Die besten Unis Europas Tromsø begeistert Gaststudenten auch im Dunkeln

Nördlicher geht's kaum: Fast auf dem 70. Breitengrad liegt die norwegische Universität Tromsø. Die Spitzen-Hochschule lockt internationale Studenten - obwohl im Winter nie die Sonne scheint. Teil 1 einer neuen Serie über Europas versteckte Uni-Perlen.

Von Per Hinrichs


Eins vorab: Es gibt ja immer diese Vorurteile über Norwegen und speziell über die Nordnorweger. Es heißt, sie redeten ungern mit Fremden. Sie verherrlichten den Walfang. Und da oben scheine im Winter nie die Sonne.

Nun, alles das stimmt.

Im Studentenwohnheim, hat Amelie Matt bemerkt, "wird auch nach der 20. Begegnung nicht automatisch zurückgegrüßt". In der Stadt, die im Wesentlichen aus der Cafémeile "Storgata" besteht, laufen sie mit T-Shirts herum, darauf steht: "Wenn wir Delfine hätten, würden wir auch die töten!"



Jetzt im Winter ahnt man von 10 bis 14 Uhr nur einen Sonnenschimmer, der über den Bergen rund um Tromsø erglimmt; ansonsten bleibt es von November bis Ende Januar düster. Und doch: "Hier zu studieren ist wirklich ein Privileg", schwärmt Amelie, 23, über die letzte Uni vor dem Nordpol.

Die junge Frau aus Münster studiert im 6. Semester Skandinavistik. So gesehen ist Norwegen für sie also ein natürliches Erasmus-Ziel. Und "nach Spanien gehen doch alle", sagt sie. Zusammen mit ihr studieren im Frühlingssemester noch weitere 50 Deutsche in der siebtgrößten Stadt Norwegens.

Es sind beileibe nicht nur Hardcore-Norwegen-Fans, die sich in das 65.000-Einwohner-Städtchen verirren. Für Matthias Buschmann zum Beispiel gibt es handfeste Gründe, in Tromsø zu studieren. "Es gibt keine Studiengebühren, in den Seminaren und Vorlesungen sitzen manchmal nur ein Dutzend Leute. Besser und intensiver kann die Betreuung nicht ausfallen", sagt der 24-jährige Physikstudent aus Marburg.

Obwohl am Rande der Zivilisation gelegen, hat sich in Tromsø international beachtete Forschung entwickeln können. So gilt das Universitätskrankenhaus als eines der führenden in ganz Skandinavien: Dort hat sich das Norwegische Zentrum für Telemedizin (NST) etabliert. Die Ärzte und Informatiker arbeiten an Techniken, wie Menschen in entlegenen Gebieten medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können. Das ist sowohl für den Flächenstaat Norwegen interessant (4,6 Millionen Menschen auf einem Gebiet von der Größe Deutschlands) als auch für viele Regionen in Afrika.

Die Weltgesundheitsorganisation hat das NST daher zum Referenz-Institut für Telemedizin ernannt. Die Wissenschaftler erproben gerade Methoden, wie man das Internet zur Diagnose und zum Behandeln von Krankheiten nutzen kann.

"Das Wort Klimawandel wird häufig überstrapaziert"

Auch in der Klimaforschung liegt Tromsø vorn. Paul Wassmann ist Professor für Umweltbiologie und Leiter des Arctos-Netzwerks, eines Zusammenschlusses von Wissenschaftlern, die die arktische Ökologie erforschen. Seit den siebziger Jahren arbeitet Wassmann an der Uni in Tromsø. "Ein Traumjob, den es in Deutschland so schlicht nicht gibt", sagt der gebürtige Deutsche über sein Netzwerk.

Zusammen mit Wissenschaftlern diskutieren Studenten und Doktoranden neben ihren Projekten auch brisante Fragen: Ändert sich das Klima wirklich so radikal? Oder liegen die Schwankungen im üblichen Rahmen? "Das Wort Klimawandel wird häufig überstrapaziert. Aber wir erleben tatsächlich große Veränderungen in der Polarregion", sagt Wassmann. Anhand der Ausbreitung oder des Rückzugs bestimmter Plankton- oder Tierarten etwa können die Forscher Rückschlüsse auf Klimaänderungen ziehen.

Selbstverständlich duzen sich alle hier. Hierarchische Unterschiede gibt es, aber sie verschwinden im täglichen Umgang miteinander. Die Atmosphäre ist in der arktischen Umgebung familiär: "Die Dozenten und Professoren sind freundlicher und offener als bei uns. Sprechstunden gibt es hier nicht - die Tür zum Büro des Profs ist immer offen", sagt Physikstudent Matthias.

Auch Sabine Kaiser aus Braunschweig lobt den Umgangston. "Sie bemühen sich um einen", hat die 23-jährige Psychologiestudentin festgestellt. Manchmal kommt ihr die Stadt schon ein wenig klein vor. Doch die Natur und "das internationale Flair" geben Tromsø diesen "ganz besonderen Charme".

Die junge Universität, die erst 1972 den Lehrbetrieb aufnahm, wirbt seit ein paar Jahren mit einem internationalen und breitgefächerten Studienangebot. Es gilt die Regel, dass in den Kursen Englisch gesprochen wird, sobald ein Gast aus dem Ausland teilnimmt. Da von den 6500 Studenten etwa zehn Prozent von jenseits der Grenzen kommen, ist die Weltsprache häufig gefragt. Die meisten Gasthörer kommen übrigens aus Russland, dem manchmal ungemütlichen Nachbarn im Nordosten. Nach den übrigen Skandinaviern stehen die Deutschen auf Platz drei.



© UniSPIEGEL 1/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.