Diebischer Dozent Germanist verkaufte geklaute Bücher

Ein Literaturprofessor hat Bücher im Gesamtwert von 250.000 Euro aus der Bonner Uni-Bibliothek gestohlen und versteigert. Mit Platzhaltern und falschen Quittungen foppte er Angestellte und Polizei. Ein neues Gerichtsurteil könnte ihn auch seine Professur kosten.


Bonn/Rostock - Das Bonner Landesgericht hat am Mittwoch einen 51-jährigen Professor als Bücherdieb in zweiter Instanz verurteilt. Der mittlerweile in Rostock lehrende Germanist erhielt eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren wegen Betrugs und Urkundenfälschung.

Das Urteil würde ihn Lehrstuhl und Beamtenstatus kosten, wenn es rechtskräftig wird. Die Verteidigung geht jedoch in Berufung, wie bereits nach dem Urteil in erster Instanz. Damals hatte der Germanist lange geleugnet und erst kurz vor Prozessende gestanden. Vor dem Landgericht schwieg er. In den 14 Verhandlungstagen wurden zahlreiche Gutachten vorgelegt. Experten des Bundeskriminalamtes war es gelungen, manipulierte Stempel in den Büchern wieder sichtbar zu machen.

Der in Bonn promovierte Wissenschaftler hatte von 1997 bis 2003 immer wieder antiquarische Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert aus der Bibliothek mitgehen lassen. 25 Jahre lang war der Langfinger Nutzer der Bonner Bibliothek und zeitweise wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Prozess ging es lediglich um acht Bücher; die Bibliothek nannte auf ihrer Vermisstenliste allerdings über 100 antiquarische Werke und bezifferte den Gesamtschaden auf 250.000 Euro.

Rekordklau: Bücher im Wert von 40 Millionen Euro

Um seine Diebstähle zu tarnen, lieh der Professor die Bücher regulär aus, brachte jedoch statt der Originale alte Bücher vom Flohmarkt als Platzhalter zurück. Der Verdacht fiel auf ihn, als Bibliothekare die "Placebos" entdeckten und der Wissenschaftler im Oktober 2002 wiederholt Bücher bei einem Auktionshaus im hessischen Königstein versteigern lassen wollte.

Die "Kölnische Rundschau" berichtete damals, der Akademiker habe die Polizei sogar mit gefälschten Kaufbelegen getäuscht, als Beamte bei einer Hausdurchsuchung unter anderem eine Originalausgabe von Immanuel Kant aus dem Jahre 1775 bei ihm fanden.

Bücherklau ist an Universitätsbibliotheken keine Seltenheit. So räumte ein Theologiestudent zwischen 1993 und 1998 fast 5000 Bücher aus den Regalen von Bibliotheken in Kassel und Göttingen. Der Diebstahl der Bücher im Gesamtwert von 250.000 Euro brachte ihm eine Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung ein. Beim wohl spektakulärsten Fall des 20. Jahrhunderts ließ der Leiter der Orientalischen Abteilung der Königlichen Bibliothek von Kopenhagen seit 1967 sogar Bücher im Gesamtwert von 40 Millionen Euro mitgehen. Etliche seiner Familienmitglieder bekamen Haftstrafen, als sie nach seinem Tod die Bücher verkauften.

tno/dpa



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