E-Mails an die Kanzlerin Frau Merkel, Sie haben Post!

Wer Videobotschaften ins Web stellt, kann auch E-Mails beantworten, dachte sich ein Brandenburger Student und richtete eine Homepage mit Fragen an Angela Merkel ein. Die Überraschung: Die Kanzlerin antwortete - jetzt macht die Idee Schule.

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Am 3. September 2006 fing alles an: Caveh Valipour Zonooz, BWL-Student an der FH Brandenburg, ärgerte sich über Angela Merkel. Die Kanzlerin hatte tags zuvor ihre wöchentliche Videobotschaft ins Internet gestellt, es ging um die Hightech-Strategie der Bundesregierung. "Wir haben ein Problem in Deutschland, von dem ich mich frage, ob das immer so bleiben muss", sagte Merkel da mit energischem Blick in die Kamera, "Deutschland liegt zwar vorne bei den Anmeldungen bei internationalen Patenten, aber wenn es um die Einführung von Produkten auf dem Markt geht, dann schaffen wir nicht das, was in uns steckt."

Gründer Zonooz: Jetzt kann jeder der Kanzlerin eine Frage stellen
direktzurkanzlerin.de

Gründer Zonooz: Jetzt kann jeder der Kanzlerin eine Frage stellen

"Als ich das hörte, wäre ich am liebsten in den Monitor hineingesprungen", erzählt Caveh Valipour Zonooz. Mit einigen Kommilitonen hatte er zuvor eher abschreckende Erfahrungen mit der deutschen Hightech-Förderung gemacht: Monatelang hatten sie vergeblich nach finanzieller Unterstützung für die Idee einer neuartigen Online-Plattform mit Podcasting-Technologie gesucht. Ein Brief an das zuständige Wirtschaftsministerium war gar nicht erst beantwortet worden; und so hatten sich zwei Freunde des Brandenburger Studenten schon frustriert in die USA abgesetzt.

Zonooz blieb, und nach Merkels Video-Botschaft verwandelte er seinen Frust in Kreativität: Innerhalb weniger Tage entwickelte er ein Kommunikationskonzept für eine Webseite namens www.direktzurkanzlerin.de, auf der Bürger Fragen an die Regierungschefin stellen können. "Wir hatten schon am ersten Tag 30.000 Klicks, und nach einem Monat hat uns das Kanzleramt zugesagt, dass jede Woche die drei am besten bewerteten Fragen schriftlich beantwortet werden", staunt der 34-Jährige immer noch über die Dynamik, die seine Idee auslöste. Die Homepage-Nutzer können also nicht nur ihre eigenen Fragen loswerden, sondern per Voting auch mitentscheiden, welche Fragen zur Beantwortung ans Kanzleramt gehen.

"Kann man Staatsempfänge nicht abschaffen?"

"Kosten sparen fängt beim Bundeskanzler an", findet beispielsweise Jan-Erik Hansen und bittet die "sehr geehrte Frau Merkel", die Millionenverschwendung im Bundeshaushalt zu beenden: "Man könnte doch Einsparungen treffen. Zum Beispiel die kostenintensiven Empfänge mit militärischen Ehren oder Staatsempfänge abschaffen." Dass Einsparungen auf der Regierungsebene nötig und möglich sind, betonen auch die Mitarbeiter des Presse- und Informationsamts, die im Auftrag der Kanzlerin antworten. Allerdings unterhalte die Bundesregierung derzeit zu mehr als 190 Staaten diplomatische Beziehungen: "Besuche der Bundeskanzlerin in anderen Ländern oder Staatsempfänge in Deutschland sind deshalb unverzichtbar. Bestimmte protokollarische Gepflogenheiten gehören dazu", so die Antwort. "Einsparungen könnten hier fehl am Platze sein und diplomatische Verwicklungen heraufbeschwören." Außerdem sei der finanzielle Aufwand dafür eher gering, auch wenn er für eindrucksvolle Fernsehbilder sorge.

Die Themen der Homepage sind bunt gemischt. Weil der Verteidigungshaushalt dreimal so hoch wie der Bildungshaushalt ist, fragt Oberstufenschüler Nicolai Spraul, "ob die Vorbereitung auf einen Dritten Weltkrieg soviel wichtiger als unsere Zukunft" sei. Antwort des Kanzleramts: "Sie dürfen nicht die 8,5 Milliarden Euro des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit den 25,2 Milliarden Euro im Verteidigungsetat vergleichen." Denn die Finanzierung von Schulen und Hochschulen sei Sache der Länder und Kommunen, und dann ergebe sich etwa für 2004 ein Jahresetat von 84 Milliarden Euro für die Bildung. Und im Übrigen sei die Bundeswehr "keinesfalls" an Vorbereitungen zu einem Dritten Weltkrieg beteiligt, diese Unterstellung sei "mehr als abwegig".

Die Idee ist in Europa ein Verkaufsschlager

Auch wenn solche Antworten erwartbar sind und keine Überraschungen enthalten – eine starke Faszination üben die Fragen an die Kanzlerin offenbar trotzdem aus. So klickten im ersten halben Jahr mehr als 3,5 Millionen Besucher die Webseite an. "Das ist ja keine Einbahnstraßen-Kommunikation", sucht Caveh Valipour Zonooz nach einer Erklärung. "Wer auf die Homepage schaut, findet eine Art Themenbarometer dessen, was die Leute wirklich interessiert." Das sei auch für die Politik eine große Chance, Stimmungen aufzunehmen.

Seine eigenen Fragen an die Kanzlerin konnte er zwischenzeitlich auch schon loswerden - live und ohne Tastatur: Die Idee der Online-Kommunikation kommt im Kanzleramt so gut an, dass die Homepage-Macher im vergangenen Monat zu einem Empfang bei Angela Merkel eingeladen waren.

Mission erfüllt? Noch lange nicht, sagt Caveh Valipour Zonooz. Als nächstes stehen 16 Webseiten für die einzelnen Bundesländer zur Gestaltung an. Und auch international stößt die Idee auf breite Resonanz: In Europa stehen Online-Portale in sieben Ländern vor dem Start, unter anderem in der Schweiz und Norwegen. Und in einigen Monaten sollen auch die US-Bürger ihre Fragen per Mail direkt ins Oval Office schicken können.



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