Die Unis und ihre Kunden Sie können auch anders

Zwei Schritte vor, einer seitwärts, einer zurück - so geht der Hochschultango. Jahrzehntelang haben deutsche Unis ihre Studenten mit träger Bürokratie, kurzen Öffnungszeiten und lange Warteschlangen ausgebremst. Allmählich entdecken sie ihre Mission als Dienstleister: Hoch lebe der Service.


Bibliothek der Uni Konstanz: Nachtschicht für nimmermüde Studenten
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Bibliothek der Uni Konstanz: Nachtschicht für nimmermüde Studenten

Die Bibliothek ist schon geschlossen, vor den Beratungszimmern bilden sich lange Warteschlangen: Nicht nur fachliche Probleme führen bei vielen deutschen Studenten zu langen Studienzeiten an Universitäten wie an Fachhochschulen. Oft scheitert ein schnellerer Abschluss auch an äußeren Bedingungen; lange Wege zwischen den einzelnen Institutionen rauben Zeit und Nerven. Doch jetzt scheinen Hochschulen Studenten als Kunden zu entdecken und planen an etlichen Standorten besseren Service.

Aufsehen erregte vor einem Jahr die Konstanzer Uni, als sie die Öffnungszeiten der Bibliothek bis ans Limit ausweitete. Rund um die Uhr können Studenten nun an sieben Tagen in der Woche die Bibliothek nutzen - das gibt es sonst allenfalls an privaten Hochschulen. Imbissautomaten und ein Telefon für Pizza- und Taxibestellungen hat die Universität gleich mit aufgestellt.

Service aus einer Hand statt bürokratischer Hürdenlauf

Auch an der Stuttgarter Hochschule der Medien können Studierende seit geraumer Zeit rund um die Uhr den Buchbestand nutzen und an PC-Arbeitsplätzen Referate und Diplomarbeiten tippen. Die Universität Karlsruhe plant ein ähnliches Angebot. "Die Hochschule versteht sich heute zunehmend als Dienstleistungsbetrieb. Wir wollen daher den Service für die Studierenden erhöhen", erklärt Uni-Sprecher Michael Stolle.

Langfristig soll das dazu führen, dass der Kontakt zwischen Hochschule und Studenten enger wird. Auch die Uni Konstanz will mit ihrer Bibliotheks-Offensive die Studienbedingungen verbessern. "Eine Universität lebt von ihren Studierenden", betont Sprecherin Maria Schorpp.

An der Universität Erlangen-Nürnberg ist derweil das Projekt "Studierende im Mittelpunkt" (StiM) angelaufen. Dabei soll zum Beispiel eine serviceorientierte Verwaltung entstehen: Studentensekretariat, Prüfungs- und Praktikantenamt sollen zum Studentenbüro zusammengefasst und so die studentischen Belange aus einer Hand betreut werden. Studenten haben künftig immer die selben Ansprechpartner. Kundenorientierte Hochschulentwicklung nennt die Universität das. "Wir wollen das Studium serviceorientierter gestalten und helfen, die langen Warteschlangen zu vermeiden", sagt Uni-Sprecher Thomas Wenzel.

Die Unicard als Studentenausweis und Kreditkarte

Dabei sollen auch neue Kommunikationstechniken. Viele Studenten empfinden die Begegnung mit der Hochschulverwaltung oft wie ein Laufen von Pontius zu Pilatus. Per Computer geht das schneller und leichter. "Die Programme werden uns nicht gerade aus den Händen gerissen. Diese Neuerungen werden sich aber an allen Hochschulen in nächster Zeit durchsetzen", schätzt Ludwig Leute von der IT-Abteilung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover. So arbeiten viele Hochschulen auch an so genannten "Selbstbedienungsfunktionen im Internet", sagt Ludwig Leute.

Unicard Freiburg: Chip, Chip hurra

Unicard Freiburg: Chip, Chip hurra

Die Uni Kaiserslautern etwa plant Einschreibung und Prüfungsanmeldung per Internet, die Bescheinigung von Leistungen und das Ausdrucken von Scheinen am Computer, außerdem die Notenmitteilung per Telefonabruf. Ähnliche Maßnahmen wollen die TU Chemnitz, die Uni Würzburg und die FH Nürnberg umsetzen.

Rund 25 deutsche Hochschulen haben inzwischen Chipkarten mit Mehrfachfunktion eingeführt. "Die erste Karte gab schon Mitte der neunziger Jahre an der Uni Bochum", sagt Ludwig Leute. Das Prinzip: Eine Karte vereint Studentenausweis, Semesterticket und Zugangskarte für Hochschulgebäude. Zugleich dient sie auch als Kreditkarte für Mensa, Kopierer, Semesterbeitrag und Bibliotheksgebühren.

Den zunehmenden Wettbewerb unter den Hochschulen sieht Petra Giebisch vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh als Hauptgrund für das Plus an Serviceorientierung. Sinnvoll seien solche Maßnahmen aber nur, wenn sie wirklich die Bedingungen von Lehre und Studium verbesserten. Dafür sei langfristig ein "ganzheitliches Marketing" erforderlich, das aber erst wenige Hochschulen betrieben. Die Zusammenlegung von Ämtern sei nur der Anfang der Entwicklung. "Der nächste Schritt sollte sein, dass Studenten alle Formalien online regeln können", fordert Giebisch.

Von Thorsten Wiese, gms



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