopNumerus clausus, Extra-Gebühren, Quote - aber alles nur für Ausländer. Die Schweizer Hochschulen haben Angst, dass deutsche Studienanfänger ihre Hörsäle verstopfen. Juristisch waren die Sortier-Maßnahmen bisher umstritten - jetzt gibt ein Schweizer Gutachten den Unis recht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,777677,00.html
Wohin der unbegrenzte Uni-Zugang führen kann, haben die Österreicher erlebt. Am deutschen NC gescheiterte Medizinstudenten in spe wechselten in die Alenrepublik. So viele, dass doies zu Lasten der österreichischenStudenten ging. Und die EU hat diese "Invasion" auch noch ausdrücklich genehmigt. So gesehen machen die Eidgenossen das Richtige. Als Nicht-EU-Land geht dies ohne Sanktionen.
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