Die Lars-Aktie Investieren Sie doch in einen Studenten

Was passiert, wenn man Verwandten und Bekannte Anteile am eigenen künftigen Erfolg anbietet? Lars Stein war pleite und hat es versucht: Er gab 600 Anteile an seinem späteren Einkommen aus. Damit finanzierte er das Studium - und jetzt auch die Doktorarbeit.


Der Vater von Tennis-Spieler Tommy Haas hatte die Idee, sich die sportliche Ausbildung seiner Kinder von einer Fördergemeinschaft finanzieren zu lassen. Im Gegenzug sicherte er ihnen 15 Prozent an deren späteren Einnahmen zu. So ähnlich sollte sich doch auch das Studium finanzieren lassen, dachte sich ein deutscher Student und setzte den Einfall kurzerhand in die Tat um.

Student Stein: Kein Bafög, darum gab er Aktien aus

Student Stein: Kein Bafög, darum gab er Aktien aus

Lars Stein sieht genau so aus, wie man sich einen Doktoranden von der Elite-Universität im schweizerischen St. Gallen vorstellt: Er trägt einen dunklen Mantel und einen sorgfältig gefalteten Schal, darunter dunkle Jeans, ein blaues Hemd und einen hellen Wollpullover. Der 27-Jährige ist höflich, bewegt sich fast lautlos und spricht leise, aber bestimmt.

Vor gut fünf Jahren kam der gebürtige Saarländer in die Schweiz. Nach einer kaufmännischen Ausbildung wollte er hier noch ein BWL-Studium nachlegen. Schon bald aber steckte der ambitionierte Student in der Klemme: "Ich war etwa sieben, acht Monate hier in St. Gallen, ich hatte mich angestrengt um hierher zu kommen, die Aufnahmeprüfung bestanden", errinnert sich Stein. "Ich habe auch möglich gemacht, dass ich in meinem damaligen Job früher aufhören konnte, und hatte schlichtweg die Lebenshaltungskosten unterschätzt - so als Deutscher in der Schweiz. Also war ich quasi pleite."

Ein Ausweg war so schnell nicht in Sicht: Die deutschen Bafög-Behörden stellten sich quer und wollten für ein Studium in der Schweiz nicht bezahlen. Auch ein passender Job war nicht zu finden. Kurzum: Steins akademischer Laufbahn drohte das Aus, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Bange Frage: "Wird aus dem auch wirklich was?"

Gerade noch rechtzeitig kam ihm die zündende Idee: "Damals habe ich mich dann daran erinnert, dass ich von einer Kunststudentin im Radio gehört hatte, die ihre zukünftigen Bilder an Gönner und Mäzene verkauft hatte. Und da hab ich mir überlegt: Was kann ich verkaufen als BWLer? Mir fiel nur mein Gehalt ein. Und das habe ich dann in 600 Teile aufgeteilt und so quasi mein zukünftiges Gehalt heute verkauft."

Noch einmal langsam: Lars Stein vergab also Anteile an seinem späteren Jahreseinkommen. Dafür teilte er das geschätzte Gehalt - in diesem Falle 36.000 Euro - in 600 Anteile zu je 60 Euro auf. Mit jedem Anteilsschein erwarben die Aktionäre ein Anrecht auf einen Teil, genauer gesagt 1/600stel seines künftigen Einkommens.

Das bedeutet: Je mehr Lars Stein später einmal verdient, desto größer wird der Gewinn für die Aktionäre ausfallen. "Am Anfang waren die Reaktionen eher zurückhaltend. Man hat abgewartet. Meint der das wirklich ernst? Wird aus dem auch wirklich was?"

Dann waren es erst Verwandte und Bekannte, die investiert haben. "Mit der Zeit hat sich das dann etabliert. Und als es gegen Ende des Studiums ging, hatte ich eigentlich mehr Nachfrage, als ich Aktien verkaufen wollte." Insgesamt hat Stein bis heute etwa 20.000 Euro mit seinen Aktien eingestrichen - Geld, das ihm in den vergangenen Jahren immer wieder über finanzielle Durststrecken hinweg half.

Phase II - die Doktorarbeit

Inzwischen hat er sein Studium mit Bravour beendet und schreibt an seiner Doktorarbeit. Dafür gab er kürzlich noch einmal Anteilsscheine aus. Wer einsteigen wollte, musste nun allerdings schon deutlich mehr bezahlen.

Doch weder der höhere Preis noch die offen geäußerten Zukunftspläne des Idealisten Stein konnten die Aktionäre abhalten: "Es sind nicht Funktionen, Positionen oder Geld, die mich treiben - auch wenn meine Aktionäre da jetzt besser weghören. Es geht mehr um ideelle Dinge, die ich erreichen möchte", betont der 27-Jährige. "Ich möchte irgendwo was verändern, wenn es auch nur im kleinen Rahmen ist. Es soll etwas Nachhaltiges sein - im Sinne von ökologisch und sozial nachhaltig. Es soll etwas Internationales sein, und es muss mir einfach Spaß machen."

Spaß hat heute wohl vor allem, wer früh an Lars Stein glaubte. Der angehende Doktor der Ökonomie ist von seiner Idee inzwischen so angetan, dass er nun ernsthaft darüber nachdenkt, sie über einen Verein in alle Welt hinauszutragen. Gut möglich also, dass seine Ich-AG bald Schule macht.

Von Andrea Krüger, Campus & Karriere, Deutschlandfunk



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.