Forschung an den Unis Hauptsache billig

Der Staat gibt stetig mehr für Forschung und Lehre aus. Doch das Geld erreicht immer seltener die Hochschulen. Ein gewaltiges Problem.

Labor am Institut Chemie und Lebensmittelchemie der TU Dresden (Archivbild)
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Labor am Institut Chemie und Lebensmittelchemie der TU Dresden (Archivbild)

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Die Ausgaben für Forschung und Lehre in Deutschland sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen - das ist die gute Nachricht. 1995 lagen die Sach- und Personalausgaben für Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen noch bei 24,6 Milliarden Euro, 2015 waren es schon 49,3 Milliarden Euro - eine Verdoppelung.

Doch das zusätzliche Geld im System wird höchst ungleich verteilt: Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen konnten sich häufiger über mehr Geld von Bund und Ländern freuen als die Universitäten. Die mussten ihre Haushalte immer öfter über zeitlich befristete Drittmittel sichern. Damit hat sich die Finanzierungssituation "zugunsten der Forschungsmittel und zulasten der Mittel für Lehre und Studium verändert", heißt es in einer neuen Studie.

Die statistische Auswertung zur Finanzierung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wurde am Donnerstag in Bonn veröffentlicht. Sie basiert auf Zahlen der Einrichtungen, von Ministerien und des Statistischen Bundesamts. Erstellt wurde sie vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) im Auftrag des Deutschen Hochschulverbands.

Betreuungsverhältnis immer schlechter

Demnach hat die Zahl der Uni-Mitarbeiter mit den gestiegenen Studentenzahlen nicht mitgehalten. 1995 waren 1,85 Millionen Studierende eingeschrieben, 20 Jahre später waren es 2,75 Millionen. Während die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter im gleichen Zeitraum immerhin leicht anstieg, gab es beim nichtwissenschaftlichen Personal an den Unis im Jahr 2015 sogar weniger Beschäftigte als 20 Jahre zuvor.

Die Betreuungssituation an den Hochschulen sei damit "erheblich schlechter" geworden, heißt es in der Studie. Profitieren konnten jedoch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • An den außeruniversitären Forschungseinrichtungen wächst die Zahl der Mitarbeiter deutlich stärker als an Unis und Fachhochschulen. Dies gilt für wissenschaftliche und auch nichtwissenschaftliche Beschäftigte.
  • Zwischen 2005 und 2015 konnten die Helmholtz-Gemeinschaft (+ 73 Prozent), die Fraunhofer-Gesellschaft (+ 52 Prozent) und die Max-Planck-Gesellschaft (+ 55 Prozent) die Zahl ihrer Wissenschaftler deutlich steigern - und zwar stärker als die Universitäten in den Ländern. Hier sind Brandenburg (+ 43 Prozent), Baden-Württemberg (+ 38 Prozent) und Bayern (+ 33 Prozent) die Spitzenreiter.
  • Immer öfter werden Wissenschaftler in Lehre und Forschung nicht über den regulären Stellenplan, sondern als "Sachmittel" auf befristeten Stellen im Rahmen temporärer Projekte finanziert.
  • Insgesamt sei die finanzielle Situation der außeruniversitären Forschungseinrichtungen "wesentlich stabiler" als die der Universitäten, "auch und insbesondere hinsichtlich der öffentlichen Grundfinanzierung", schreiben die Autoren. Die Einnahmen bei den Forschungsgemeinschaften wachsen stabiler und machen sie damit deutlich unabhängiger von kurzfristigen Drittmitteln.

Für die Universitäten bedeutet das vor allem: Sie müssen sich stärker und in kürzeren Zyklen um Projektfördergelder bemühen - mit spürbaren Folgen für den Alltag. Denn dadurch, analysieren die Fibs-Forscher, fließt viel Zeit und Arbeit in Anträge und Wettbewerbe statt in Forschung und Lehre.

"Erheblicher Einstellungsbedarf"

Hinzu kommt: Die Einstellungspraxis bei den wissenschaftlichen Kräften hat sich massiv verändert. Erfahrene und langfristig beschäftigte Forscher würden "durch überwiegend jüngere, beruflich unerfahrenere, aber kostengünstigere Personen ersetzt". Hauptsache, billig, scheint die Devise - dazu passt auch die Umstellung von der früheren C- auf die aktuelle W-Besoldung bei den Professoren: Das habe den "intendierten Effekt entfaltet und die Personalkosten gedrückt bzw. deren Anstieg abgeschwächt", analysieren die Autoren.

Dieses Sparprogramm an den Hochschulen müsse von Bund und Ländern dringend überdacht werden, legen die Forscher nahe. Denn sie gehen davon aus, "dass die Studienanfängerzahlen langfristig deutlich oberhalb des Ausgangsniveaus des Jahres 2005 verbleiben werden". Deshalb, so die Autoren, bestehe für die kommenden Jahre ein "erheblicher Einstellungsbedarf in den deutschen Hochschulen".

Mit anderen Worten: Der schon in anderen Branchen zu beobachtende Fachkräftemangel dürfte auch für Unis und FHs zum Normalfall werden - wenn die Politik nicht bald gegensteuert.



insgesamt 59 Beiträge
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bingo` 05.04.2018
1. Kann ich nur bestätigen
Bei uns geht ein wesentlicher Teil der Arbeit ins das Schreiben neuer Anträge für meist sehr kurze Projektzeiträume. Das kostet wertvolle Forschungszeit.
alsterherr 05.04.2018
2.
Dann ziehen die guten Professoren eben in's Ausland, in Deutschland verfallen dann Forschung und Lehre und billigbillig wird dazu führen, daß wir noch weiter nach hinten fallen ...
unglaeubig 05.04.2018
3. Fragen sie doch mal jemanden, der sich damit auskennt...
Wissenschaftler werden als "Sachmittel" finanziert? Es wäre ja super, wenn man Sachmittel für Personal ausgeben könnte. Ist leider ganz und gar nicht so. Und so stellt uns die Uni (bzw. der Senat) lieber ein neues Gebäude für 10 Mio hin, ohne auch nur eine neue Professur für dieses Gebäude zu schaffen. Eine frische Professur kostet an Personalmitteln nämlich bis zur Rente die Hälfte dieses Gebäudes, kreiert aber weniger Sichtbarkeit...
Daedalus 05.04.2018
4.
Das ist alles politisch so gewollt. In Recht gegossen unter anderem im Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Man darf nur eine gewisse Zeit befristet angestellt sein, das ist ja eine durchaus lobenswerte Idee. Die Konsequenz ist aber einfach, dass Universitäten nach Ablauf der erlaubten Maximalzeit für befristete Anstellung keine unbefristete Anstellung vornehmen, sondern die langjährigen Mitarbeiter einfach rauswerfen. Das ist nichts anderes als die systematische Schwächung des akademischen Mittelbaus und damit auch der universitären Forschung. Denn jeder, der etwas Ahnung von der Materie hat weiß, dass die wirkliche Forschung nicht von Professoren, sondern von Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern durchgeführt wird.
rm9 05.04.2018
5. pauschalisierende Diagnose
Was den Fachkräftemangel angeht sollte aber doch differenziert werden zwischen Geistes-/Sozialwissenschaften und Ingenieurs- und Naturwissenschaften. Bei letzterem kann dies wirklich zum Problem werden. Um die herausragenden Absolventen, die in der Forschung dringend benötigt werden, zu halten, müssen die Unis/Forschungseinrichtungen sich etwas einfallen lassen, wie sie denjenigen eine attraktive Akademikerkarriere ermöglichen können. In den GSW hingegen steht die akademische Karriere mangels alternativer Jobs nach wie vor gut da. Dort sind Entfristungen von Wissenschaftsverträgen ehr kritisch zu sehen, da nicht davon auszugehen ist, dass eine natürliche Fluktuation zugunsten der wissenschaftlichen Qualifikation junger Absolventen eintritt.
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