Billigarbeiter Arbeiten für die Promotion - für knapp drei Euro pro Stunde

Sie haben eine Top-Ausbildung, arbeiten mehr als Vollzeit und sind trotzdem arm: Doktoranden in Deutschland werden oft dreist ausgenutzt. Ein britischer Professor will nun sogar spenden.

Hochschulabsolventen in Leipzig (Symbolbild)
DPA

Hochschulabsolventen in Leipzig (Symbolbild)


Eigentlich würde Klara, 30, gern in eine eigene Wohnung ziehen. Das ist finanziell aber nicht drin. Denn Klara schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit.

Als sie mit ihrer Promotion anfing, arbeitete Klara als wissenschaftliche Hilfskraft an einer norddeutschen Universität. Ihr monatliches Gehalt mit zwei Uniabschlüssen damals: etwas mehr als 450 Euro. Eigentlich sollte sie dafür nur knapp neun Stunden in der Woche an der Uni arbeiten, so stand es in ihrem Vertrag. Tatsächlich waren es 60 Stunden. "Da die Arbeit auch für meine Promotion war, fand ich das in Ordnung", sagt Klara rückblickend.

Ein zweiter Job kam aber nicht infrage, und die 450 Euro reichten gerade so für die Krankenversicherung und ihr WG-Zimmer. Leben musste Klara daher teilweise von Erspartem. "Ich gehe nicht viel essen oder shoppen. Mein Auto habe ich inzwischen auch nicht mehr", erzählt die angehende Doktorin.

Jeder neunte Doktorand ist arm

So wie Klara geht es vielen Doktoranden, denn sie werden nicht automatisch dafür bezahlt, dass sie ihre Promotion schreiben. Zwar lohnt sich eine Promotion mittel- und langfristig - im Durchschnitt verdient ein Arbeitnehmer mit Doktortitel 891 Euro mehr pro Monat als ein Kollege mit Hochschulabschluss -, doch der Weg dorthin ist für viele extrem hart.

Die meisten finanzieren ihren Weg zum Doktortitel mit einer halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiter oder einem Stipendium. Dadurch haben Promovierende im Schnitt um die 1200 Euro netto in der Tasche. Doch es geht auch weniger: Jeder neunte Doktorand verdient laut einer Studie des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung nicht mal 826 Euro netto im Monat und gilt damit als armutsgefährdet.

Es will jedoch kaum jemand offiziell über die geringe Bezahlung sprechen. Auch Klara heißt in Wirklichkeit anders. Sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen, weil sie Nachteile an der Universität fürchtet. Denn inzwischen hat sie einen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst an der Uni. "In ein paar Monaten ist es damit aber auch schon wieder vorbei, da läuft die Stelle aus", sagt sie. Dann muss sie auf eine neue Finanzierung hoffen. Oder wieder mit weniger Geld klarkommen.

"Knapp über dem Existenzminimum"

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert seit Langem, dass viele Doktoranden in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Schließlich brächten sie zwei Studienabschlüsse mit. "Es ist deshalb nicht angemessen, sie mit etwas Geld abzuspeisen, das knapp über dem Existenzminimum liegt", sagt Andreas Keller, Vorstandsmitglied der GEW.

Eine Besserung ist bisher nicht in Sicht. Während das neue Zeitvertragsgesetz dafür sorgen soll, dass Doktoranden künftig längere Arbeitsverträge bekommen, gibt es keine gesetzlichen Vorschriften für eine faire Bezahlung. Und das nutzen offenbar einige aus.

Ein zweifelhaftes Stipendium

So hat die hessische Landesarchäologie jüngst ein Stipendium für einen Doktoranden ausgeschrieben, das mit 450 Euro im Monat dotiert ist. Außerdem gibt es eine kostenlose Unterkunft.

Stipendium? Freie Unterkunft? Klingt erst mal toll. Tatsächlich bedeutet es in diesem Fall: Zwei Jahre wissenschaftliche Arbeit auf Hartz-IV-Niveau, ohne Zuschuss zur Krankenversicherung oder Beiträge in der Rentenkasse. Denn der Stipendiat bekommt das Geld nicht einfach so. Er soll im Gegenzug eine Grabung in der Stadt Rödermark aufarbeiten, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren stattfand.

Das bedeutet unter anderem kistenweise ausgegrabene Scherben zu waschen, zu zeichnen und zu dokumentieren. Aufgaben, die normalerweise unter Hilfsarbeiten laufen, und nicht von einem Doktoranden erledigt werden. Außerdem wird erwartet, dass der Stipendiat Vorträge hält und Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung veranstaltet. Die Aufgaben bedeuten de facto eine Vollzeitstelle, für die eigentliche Doktorarbeit wird da kaum Zeit bleiben. "Das ist schon ein krasser Fall, der mir so bisher noch nicht begegnet ist", sagt Keller von der GEW.

"Da bleibt nur reich heiraten"

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) hält die Summe für viel zu gering und spricht von einem Skandal. Diane Scherzler von der DGUF rechnet vor: Bei einer 40-Stundenwoche bedeutet das Stipendium knapp drei Euro pro Stunde, weniger als die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns. Sie kommt zu dem Schluss: "Dieses Stipendium verdient den Namen nicht." Es sei zwar gut gemeint, aber gut gemeint sei eben nicht gut gemacht. "Um sich auf diese Weise einen Doktor zu finanzieren, müsste man schon reich heiraten", scherzt die Archäologin. Sie fordert, dass die Stelle als Minijob oder Freiwilligendienst ausgeschrieben wird.

Udo Recker weist die Kritik in allen Punkten zurück. Er ist als Landesarchäologe Hessens mitverantwortlich für das Stipendium. Ein Stipendium sei eben kein Gehalt, sondern eine finanzielle Förderung, argumentiert er. "Gerade im Hinblick auf die aufgeworfenen Fragen des Lebensunterhalts ist das Angebot des kostenfreien Wohnens von nicht unerheblicher Bedeutung", schreibt Recker in einer Stellungnahme.

Britischer Professor startet Crowdfunding-Aktion

Raimund Karl, Archäologie-Professor aus Großbritannien, will nun dem unterbezahlten Doktoranden in Deutschland helfen und ruft zu einer Spendenaktion auf. Der gebürtige Österreicher lehrt an der Bangor University in Wales und ist über die DGUF auf das Problem aufmerksam geworden. Er selbst will exakt 9,34 Euro im Monat beisteuern. Warum so eine krumme Summe? Genau das kostet umgerechnet eine Tüte Fish and Chips und ein großes Getränk in einem Lokal in seiner Nachbarschaft. Durch die Aktion will Karl andere motivieren, für den Stipendiaten zu spenden.

Kein Geld für eine eigene Wohnung und auf Spenden angewiesen? Man fragt sich, warum junge Akademiker das alles auf sich nehmen. Klara hat nicht an Karriere oder das große Geld gedacht, als sie sich für eine Doktorarbeit entschied. "Ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört. Ich wusste: Das könnte mir Spaß machen. Und das tut es auch."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatte der Text eine andere Überschrift. Sie war nicht ganz treffend und wurde deshalb geändert.

insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
Hokuspokus 21.02.2017
1. Passt ja hervorragend zu dem SPON Artikel
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mehr-als-eine-million-stellen-in-deutschland-sind-unbesetzt-a-1135599.html#js-article-comments-box-pager Also, irgendwo muss ja wohl der Wurm drin sein?
cray2 21.02.2017
2.
Praktisch wäre es, wenn nach dem Doktorabschluss der Mindestlohn eingeklagt werden könnte.
rearranger 21.02.2017
3. Merkwürdig...
dass das Wort Ausbeutung nicht in dem Artikel vorkommt. Was da passiert, ist ein bildungswissenschaftlicher Skandal, unwürdig für ein G7-Land wie Deutschland. Es gibt auch von Doktoranden, die eine "wissenschaftliche Stelle ohne Bezahlung" angenommen haben, also gar nichts haben außer in bisschen Versicherungsschutz und das Semesterticket . Oben drauf gibt es Intrigen und Heuchelei.
postit2012 21.02.2017
4. Naja, das ist sicher eine Baustelle, aber auch ein Fass ohne Boden,
denn wenn man zweimal drüber nachdenkt, kommt man auf das Problem des abgelehnten Doktoranden, der draußen vor dem Tor darauf wartet, seine Diss (halbbezahlt) schreiben zu dürfen. Und was machen wir mit dem?
kv21061929 21.02.2017
5. Ich sag nur eins: Deutschland geht es gut,
in Deutschland geht es gerecht zu und von 450 Euro kann man leben, ist ja mehr als Hartz4 und mehr als viele Rentner in Deutschland haben. Nur die Ungebildeten und Faulen haben es schwer in Deutschland und die die sich weigern für einen Sklavenlohn zu arbeiten. Mehr davon Spon, vielleicht schaft ihr es doch die Realität in ganzer Breite zu erfassen und die Schuldigen zu benennen.
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