Disput unter Islamwissenschaftlern Hat Mohammed wirklich gelebt?

Mit Getöse haben Islamverbände die Zusammenarbeit mit einem Professor beendet, der Religionslehrer ausbildet - und Zweifel hat an der Existenz Mohammeds. Islamforscher Michael Marx erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE den Hintergrund der Debatte um die historische Person des Propheten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Marx, als Student der Islamwissenschaft lernt man: Der Prophet Mohammed wurde um 570 nach Christus auf der Arabischen Halbinsel geboren und starb 632 in Medina. Gibt es Grund, daran zu zweifeln?

Michael Marx: Das sind Rahmendaten, an denen man festhalten sollte, bis es bessere Zahlen gibt. Es gibt reiches Material in den islamischen Quellen zur Figur des Propheten und seiner Lebensgeschichte. Einiges ist mystisch. Aber am harten Kern der islamischen Tradition kann man festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt eine Gruppe nicht unprominenter deutscher Islamwissenschaftler, die immer offensiver die Frage stellen, ob die Existenz des Propheten überhaupt historisch verbürgt ist. Zuletzt hat sich dem der Münsteraner Professor Muhammad Sven Kalisch angeschlossen, der künftige islamische Religionslehrer ausbilden soll. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerium will jetzt einen zusätzlichen Professor für Islam-Pädagogik berufen und so die Wogen glätten. Sehen wir hier eine Spaltung in zwei Lager?

Marx: Das sehe ich nicht so. Aber wir sollten festhalten, dass wir von Kalisch im Moment nur mündliche Aussagen kennen. Sie klingen so, als habe er sich den Thesen von Professor Karl-Heinz Ohlig angeschlossen, die dieser in seinem Buch "Die dunklen Anfänge" vor drei Jahren veröffentlicht hat - und denen zufolge der Koran ein christlicher Text ist und Mohammed wahrscheinlich nie gelebt hat. Aber diese Gruppe, zu der noch der Numismatiker Volker Popp und andere zählen, ist sehr klein. Ich würde sagen, deren Positionen steht sogar außerhalb der Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Marx: Es gibt viel zu viele Hinweise darauf, dass Ohligs These, der Prophet habe nie gelebt, nicht haltbar ist. In 14 Jahrhunderten christlich-islamischer Polemik wurde sie nie vertreten. Auch in syrisch-aramäischen Quellen gibt es hingegen Belege für den Propheten aus früher Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie erforschen die Frühzeit des Islam und den Koran. Wie ist denn die Faktenlage? Wie könnte man beweisen, dass der Prophet gelebt hat?

Der Koran: Für Muslime unverfälschtes Wort Gottes
DPA

Der Koran: Für Muslime unverfälschtes Wort Gottes

Marx: Es gilt, vorsichtig zu sein. Für die Geschichte generell kann man keine naturwissenschaftlichen Beweise anführen. Wie wollen Sie die Existenz von Karl dem Großen beweisen? Wir können keine Experimente durchführen, wir müssen mit Evidenzen arbeiten. Und ein Evidenzstrang in dieser Frage ist der Koran. Hier ist die Evidenzlage so gut wie bei keiner anderen Religion. Wir kennen Koranhandschriften und islamische Inschriften schon ab 40 bis 50 Jahre nach dem Tode des Propheten. Der Koran wäre extrem erklärungsbedürftig, wenn man den Propheten rausrechnet. Ohlig behauptet, der Islam sei bis in die Ommajadenzeit, also bis ins 9. Jahrhundert, im Wesentlichen eine christliche Sekte gewesen. In dem Fall aber habe ich das massive Problem, dass der Text des Koran dazu nicht passt. Wieso ist dann die Christusfigur im Koran nicht zentraler? Abraham, Moses und Noah werden viel häufiger genannt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist es mit der Form des Koran?

Marx: Das ist der zweite Evidenzstrang. Der Koran, das kann man auch linguistisch zeigen, ist eine Art Rede. Der Koran ist keine Erzählung wie das Neue Testament, keine Korrespondenz wie die Paulusbriefe, keine Apokalypse, kein Psalm. Dieses Genre macht nur Sinn, wenn ich eine Person habe, an der ich das festmache - einen charismatischen Sprecher, einen Propheten. Warum sollte eine Gemeinde, die keinen Propheten hat, sich in der Rückprojektion einen zulegen, und einen Text erfinden, der dann auch noch christlich ist, wie Ohlig meint? Ohligs These ist unökonomisch - sie schafft mehr Erklärungsbedarf, als sie löst.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Wenn der Prophet nicht gelebt hat, muss es eine enorme Verschwörung gegeben haben, um das Schrifttum zu erklären.

Marx: Genau - und von dieser Verschwörung wären zudem keinerlei Spuren übrig geblieben, von Marokko bis Indien nicht. Wer soll das durchgesetzt haben? Wir haben seit der Mitte des 8. Jahrhunderts bereits kein zentrales islamisches Staatswesen mehr, das die Konstruktion des Propheten flächendeckend in Asien und Afrika hätte durchsetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen also, Ohlig und seine Mitstreiter sind entweder Demagogen oder Nicht-Wissenschaftler?

Marx: Ein solches Urteil steht mir nicht zu. Aber ich empfinde es so. Es ist ja legitim, Probleme zu diskutieren. Und der Koran hält viele offene Fragen bereit. Wir am Corpus Coranicum versuchen, erst einmal Grundlagenforschung zu treiben, bevor man mit Supertheorien kommt.

SPIEGEL ONLINE: Auch Muhammad Sven Kalisch operiert an einer Grenze - nämlich der zwischen Wissenschaft und Theologie. Denn er sollte eigentlich Religionslehrer ausbilden. Der Koordinationsrat der Muslime will das nicht mehr mittragen, weil Kalisch Grundlagen des islamischen Glaubens in Frage stelle. Ist es vorstellbar, dass man Muslim ist und zugleich sagt, der Prophet hat möglicherweise gar nicht gelebt?

Marx: Das ist kaum vorstellbar.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kalisch ist zaiditischer Schiit, kein Sunnit. Gibt es dort ein anderes Mohammed-Bild, das seine Äußerungen erklären könnte?

Marx: Das ist mir zumindest nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kalischs Positionierung hat die Debatte in Deutschland erneut befeuert - und das wird auch in der arabischen Welt wahrgenommen. So hat die renommierte Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer in einem Interview gesagt, Kalischs Ansicht sei nicht isoliert.

Marx: Frau Krämer ist falsch beziehungsweise verkürzt wiedergegeben worden. Sie sagte zum Beispiel sehr wohl, dass die meisten Islamwissenschaftler an den überlieferten Rahmendaten festhalten, und zählt keineswegs zu jenen, die die Existenz des Propheten anzweifeln. Aber die ungenauen Zitate sind leider in vielen arabischen Zeitungen gebracht worden.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Konsequenzen für jemanden wie Sie, der international zusammenarbeitet, auch mit islamischen Forschern?

Marx: So etwas hat durchaus zur Folge, dass westliche Islamforschung in Misskredit gebracht wird. In Zeiten des Internet verbreiten sich solche Gerüchte und Meldungen sehr schnell. Wir am Corpus Coranicum wollen damit nicht in Zusammenhang gebracht werden. Bei uns arbeiten Muslime wie Nichtmuslime zusammen, und wir kooperieren sehr vertrauensvoll mit Institutionen in der arabischen und islamischen Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist die Mohammed-Forschung überhaupt so ein sensibles Thema? Schließlich ist der Prophet, anders als etwa Jesus im Christentum, nur ein vorbildlicher Mensch, den Gott zwar zur Übermittlung einer Botschaft auserwählt, aber nicht mit göttlichen Attributen versehen hat. Auch im Karikaturen-Streit hat sich diese Empfindlichkeit ja schon gezeigt.

Marx: Diese heftigen Reaktionen lassen sich wohl am besten dadurch erklären, dass viele Muslime das so empfinden, als würde der Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt, den sie ohnehin schon wahrnehmen, auch noch auf einer anderen Ebene ausgetragen. Das wird oft als Angriff auf die eigene Identität aufgefasst, als psychologische Kriegsführung.

SPIEGEL ONLINE: Könnte man die These, dass der Prophet Mohammed möglicherweise nie gelebt hat, an einer islamischen Hochschule vertreten?

Marx: Ich wüsste nicht wo.

Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie als Forscher denn mit diesem Spannungsfeld um? Sie arbeiten ja durchaus mit einer kritisch-historischen Herangehensweise. So lange ihre Ergebnisse nicht im Widerspruch zur gängigen islamischen Mehrheitsmeinung haben, ist das kein Problem. Aber was, wenn doch?

Marx: Dann ist es möglicherweise ein Problem. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Vergessen Sie nicht: Wir arbeiten hier an Grundlagenforschung. Der Koran verdient es, ernsthaft wissenschaftlich erforscht zu werden. Mir liegt viel daran, dass wir diese Schritte zusammen mit Muslimen gehen. Das tun wir in unserem Projekt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Was die muslimische Community dann daraus an Impulsen gewinnt oder nicht, ob sie das in Europa zur Grundlage einer wie auch immer gearteten Reform macht - das ist allein ihre Angelegenheit. Viel mächtiger als die von uns gern überschätzte Macht der Philologie ist wahrscheinlich ohnehin das pragmatische Miteinanderleben.

Das Interview führte Yassin Musharbash



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