Deutschlands Elite-Unis "Studenten sollten misstrauisch sein"

Wieso sind deutsche Elite-Unis im globalen Vergleich oft nur mittelmäßig? Bildungsexperte Johannes Balve kritisiert im UniSPIEGEL-Interview: Die Hochschulen ergehen sich zu oft in Eigenwerbung und reiner Rhetorik - doch schnittige englische Seminarnamen allein verhelfen nicht zu wahrer Exzellenz.

Uni Konstanz: Hier und anderswo hängen hohe Erwartungen am Elite-Titel. Zu Recht?
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Uni Konstanz: Hier und anderswo hängen hohe Erwartungen am Elite-Titel. Zu Recht?


UniSPIEGEL: Seit 2007 schmückt sich Deutschland mit mehr als neun Elite-Universitäten, gekürt in einem von der Bundesregierung angestoßenen Wettbewerb. Ist das Studium hier nun besser als zuvor?

Balve: Das Etikett einer Spitzenuniversität, das sich die Sieger des Exzellenzwettbewerbs anheften dürfen, ist vor allem für die Selbstvermarktung der Hochschulen nützlich und für deren Kampf um Fördermittel. Ausgezeichnete Wissenschaft lässt sich aber nicht verordnen. Sie muss aus den Hochschulen heraus entstehen, in Form von herausragender Forschung und Lehre.

UniSPIEGEL: Wie sollten Studenten mit der Exzellenz-Rhetorik umgehen?

Balve: Sie sollten misstrauisch sein, ob ihnen hier nicht alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird. Sie sollten genau beobachten, wo die Rhetorik wirklich eingelöst wird. Geben sich die Professoren Mühe, strahlen sie Enthusiasmus aus? Fördern sie den wissenschaftlichen Nachwuchs in ihrem Fachgebiet? Sind die Studenten in die Forschung einbezogen? Das Prädikat der sogenannten Spitzenuniversität beruht ja zunächst nicht auf akademischen Leistungen, sondern auf wolkiger Antragsprosa, meist in Englisch.

UniSPIEGEL: Eine Anpassung an die Standards der internationalen Spitzenunis. Was ist daran falsch?

Balve: Eine englischsprachige Bezeichnung für einen Studiengang oder ein wohlklingender Antrag schaffen noch keine Spitzenleistung. Internationale Rankings sind ein gutes Korrektiv: Da schneiden ja die deutschen Elite-Unis nicht so gut ab, wie sie selbst den Anschein erwecken. Viele talentierte wissenschaftliche Nachwuchskräfte wandern noch immer aus Deutschland ins Ausland ab. Dazu kommt, dass unter ausländischen Talenten Deutschland nicht gerade als Bildungsziel Nummer eins gilt.

UniSPIEGEL: Woran liegt's?

Balve: Das größte Hindernis ist die hierarchische Struktur. Die Lehrstuhlinhaber sind unangefochten und unkündbar, ihre Mitarbeiter aber, die sie nach Gutdünken befristet einsetzen dürfen, haben keine Sicherheiten. Der Nachwuchs arbeitet deshalb nicht auf Augenhöhe wie etwa in den USA, er hat kaum Raum, eigene Ideen umzusetzen. Und der Student schließlich gilt manchen Professoren noch immer als notwendiges Übel im Lauf der eigenen Karriere.

UniSPIEGEL: Immerhin müssen Professoren nun sich und ihre Arbeit bewerten lassen.

Balve: Das ist an sich richtig, nur tragen Evaluationen nicht unbedingt zu besserer Qualität bei. Sie sind oft nichts weiter als Kosmetik. So wird ein Apparat aufgebaut, der viel an Leistung absorbiert. Er belastet die Professoren mit Papierkram und hält sie von ihrer eigentlichen Aufgabe ab: ihren Studenten bei deren akademischer Ausbildung zu dienen.



© UniSPIEGEL 4/2009
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