Diplom-Ingenieur Ein Markenzeichen verschwindet

Der deutsche Abschluss Dipl.-Ing. habe international einen Klang wie Donnerhall, finden technische Unis - und wollen ihr altes Qualitätssiegel nicht preisgeben. Da kommt ihnen die Kritik an Bachelor und Master wie gerufen. Dabei bringt ein zweistufiges Technikstudium durchaus Vorteile.


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Technik-Unis gegen Bologna: Lang lebe das Diplom
Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. Das ist zwar seit Daniel Düsentrieb, dem Comic-Vorbild der Ingenieure aus der Walt-Disney-Welt, ein so bekannter wie bemühter Reim - einer, bei dem Respekt mitschwingt. Was aber reimt sich auf "Master of Science"?

So lautet der neue Abschluss in den Ingenieurswissenschaften an den Universitäten nach der Bologna-Reform. Der alte Diplom-Ingenieur, seit jeher eher ein Qualitätssiegel als eine Berufsbezeichnung, ist vom Aussterben bedroht, und das löst an Deutschlands Hochschulen wenig Begeisterung aus. Lauter werden die Stimmen, den guten, alten Dipl.-Ing. zu retten.

Der diplomierte Ingenieur sei "eine weltweit anerkannte Marke", sagt Ernst Schmachtenberg, Rektor der Technischen Universität Aachen. Und die solle erhalten bleiben, ohne "gleich Bachelor und Master wieder abzuschaffen". Schmachtenberg will nicht als Gegner der Bologna-Reform gesehen werden, der europaweiten Umstellungsprozesses aller Studiengänge auf Bachelor und Master. Im Gegenteil, er sei ein Befürworter, betont der Präsident des TU9, eines Zusammenschlusses der größten technischen Hochschulen.

Der Bachelor, nur ein besserer Volkshochschulkurs?

Dennoch: Im Nachgang der allgemeinen Bachelor-Kritik der vergangenen Monate, die sich in Studentenprotesten und Hörsaalbesetzungen besonders deutlich manifestierte, fühlen auch die Fans des Dipl.-Ing. noch einmal Rückenwind. Den Diplom-Ingenieur aufzugeben sei "eine Dummheit deutscher Hochschulpolitik", sagte Bernhard Kempen, Vorsitzender des Deutschen Hochschulverbandes und vehementer Bologna-Gegner, unlängst in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die Freunde des Diplomtitels und die Bachelor-Kritiker haben längst zusammengefunden und beflügeln sich gegenseitig.

Seit Jahren schon kursiert ja die Warnung, der neue Abschluss gelte auf dem als allenfalls zweitrangig - und sei für den Arbeitsmarkt so hilfreich wie eine Bescheinigung der Volkshochschule für einen abgeschlossenen Informatikkurs. Schmachtenberg teilt solche Sorgen indes nicht: "Wir werden sehen, wie Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Man muss das noch abwarten, aber ich bin da optimistisch."

An der Bachelor-Master-Struktur sollte nicht gerüttelt werden, meint auch Matthias Jaroch, Sprecher des Hochschulverbandes, in dem rund 25.000 Wissenschaftler zusammengeschlossen sind: "Es geht uns um den Titel des Diplom-Ingenieurs. Es muss auch künftig eine Möglichkeit geben, ihn zu führen."

In Wien ist der Master obendrein ein Diplom-Ingenieur

"Die Kultusministerkonferenz hat verordnet, dass ein Masterstudium mit einem Master zu enden habe", sagt Schmachtenberg. "Aber in Österreich zum Beispiel geht es beim Ingenieursstudium auch anders." Im titelverliebten Alpenland verleiht etwa die Technische Universität Wien mit der Urkunde neben dem Abschluss als Master of Science auch den Dipl.-Ing. Schmachtenberg hält diese Lösung für ideal.

Willi Fuchs, Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), ergänzt: "Die Berufsgruppe der Ingenieure hat sich mit dem Dipl-Ing. immer identifiziert." Durch den Umstieg auf den Master of Science gehe das verloren. "Andererseits habe ich schon Mitte der achtziger Jahre in den USA gelehrt und dort Bachelor- und Masterstudiengänge kennengelernt, die es in mehr als 80 Prozent aller Länder gibt", sagt Fuchs. "Ich glaube auch, dass wir die Umstellung dringend brauchen."

Schon um junge Leute zum Studium nach Deutschland zu locken, seien international übliche Abschlüsse hilfreich. "Führende technische Hochschulen haben auch vor der Bologna-Reform schon Masterstudiengänge angeboten", so Fuchs. Eine Umstellung auf Bachelor und Master sei deshalb nicht unbedingt ein Verlust an Qualität. An den Hochschulen laufe aber nicht alles rund: "Es gibt eine stärkere Verschulung, der Workload ist erhöht worden, das Studium gestrafft." Da seien die Hochschullehrer gefordert, es müsse nachgebessert werden.

Bachelor als Notausstieg

In den Ingenieurwissenschaften sei die Abbrecherquote besonders hoch, sagt Matthias Jaroch vom Hochschulverband. VDI-Chef Fuchs kennt allerdings mit der TU Darmstadt auch ein positives Beispiel: "Dort wurde das Bachelor-Master-Studium früh eingeführt und richtig gut gemacht." Der Riesenvorteil des neuen Systems sei, dass Studenten mit dem Bachelor aussteigen könnten, wenn sie bis dahin gut mitgehalten hätten, dann aber Probleme bekämen.

Weiteres Plus: Gute Bachelor-Absolventen von Fachhochschulen haben nun die Chance, anschließend für den Master zur Uni zu wechseln. Fuchs glaubt, dass aus den ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten der Unis größtenteils Master-Absolventen hervorgehen werden, der Master werde zum "Regelabschluss".

Er empfiehlt angehenden Ingenieuren, zunächst mit einem Bachelor anzufangen. "Wer eine starke Neigung zur Forschung hat, kann dann den Master dranhängen. Und auch sonst gibt es immer noch die Option, sich dafür zu entscheiden." Wichtig sei allerdings, sich die Hochschulen gründlich anzugucken. "Was ich sehr kritisch sehe, sind sehr spezialisierte Bachelor-Studiengänge", sagt der VDI-Präsident. Denn wer zu früh in der Nische lande, vermassele sich womöglich die Berufsperspektiven - egal, wie dann der Abschluss lautet.

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heinz.mann 15.02.2010
1. Wieso keine Diplom Studiengänge mehr?
Warum sollen wir unsere bisherigen sehr guten Studiengänge aufweichen, verkürzen und letztlich dem schlechten internationalen Standard anpassen? Hatten wir vorher etwas Scharen von Studenten, die ins ausland abgewandert sind, weil unsere Studiengänge schlecht waren? Haben wir Probleme gehabt, mit unseren Ingenieuren Spitzentechnologie zu entwickeln? Bildung ist unser einziger Reichtum, wir sollten Sie nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht sollten andere Staaten sich einmal unserem Niveau anpassen, wäre ja auch mal was.
bierus 15.02.2010
2. Dümmer geht es nicht
es ist in etwa so, als wenn Daimler, VW, Audi und BMW ihre Produkte künftig nur noch unter dem Namen "Auto" verkaufen dürften. Was bin ich froh, dass ich mich noch Dipl.-Ing. nennen darf. Und das seit nunmehr 20 Jahren. Bachelor? Das ist doch weiter nichts als ein zertifizierter Studienabbruch...
maa_2001, 15.02.2010
3. Klasse!
Zitat von bieruses ist in etwa so, als wenn Daimler, VW, Audi und BMW ihre Produkte künftig nur noch unter dem Namen "Auto" verkaufen dürften. Was bin ich froh, dass ich mich noch Dipl.-Ing. nennen darf. Und das seit nunmehr 20 Jahren. Bachelor? Das ist doch weiter nichts als ein zertifizierter Studienabbruch...
Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir werden alle noch erleben, was wir von diesem amerikanischen Bachelor- und Master-Gefasel über ein "Studium" in zwei oder drei Jahren haben. Studium für den interessierten Laien eben. Schönen Gruß von einem Dipl.-Ing. Maschinenbau der RWTH Aachen
Willie, 15.02.2010
4. -
Zitat von sysopDer deutsche Abschluss Dipl.-Ing. habe international einen Klang wie Donnerhall, finden technische Unis - und wollen ihr altes Qualitätssiegel nicht preisgeben. Da kommt ihnen die Kritik an Bachelor und Master wie gerufen. Dabei bringt ein zweistufiges Technikstudium durchaus Vorteile. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,678009,00.html
Stimmt nicht. Die Donnerhall Maer. In den USA kann man mit dem deutschen Dipl.Ing. nichts anfangen. Im Gegenteil. Er ist, wenn man nicht aufpasst sogar von Nachteil. Denn er wird leicht mit einem amerikanischen "Diploma" verwechselt. Einem meist aeltereren oder nichtakademischen Titel, der in jedem Falle noch *unter* einem Bachelors angesiedelt ist. Es waere gut dem Dipl.Ing. eine Aequivalenz zum Masters zu geben -wie es die Oesterreicher tun. Dann gibt es das Problem nicht. Und zwar auf der ganzen Welt nicht.
Willie, 15.02.2010
5. -
Zitat von maa_2001Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir werden alle noch erleben, was wir von diesem amerikanischen Bachelor- und Master-Gefasel über ein "Studium" in zwei oder drei Jahren haben. Studium für den interessierten Laien eben. Schönen Gruß von einem Dipl.-Ing. Maschinenbau der RWTH Aachen
Leben und arbeiten sie mal in den USA, dann erleben sie was sie von ihrem Dipl.-Ing. Maschinenbau von der RWTH Aachen haben. Das geht dann in etwa so: "Dip....-what?" "...-Aachen what?" Schoenen Gruss von einem der dort lebt und arbeitet.:-)
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