Dichterjuristen "Ich scheiße auf die Rechtswissenschaften"

Wer Jurist werden will, muss leiden. Flaubert und Wedekind, Heym und Handke machten da keine Ausnahme: An ihrem Jurastudium ließen die Schriftsteller kaum ein gutes Haar.

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Das römische Recht trieb Heinrich Heine beinahe zur Verzweiflung. Heine studierte von 1819 bis 1825 Jura und promovierte in Göttingen, war aber nie als Jurist tätig. Über sein Studium notierte er: "Von den sieben Jahren, die ich auf deutschen Universitäten zubrachte, vergeudete ich drey schöne blühende Lebensjahre durch das Studium der römischen Casuistik. Welch ein fürchterliches Buch ist das Corpus Juris, die Bibel des Egoismus. Wie die Römer selbst bliebt mir immer verhaßt ihr Rechtskodex. Diese Räuber wollten ihren Raub sicherstellen und was sie mit dem Schwert erbeutet suchten sie durch Gesetze zu schützen; deshalb war der Römer zu gleicher Zeit Soldat und Advokat."

Halbe: "Nichts als steinharte ungenießbare Brocken"

Peter Handke: Das Jurastudium macht müde
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Peter Handke: Das Jurastudium macht müde

Auch dem 1866 geborenen Schriftsteller Max Halbe wurden die "Anfangsgründe des Römischen Rechts in den Kopf gehämmert". Er biss sich "an den verabreichten logisch-juristischen Definitionen die Zähne aus. Sie waren für meine auf alles Bildliche und Sinnhafte gerichtete Phantasie nichts als steinharte ungenießbare Brocken." Und Felix Dahn schrieb 1872 über die preußische Juristenausbildung: "Der ganze Betrieb ist so banausisch, so unwissenschaftlich wie möglich... Man spricht von preußischer Drillung der Recruten: diese muß sein und hat alle Erfolge für sich: aber die preußische Drillung der Juristen muß nicht sein und hat alle Erfolge gegen sich: sie ist ein Jammer, ein Elend und - nun, wahrlich keine Ehre für den leitenden deutschen Staat." Dennoch wurde Felix Dahn später Juraprofessor.

Gustave Flaubert dagegen gelang es nie, sich mit der Juristerei anzufreunden. Schon nach den ersten Studienmonaten schrieb er 1842 in einem Brief: "Die Rechtswissenschaften bringen mich um, verblöden und lähmen mich, es ist mir unmöglich, dafür zu arbeiten. Wenn ich drei Stunden meine Nase in das Gesetzbuch gesteckt habe, während derer ich nichts begriffen habe, ist es mir unmöglich, noch weiter fortzufahren: ich würde sonst Selbstmord begehen (was sehr betrüblich wäre, denn ich berechtige zu den schönsten Hoffnungen). (...) Wie dem auch sei, ich scheiße auf die Rechtswissenschaften. Das ist mein 'Delenda Carthago'."

Flaubert: "Zahnschmerzen sind noch gar nichts"

Einen Monat später folgte der nächste grimmige Brief: "Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter in höchstem Maße: ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgend jemand eine Tracht Prügel hätte verabreichen können." Und bald darauf: "Zahnschmerzen sind noch gar nichts, und die Tränen, die mir bei den schlimmsten Anfällen in die Augen kommen, sind nicht mit den furchtbaren Krämpfen zu vergleichen, die mir diese reizende Wissenschaft verursacht, die ich studiere." Kein Wunder, dass Flaubert nach zwei Jahren sein Studium sausen ließ.

Frank Wedekind ging es ganz ähnlich. Kurz vor dem Studienabbruch 1886 schrieb er über die Eltern: "Ich muß sie ja im süßen Wahn lassen, daß ich Jurisprudenz studiere, bis ich ihr wenigstens mit einem kleinen Erfolg vor die Augen treten kann, um meine Wahl zu rechtfertigen. (...) Von Jurisprudenz kann ich ja auch nichts schreiben, denn ich weiß nichts davon und meine Eltern so gründlich anlügen, das kann ich auch nicht mehr."

Grimm: "Das Wasser muß mir bis zum Hals gehen"

Auch Jacob Grimm hatte nach drei Jahren genug. Seine Entscheidung, das Jurastudium zu beenden, war wohl schon gefallen, als er 1805 seinem Bruder Wilhelm klagte: "Ich weiß nicht, ich habe in manchen Dingen einen Leichtsinn, der unrecht ist, den ich aber durchaus nicht besiegen kann, so könnte ich mich jetzt nicht mit Staats-, Privatrecht etc. abgeben, und zu solchen Sachen muß mir das Wasser bis zum Hals gehen, ehe ich sie angreife."

Peter Handke hielt immerhin vier Jahre lang durch, bevor er das Studium in Graz 1965 ebenfalls an den Nagel hängte. "Die Müdigkeit in den Hörsälen ließ mich mit den Stunden im Gegenteil sogar aufsässig oder aufbegehrend werden", heißt es in seinem "Versuch über die Müdigkeit", "es war in der Regel weniger die schlechte Luft und das Zusammengezwängtsein der Studentenhunderte als die Nichtteilnahme der Vortragenden an dem Stoff, der doch der ihre sein sollte. Nie wieder habe ich von der Sache so unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität..."

Heym: "Wie auf dem Aas die alten Tintenfische"

Der expressionistische Lyriker Georg Heym studierte widerstrebend Jura und wurde ebenso widerwillig Gerichtsreferendar. Bei der Hausarbeit habe Heym sich helfen lassen, und selbst bei den Klausuren sei ihm "das geradezu unglaubliche Kunststück gelungen, fremde Arbeiten abzugeben", weiß der Passauer Juraprofessor Johann Braun. Seinen Zorn auf "Die Professoren" kleidete Georg Heym in ein verächtliches Sonett:

"Zu vieren sitzen sie am grünen Tische,
Verschanzt in seines Daches hohe Kanten.
Kahlköpfig hocken sie in den Folianten,
Wie auf dem Aas die alten Tintenfische.

Manchmal erscheinen Hände, die bedreckten
Mit Tintenschwärze. Ihre Lippen fliegen
Oft lautlos auf. Und ihre Zungen wiegen
Wie rote Rüssel über den Pandekten.

Sie scheinen manchmal ferne zu verschwimmen,
Wie Schatten in der weißgetünchten Wand.
Dann klingen wie von weitem ihre Stimmen.


Doch plötzlich wächst ihr Maul. Ein weißer Sturm
Von Geifer. Stille dann. Und auf dem Rand
Wiegt sich der Paragraph, ein grüner Wurm."


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