Doktormacher-Prozess Promotionsberater muss ins Gefängnis

Es war der bundesweit erste große Prozess um Geschäfte mit Doktortiteln - und ein schwarzer Tag für den Angeklagten: Wegen Bestechung von Professoren erhält ein Promotionsvermittler eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren und muss 75.000 Euro zahlen.


Die Dienstleistung ist ebenso fragwürdig wie sein Erklärungsversuch; vor Gericht kam er damit nicht durch: Wegen gewerblicher Bestechung in 61 Fällen erhält der promovierte Philosoph Martin D. eine harte Strafe. Das Landgericht Hildesheim verurteilte ihn am Montag zu dreieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung; ein halbes Jahr davon gilt wegen der langen Dauer des Verfahrens als abgegolten. Außerdem muss der verurteilte Promotionsberater 75.000 Euro Strafe zahlen.

Martin D. (links, mit seinem Anwalt): Wegen Bestechung in Haft
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Martin D. (links, mit seinem Anwalt): Wegen Bestechung in Haft

Martin D. ist seit dem Jahr 2000 Geschäftsführer eines Instituts für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach, das Geld an einen Juraprofessor bezahlte, der Promotionskandidaten zum Titel führen sollte. Das Landgericht verurteilte zusätzlich auch das Institut zu einer Geldstrafe von 150.000 Euro.

"Das Urteil hat den Angeklagten beeindruckt", sagte Gerichtssprecher Jan-Michael Seidel SPIEGEL ONLINE. Der Vermittler sei wohl bis zum Schluss vom Freispruch ausgegangen, den sein Anwalt gefordert hatte. Sein Verteidiger hat bereits Revision angekündigt. Sollte sie zugelassen werden, kommt das Doktormacherverfahren vor den Bundesgerichtshof.

Martin D., 52, will nicht gewusst haben, dass er sich mit den Zahlungen an den Hannoveraner Juraprofessor strafbar machte. Das Gericht nahm ihm das jedoch nicht ab und folgte weitgehend der Staatsanwaltschaft Hannover, die am Mittwoch gefordert hatte, den Promotionsberater wegen vorsätzlicher schwerer Bestechung für dreieinhalb Jahre hinter Gitter zu schicken und eine Strafe von 100.800 Euro zahlen zu lassen. Am Folgetag hatte die Anklage die Forderung nach einer Geldstrafe von 150.000 Euro auch gegen das Institut ergänzt, weil es seine Pflichten verletzt habe.

Geldzahlungen über Strohleute

Es ist das erste Mal, dass ein Promotionsberater in Deutschland wegen Bestechung eines Amtsträgers verurteilt wird. Dennoch kommt das Urteil nicht überraschend: Seit über zwei Jahrzehnten hatte seine Firma, das Institut für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach, solventen und zahlungswilligen Promotionskandidaten Doktorväter vermittelt. In der Hochschulszene ist das Institut sattsam bekannt - und hat mindestens einen Professor für seine Dienste bezahlt. Ein inzwischen verurteilter Juraprofessor aus Hannover, dem auch sein Titel aberkannt wurde, erhielt 4100 Euro pro Kandidat, den er erfolgreich zum Doktor machte: 2050 Euro für die Annahme eines Bewerbers, die gleiche Summe nach erfolgreicher Promotion.

Das Geld floss nach Auskunft des Gerichtssprechers unter anderem auf das Konto seines Vaters und seiner Frau, die der Juraprofessor während des Prozesses selbst als Strohfrau bezeichnet hatte. Die Gattin schrieb auch die Rechnung an die Beratungsfirma im Bergischen Land. Hierfür sitzt der Hannoveraner Ex-Professor jetzt drei Jahre in Haft - Bestechlichkeit in 68 Fällen lautete das Urteil gegen ihn im April dieses Jahres. Außerdem hatte der Professor in einem Fall eine bessere Beurteilung gegen sexuelle Gefälligkeiten einer Studentin vergeben, auch das spielte in seinem Prozess eine Rolle.

Der verurteilte Geschäftsführer Martin D. bestand bis zum Ende auf seiner Unschuld. Wie schon zum Prozessauftakt im März beteuerte sein Verteidiger Hans Holtermann erneut vor Gericht, sein Mandant habe sich nicht strafbar gemacht. Es liege ein sogenannter "Verbotsirrtum" vor: Martin D. sei schlicht "nicht bewusst" gewesen, "dass diese Vereinbarung in die Strafbarkeit führt". Der Angeklagte habe Absprachen mit vier Juraprofessoren getroffen, und keiner habe angedeutet, dass diese Zahlungen verboten seien. Da könne man im guten Glauben sein, dass man keine Straftat begehe, erklärte Holtermann zu seiner Freispruchforderung.

Bis zu 22.000 Euro für Doktorvatervermittlung

Dass Amtsträger für die Erfüllung ihrer Dienstpflichten kein Extra-Salär erhalten dürfen, ist nicht direkt geheimes Expertenwissen. Und dann versichert der Bestochene dem Bestecher, dass die Bestechung legal ist? Dieser verwegenen Argumentation mochte das Landgericht nicht folgen: "Dem Angeklagten war klar, dass der Professor für die Annahme von Doktoranden kein Geld nehmen darf", sagte der Vorsitzende Richter Peter Peschka in seiner Urteilsbegründung. "Warum sonst hat man nicht offen gehandelt, sondern die Zahlungen verschleiert?" Deshalb habe man die Ehefrau des Hannoveraner Professors als Strohfrau eingesetzt. Das Gericht führte auch auf, was Promotionskandidaten für die Vermittlung eins Doktorvaters an das Institut zahlten: bis zu 22.000 Euro in drei Raten.

Auch Sebastian Peters, der im April 2007 Co-Geschäftsführer der Promotionsberatung wurde und den Gründer Frank G. ablöste, schloss sich den Argumenten seines Kompagnons an. Peters sagte, ihm habe ein aus Schulzeiten befreundeter Jurist bestätigt, dass das Gericht den Verbotsirrtum berücksichtigen müsse. "Wenn Ihnen vier Juristen sagen, das ist korrekt, dann gehen Sie doch davon aus", sagte Peters SPIEGEL ONLINE. Dass das Bestechungsgeld an Ehefrauen und andere Mittelsleute ging, findet Peters auch nicht seltsam. Außerdem sei bis 1997 eine solche Zahlung gar nicht anrüchig gewesen.

1997 hatte der Gesetzgeber in das Korruptionsbekämpfungsgesetz einen Passus eingefügt, nach dem auch Zahlungen unter Strafe stehen, die nicht direkt an beamtete Amtsträger wie zum Beispiel Professoren gehen, sondern über Dritte abgewickelt werden - etwa über Verwandte. Das sei "wohl an ihm vorbeigegangen", exkulpiert Peters seinen Kollegen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Seit August 2005 habe das Institut für Wissenschaftsberatung außerdem "kein Geld mehr an Professoren für Promotionen gezahlt", versichert Peters.

"Ansehen des Berufsstandes steht auf dem Spiel"

Die Ermittlungsmaschinerie in Sachen Doktortitel gegen Geld läuft unterdessen munter weiter. Das Institut in Bergisch Gladbach war durchsucht worden, die juristische Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen. Auch gegen Frank G., Gründer und früherer Geschäftsführer des Instituts, steht ein Urteil noch aus; der Prozess ruht aus gesundheitlichen Gründen. Gegen drei weitere Professoren, die das Institut möglicherweise ebenfalls bestochen hat, wird ermittelt.

Eine Signalwirkung vom Hildesheimer Urteil erhofft sich Manuel Theisen. Der Münchner BWL-Professor bekämpft seit vielen Jahren Geschäfte mit Doktortiteln und kritisiert, die Staatsanwaltschaften hätten "jahrelang weggeschaut", ebenso wie die Fakultäten. "Die Promotionsberatung ist ein echter Wirtschaftszweig. Es geht um Millionen Euro", sagte Theisen.

Für den Deutschen Hochschulverband begrüßte Sprecher Matthias Jaroch das Urteil. Die Promotionsberatung spiele sich häufig in einem rechtlich kaum durchdringbaren Dickicht ab, sagte Jaroch: "Das Ansehen des ganzen Berufsstandes steht auf dem Spiel, weil die gewerbliche Promotionsberatung im Verdacht steht, an der Vergabe unredlicher Doktortitel beteiligt zu sein." Die Organisation von Universitätsprofessoren hat ein Ausschlussverfahren gegen einen außerplanmäßigen Medizin-Professor der Universität Münster eingeleitet, der in Karlsruhe eine Promotionsberatung betreibt.

cht/jol, dpa/AFP/DDP

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