Diplomarbeit zum Oktoberfest Die phallischen Triebe auf der Wiesn

Die Wiesn ist ein orgiastischer Riesen-Rausch, analysierte Brigitte Veiz - und schrieb darüber ihre Diplomarbeit. Darin nimmt die Diplom-Psychologin die oralen, analen und phallischen Triebe beim größten Volksfest der Welt unter die Lupe.

Von Sabine Hoffmann


Psychologin Veiz: Macht die Wiesn süchtig?
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Psychologin Veiz: Macht die Wiesn süchtig?

Betrunkene Männer pinkeln hinter die Zelte, Bier wird über die Tische gekippt, Hendl-Reste wandern darunter: Manche halten das Oktoberfest für eine einzige Sauerei. Bei vielen aber löst das größte Volksfest der Welt ganz andere Gefühle aus.

"Die Wiesn ist ein orgiastischer Rausch", sagt Brigitte Veiz. Die Diplom-Psychologin muss es wissen, schließlich schrieb sie ihre Diplomarbeit über "Das Oktoberfest. Masse, Rausch und Ritual". Bis die fertig war, musste Veiz allerdings einige Schweinshaxn und Brezen verdrücken - und dazu statt an einer ordentlichen Mass an einer Apfelsaftschorle nippen: "Sonst hätte ich meine Studien nicht wissenschaftlich überprüfen können."

Biertrinken verbindet und befreit
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Biertrinken verbindet und befreit

16 Mal streifte sie im Herbst 1999 ein schwarz-rotes Dirndl über und band sich eine blaue Schürze um. Dann marschierte sie schnurstracks zur Münchner Theresienwiese und setzte sich ins Augustiner-Zelt oder Hippodrom. Tönte "Country Roads" durch die Halle, wartete sie, bis die Band eine Pause machte, packte ihr Diktiergerät aus und fragte Besucher: Macht die Wiesn wirklich süchtig?

20 Männer und Frauen zwischen 15 bis 75 Jahren befragte Veiz und stellte fest: Das Oktoberfest befriedigt anale, orale und phallische Triebe. Jedes Jahr zieht das größte Volksfest der Welt gut 6,5 Millionen Deutsche, Amerikaner, Engländer und Japaner an. Denn hier dürfen sie Dinge tun, die sonst verboten sind.

Bier bitte stets nur aus Maßkrügen

Auf den Tischen tanzen, durch das Zelt toben und laut zu "Hey Baby" grölen. Seinen Banknachbarn abbusseln - auch wenn man ihn oder sie nicht kennt. Männern an den Hintern grabschen. Alles Sachen, die im Alltag nicht möglich sind. So gelange der Einzelne in einen rauschhaften Zustand, lasse sich fallen und löse sich in der Masse auf, sagt Veiz.

Biertrinker: Eine Maß ist nicht genug
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Biertrinker: Eine Maß ist nicht genug

Der Generaldirektor vergisst, dass 500 Leute auf sein Kommando hören, und schunkelt mit dem Facharbeiter, der zu seiner Linken sitzt. Dann prostet er der Verkäuferin zur Rechten zu und bietet ihr einen Schluck aus seinem Maßkrug und ein Stück Brezel an. Das sei befreiend, so Veiz - denn die Triebe würden voll ausgelebt.

Beispiel Bier: Dies sei ein rituelles Getränk, erzählt Veiz - und könne nur aus Masskrügen getrunken werden. Werden die dann aneinander geknallt, können die Gefühle voll rausgelassen werden. "Mit einem 0,3 Liter-Glas Kölsch geht das nicht", so die Psychologin.

Doch eine Mass Bier ist nicht genug. "Auf der Wiesn trinken die Menschen nicht - sie saufen", erzählt die Expertin. Bringt die Bedienung das Essen, könnten die Wiesn-Gäste nicht genug Hendl und Haxen bekommen. Das Orale stürzt ins Chaos, die Wiesn wird zu einer einzigen Sauerei: Bier schwappt über Tische und Bänke, die Hendl werden mit den Fingern gegessen und die Reste achtlos auf den Boden geworfen. Hinter dem Zelt liegen die Bierleichen.

Darin sieht Veiz den analen Charakter des Oktoberfestes: Der Mensch darf zurück zum Urzustand - und verwandelt sich für kurze Zeit wieder zum Kleinkind: Schimpfte die Mutter den Dreijährigen noch, wenn er seine Hosen im Freien runterließ, kann der Wild-Piesler nun höchstens mit einer saftigen Geldstrafe rechnen.

Auf der Wiesn imponieren nicht bombige Autos, sondern stramme Wadln
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Auf der Wiesn imponieren nicht bombige Autos, sondern stramme Wadln

Will er sich dann mit seinen Konkurrenten beim Hau-den-Lukas messen, spricht Veiz von "phallischen Symbolen": Die aufrecht stehende Stange mit dem Reiter, den der Mann mit dem Hammer in die Höhe treiben muss. Damit zeige er, wie viel Manneskraft in ihm stecke, und stelle zugleich sein Geschick unter Beweis. Zum Dank werde er von den umstehenden Frauen bewundert. Denen imponierten heute nicht "bombige Autos", sondern "stramme Wadl'n", so Veiz.

Statt Business-Look tragen die Mädels Dirndl, schnüren ihre Taille mit einem Mieder schmal und zeigen, wie viel Holz sie unter der weißen Rüschchenbluse haben. "Die Wiesn ist ein einziges Fruchtbarkeitsritual", sagt die Psychologin - überall werde geflirtet und gegrapscht.

Auch das traditionelle Anzapfen durch den Münchner Oberbürgermeister sei nicht anderes als ein phallisches Symbol: "Ein goldener Zapfhahn wird in das noch jungfräuliche erste Bierfass geschlagen", sagt Veiz. Heißt es anschließend eins, zwei, ..., dann einen der Trinkspruch und die rituellen Gesänge die zerstreute Masse zu einer homogenen Einheit. Für manchen habe das Gemeinschaftsgefühl sogar therapeutischen Charakter, so Veiz.

Man muss das nicht so deuten - doch ihrem Professor leuchteten die Erklärungen von Brigitte Veiz ein: Für die Diplomarbeit gab er ihr eine Eins.



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