Diplom-Duell Ich wär so gerne Millionär

Es ist die wohl ambitionierteste Diplomarbeit der Welt: Die Studenten Yvonne Feller und Florian Flechsig wetteifern, wer als erster eine Million Euro macht - mit gewagten Ideen streng im Dienste der Wissenschaft. Sinniger Name des Raffgier-Experiments: Wir sind jung und brauchen das Geld.

Von Kai Schwind


Wer in Berlin regelmäßig mit der U-Bahn fährt, ist manches gewohnt. Von Obdachlosen, die mit blumigen Umschreibungen Zeitschriften verkaufen, bis zu fragwürdigen Gesangsdarbietungen. Trotzdem staunten einige Fahrgäste nicht schlecht, als Ende November ein Eisbär die U-Bahn betrat. Genauer gesagt ein Kerl im Eisbärenkostüm. In der Hand ein Schild: "Knut & You. Take a picture."

Millionärs-Homepage: Geldsuche bei pluckernder Banjo-Untermalung

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Der Eisbär ist Florian Flechsig, 28, und er befindet sich mitten in einer Aktion für ein weitaus größeres Projekt. Es geht darum, eine Million Euro zu verdienen, so schnell und so einfach wie möglich. Es ist ein Wettkampf. Florian tritt an gegen Yvonne Feller, 25, die mit ähnlichen Aktionen zu Geld kommen will. Beide sind Studenten des Studiengangs Visuelle Kommunikation der Universität der Künste (UdK) in Berlin, die Aktionen sind Bestandteil ihrer Diplomarbeit. Da gibt es Erklärungsbedarf.

Gitarrengeklampfe ohne Vorkenntnisse

"An einem Sommerabend saßen wir am Landwehrkanal bei einem Bierchen", erzählt Yvonne. "Irgendwie kamen wir darauf, wie ungerecht es doch ist, dass viele unspannende und unangenehme Menschen so viel Geld haben, obwohl man selbst und andere viel toller sind und es viel eher verdient hätten." Dann sinnierten sie, wie viele Menschen ein aufregendes und erfülltes Leben führen könnten, würde Deutsche-Bank-Chef Ackermann nur einen Bruchteil seines Vermögens abgeben.

Die beiden Studenten sind im letzten Jahr an der UdK und waren schon eine Weile auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema. So entstand die Idee, mit einer Reihe von Aktionen in einem festgelegten Zeitrahmen auf die Summe von einer Million Euro zu kommen. "Dabei war uns wichtig, möglichst simpel, also ohne großes Vorwissen an Geld zu kommen", erläutert Florian. "Die Aktionen sollen zwar schon einen gewissen Schauwert haben, aber es geht nicht darum, die Leute zu unterhalten." Das "digitale Brainstorming" und theoretische Überlegungen dokumentierten sie in einem Blog.

Die Website Wirsindjungundbrauchendasgeld.de informiert bei sanft pluckernder Banjomusik ("Die Musik soll ein bisschen die Goldgräberstimmung widerspiegeln") über den Kontostand von Yvonne und Florian, über anstehende und gelaufene Aktionen. So erfährt man, dass die beiden fleißig Altglas und Altpapier sammeln ("Da geht's um Grundkapital"), Florian Werbefläche in einem virtuellen Wohnzimmer vermietet (Klickvorschlag.de) und Yvonne online T-Shirts anbietet.

Oder sie spielt vor dem Brandenburger Tor wacker Gitarre - ganz ohne Vorkenntnisse, nur nach einer Runde Nachhilfeunterricht. "Im Moment habe ich vier Songs im Repertoire, bei denen ich fast die Griffe und ein wenig den Text beherrsche", schreibt Yvonne dazu im Blog. Die Gitarren- und Eisbäraktionen zeigen auch Video-Clips.

"Von Haus aus bin ich keine Rampensau"

Yvonne beschäftigt sich in ihren Einträgen mehr mit der ideologischen Seite des Unterfangens, Florian wählt einen eher pragmatischen Ansatz. "Es geht schon um eine Art Rechtfertigung des Ganzen", sagt Yvonne. "Die meisten Menschen sind ja nicht dadurch reich geworden, weil sie gut sind, sondern kalkulierend und rücksichtslos."

So spielen auch die Folgen der derzeitigen Finanzkrise eine Rolle bei dem Projekt. Beide haben mit Sportwetten einige hundert Euro verdient und sehen Parallelen zur Welt der Aktien und der Spekulation: "Im Vergleich zu dem Geld, das an der Börse verbrannt wird, ist unsere Aktion ein Fliegenschiss", so Florian. "Im Prinzip zeigen wir, wie man mit Geld spielen kann. An der Börse sind viele tatsächlich spielsüchtig."

Der Wettstreit soll das Konkurrenzdenken in der Wirtschaft simulieren. Wer freiwillig ins Eisbärenkostüm klettert oder, ohne es zu können, öffentlich Gitarre spielt, lotet auch persönliche Grenzen aus. "Wenn man, wie ich, von Haus aus keine Rampensau ist, kosten einige Aktionen schon Überwindung", berichtet Yvonne. Und Florian verleugnet einen gewissen "therapeutischen Ansatz" nicht.

Beide haben durchaus über die konsequente Weiterführung der Vorgabe nachgedacht, "mit einfachen Mitteln Geld zu verdienen" - den eigenen Körper verkaufen. Prostitution, das ginge dann aber doch zu weit. Trotzdem überlegt Florian derzeit, als künftige Aktion getragene Unterwäsche in einschlägigen Web-Foren meistbietend an den Mann oder die Frau zu bringen: "Ich habe mich da mal kundig gemacht, man kann da ganz erstaunliche Beträge erzielen."

Bisher regnet kein Geld, es kleckert

Das Projekt läuft noch nicht lange, bisher sind nur rund 1500 Euro beisammen. Florian liegt deutlich vorn - und wenn es so weitergeht, könnte er am Ende auch Yvonnes Einnahmen abstauben. "The winner takes it all", lautet seit Ende Dezember eine Zusatzklausel zu den Spielregeln.

Nach einem Castingtermin hoffen die beiden jetzt, dass es mit der Teilnehme am Pilawa-Fernsehquiz klappt. Und sie arbeiten an der nächsten Aktion - einen Charthit landen. Yvonne hat ihr Lied schon geschrieben, eine Vorversion produziert und sogar einen willigen Regisseur gefunden, der ein passendes Musikvideo produzieren wird. Mitte Januar soll es soweit sein.

Da muss Florian nachziehen. Vielleicht mit der Gründung einer Ufo-Sekte? Wer brav den Beitrag zahlt, bekommt einen Mitgliedsausweis. Auch über private Spenden freuen sich beiden. Und wollen die Interaktion mit den Website-Besuchern verbessern. "Wir wünschen uns noch viel mehr Reaktionen - natürlich auch kritische", sagt Florian. "Ich überlege, ob man vielleicht auch aus einer Auswahl von Ideen die nächste Aktion voten kann."

"Wir sind jung und brauchen das Geld" läuft offiziell noch bis Mai. Dann stehen die Diplomprüfungen an, und UdK-Professoren begutachten das Projekt in schriftlicher wie multimedialer Form. Sollten die beiden bis dahin doch Millionäre werden, wäre die Nervosität vor der Prüfung sicher kleiner.

insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
ray05, 08.01.2009
1.
Die Millionenidee hier öffentlich ausplaudern? Nur zu. Bin gespannt ... :)
QueFueMejor, 08.01.2009
2.
Wieso nur Millionär? Ich werd Multimilliardär. Wär natürlich schön dumm zu sagen, wie ich das schaffen will. ;)
harm ritter 08.01.2009
3.
Ich hatte mal die Idee, die Geldpartei zu gründen. Es ging um den ultimativen Wahlspruch, der mich ganz sicher zum Bundeskanzler machen würde. Ich hätte plakatiert: "Mehr Geld für alle! Jetzt sofort! Geld zuerst!" Wer könnte da widerstehen? Später hatte ich dann Verträge mit den großen Banken der westlichen Welt abgeschlossen und wäre so Milliardär geworden. Eigentlich ein todsicheres Konzept.
Bhur Yham, 08.01.2009
4. Tolle Sache der Generation Doof,
Zitat von sysopDie Studenten Yvonne Feller und Florian Flechsig wetteifern, wer als erster eine Million Euro macht - mit gewagten Ideen streng im Dienste der Wissenschaft. Was wären Ihre Ideen zu diesem ehrgeizigen Vorhaben? Wie würden Sie es anstellen, die erste Million zu verdienen?
aber nicht ganz zu Ende gedacht. Es müßte heißen: Wer schmeißt sich danach als erster vor die Eisenbahn.
QueFueMejor, 08.01.2009
5.
Warum so bescheiden? Ich werd Multimilliardär. Wie? Mein Tipp: Wirtschaft. Oder Kriminalität. Oder beides. ;)
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