Medizinstudent im Seuchengebiet "Bei Ebola müssen die Schutzanzüge perfekt sein"

Medizinstudent Till Eckert war für ein Praktikum in Sierra Leone, dann brach Ebola aus. Er beruhigte seine Familie, blieb und baute eine Isolationsstation auf, die nun Vorbild für das Land werden soll.

Ein Interview von

Till Eckert

SPIEGEL ONLINE: Herr Eckert, zusammen mit zwei Kommilitonen sind Sie im Juli nach Sierra Leone aufgebrochen, um in einem Krankenhaus in Makeni zu arbeiten - kurz darauf erreichte das Ebola-Virus die Stadt. Warum sind Sie dorthin?

Eckert: Der Aufenthalt war lange vor dem Ebola-Ausbruch geplant. Wir haben uns eine vierwöchige Hospitanz in dem Krankenhaus organisiert, weil wir die Tropenmedizin kennenlernen wollten. Jetzt im Nachhinein übernimmt unsere Uni einen Teil der Flugkosten und rechnet die Arbeitszeit vor Ort auf unser Studium an.

SPIEGEL ONLINE: Drei Wochen nach Ihrer Ankunft war klar, dass es auch in Makeni Ebola-Fälle geben wird. Sie hätten frühzeitig abreisen können - schließlich sind medizinische Helfer besonders gefährdet, sich zu infizieren. Warum blieben Sie?

Zur Person
  • Till Eckert
    Till Eckert, 22, studiert Medizin an der Uni Witten-Herdecke. Über die Organisation Swiss-Sierra Leone Development Foundation hospitierten er und zwei Mitstudenten im Magbenteh Community Hospital in Makeni, Sierra Leone. Dort bauten sie eine Ebola-Isolationsstation auf, die zum Vorbild für andere Krankenhäuser im Land werden soll.
Eckert: Meine Kommilitonen, ein Pfleger und ich haben beschlossen, eine Isolationsstation für Ebola-Patienten aufzubauen. Das war in dem Krankenhaus schon länger im Gespräch, doch es hatte sich noch nichts getan.

SPIEGEL ONLINE: Sie studieren im fünften Semester. Woher wussten Sie, wie das geht?

Eckert: Zuerst haben wir uns eine Isolationsstation in einem Krankenhaus in der Nähe angeschaut, die nach den Empfehlungen von Ärzte ohne Grenzen errichtet worden war. Außerdem haben wir im Internet recherchiert, uns Fotos und Videos angeschaut und viel gelesen. Dann haben wir das Konzept des anderen Krankenhauses überarbeitet und mit unserem Wissen aus deutschen Kliniken ergänzt. So haben wir das bestehende 14-Schritte-System zum sicheren Entkleiden und Desinfizieren auf neun Schritte reduziert.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Krankenhausleitung auf ihre Initiative reagiert?

Eckert: Eine Abwehrhaltung gab es nicht, die leitenden Ärzte haben uns vertraut. Es war nur kein Geld da, also haben wir 150 Euro vorgeschossen - die wir später wiederbekommen haben - sind in die Stadt gefahren, haben die Sachen besorgt und die Station errichtet. Nach zweieinhalb Tagen waren wir fertig, zum Glück, denn da standen auch schon die ersten Ebola-Patienten vor der Tür: Eine Mutter mit zwei Kindern. Einem der Kinder ging es leider bereits sehr schlecht, es ist in der ersten Nacht gestorben, die anderen wurden nach drei Tagen von Ärzte ohne Grenzen abgeholt und in ein isoliertes Behandlungszentrum gebracht - wir hatten ja nur eine Übergangsstation.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Angst, sich anzustecken?

Eckert: Wir wussten um die Gefahr, und Wissen schützt. Dass wir uns auskannten mit den Symptomen, den Ansteckungswegen und den Vorsichtsmaßnahmen hat uns ein sicheres Gefühl gegeben. Natürlich waren wir vorsichtig, haben das Händeschütteln eingeschränkt und den gesamten Außenkontakt minimiert. Es gab für uns jedoch keinen Grund zur Panik.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Freunde und Familie sie bekniet, nach Hause zu kommen?

Eckert: Nein, die haben sich auf unser Urteilsvermögen verlassen. Wir konnten die Situation vor Ort ja auch besser einschätzen. Außerdem darf man die Relationen nicht vergessen: Die Wahrscheinlichkeit, in Makeni durch einen Verkehrsunfall zu verunglücken oder Malaria zu bekommen ist zigmal höher als an Ebola zu erkranken.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Schwierigste an Ihrer Arbeit vor Ort?

Eckert: Hart war der Kampf mit den Ressourcen, das kennt man aus Europa nicht. Bei Ebola müssen zum Beispiel die Schutzanzüge perfekt sein und nach jedem Gebrauch ausgetauscht werden. Weil es aber zu wenige gab, konnten die Ärzte und Schwestern am Anfang nur zwei- bis viermal am Tag die Station betreten. Außerdem findet zu wenig Aufklärung im Land statt. Viele Menschen vor Ort denken, Ebola sei eine Gottesstrafe, von den Weißen gebracht oder ein Komplott der Regierung gegen Kritiker. Sogar Krankenhausmitarbeiter waren anfangs dieser Meinung. Erst als die Patienten bei uns waren, haben sie ihre Einstellung geändert und ihre Familien gewarnt. Die stellvertretende Gesundheitsministerin hat sich später dafür eingesetzt, dass alle Krankenhäuser im Land eine Isolationsstation nach unserem Vorbild bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum brauchten die Menschen dafür Ihre Hilfe?

Eckert: Viele haben das Virus zunächst nicht ernst genug genommen. Dazu kommt die afrikanische Kultur, da läuft alles ein bisschen langsamer ab. Wir haben Struktur, Pünktlichkeit und einen großen Willen mitgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter, fahren Sie noch einmal hin?

Eckert: Im Moment kann ich leider nicht, weil ich hier in meinem Studium eingebunden bin. Aber das Projekt läuft vor Ort weiter, so gut es finanziell geht. Es war auf jeden Fall ein spannender Einblick in die Tropenmedizin und hat uns alle inspiriert - ich würde später gern noch einmal in einem Krisengebiet arbeiten.

  • DPA
    Stifte raus, Medizinertest! Jahr für Jahr quälen sich Tausende Abiturienten durch eine Extraprüfung, um ihre Chance auf einen Medizinstudienplatz zu erhöhen. Geprüft werden Logik und räumliches Denken sowie Grundkenntnisse der Naturwissenschaften. Wie viel hätten sie gewusst?

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nevertrust 01.09.2014
1. meine Hochachtung
für diese aufopferungsvolle Arbeit. Der Vergleich , dass die Wahrscheinlichkeit, in Makeni durch einen Verkehrsunfall zu verunglücken oder Malaria zu bekommen ist zigmal höher sei als an Ebola zu erkranken hinkt jedoch gewaltig. Immerhin habe ich es in diesem Fall mit Ebola-Infizierten zu tun.
spon-facebook-10000377917 01.09.2014
2. Engagement
Wir brauchen mehr solche Menschen wie Herrn Eckert, als Ärzte und auch anderweitig, die auch in der Gefahr die Ruhe behalten und umsichtig ihre Arbeit tun. Ihnen, Herr Eckert, wünsche ich alles Gute für Ihr Studium und jede Unterstützung für Ihr Engagement, die Sie brauchen.
andreas.ochs 01.09.2014
3. Der richtige Weg!
Zwar bin ich sicher nicht der Meinung, dass in Deutschland Ebola ausbrechen wird, wenn man Patienten hier behandelt, aber das Wissen und die Therapiemöglichkeiten in Afrika aufzubauen ist sicherlich der bessere Weg. Hut ab vor dem Engagement und der Tatsache, dass er bedacht nach einer Lösung gesucht und sie scheinbar gefunden hat...
karstenkk 01.09.2014
4. Respekt und mehr Hilfe für Westafrika!
Endlich einmal eine gute Nachricht in dieser Katastrophe und meine höchsten Respekt für diese Aktion. Es ist zu hoffen,daß dieser hoffnungsvolle Anfang tatsächlich Schule macht und eventuell sogar von öffentlichen Stellen unterstützt wird. Es ist allerhöchste Zeit,daß die konkrete und direkte Hilfe für diese Weltgegend deutlich ausgeweitet und organisiert wird. Es sollte doch möglich sein, ein paar Transportflugzeuge zu chartern (oder sogar die Flugbereitschaft des Bundestages hierfür zu verwenden), mit Hilfsmittel vollzupacken und dort an die Krankenhäusser zu verteilen. In Deutschland haben wir doch das sehr professionelle THW und andere mir nicht bekannte Organisationen,die eine solche Hilfsaktion organsieren könnten. Offensichtlich sind private Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen ( denen ebenso mein allerhöchster Respekt zukommt ) mit der Bewältigung dieser Großkatatrophe nachvollziehbarerweise völlig überfordert. Die brauchen dringend Hilfe! Mein kleiner Beitrag einer akuten Hilfe für Afrika besteht zB in der Übernahme eines Touristenrestaurants in Gambia/ Westafrika im nächsten Monat. Wobei die 12 schwarzen Angestellten (samt Familien) weit über dem Durchschnitt bezahlt und behandelt werden (was dort keine Selbstverständlichkeit ist). Soweit möglich, wird alles vorort hergestellt oder bei Schwarzen eingekauft,das Geld kommt und bleibt also im Land. Direkt beim Schreiner,Schneider, Koch, Grafiker, Kellner,Koch,Bauern etc. Trotz zahlreicher Warnungen habe ich bislang sehr gute Erfahrungen mit den Einheimischen gemacht,alle sind sehr motiviert und arbeitswillig,wenn die Anleitung konkret ist,ist es das Ergebnis auch. Was in dieser Gegend fehlt, ist vernünftig bezahlte Arbeit und Ausbildung. Wenn später tatsächlich Geld mit dem Restaurant verdient wird,folgen Schulprojekte und Landkooperativen. Für schlappe 10000 € läßt sich eine Schule bauen,ein Lehrer kostet etwa 100 € pro Monat. Für vergleichbar kleines Geld läßt sich in Afrika viel erreichen. Bislang konnte ich konkret erst eine Schule unterstützen,man hat dort jetzt wenigstens ein Wasserklo für 100 Kinder. Nur mal als Beispiel: Schulgebühr pro Kind und Jahr 10 €,was sich viele Eltern schlichtweg nicht leisten können. Wenn man dann sieht,das die Kinder oftmals hungrig zur Schule kommen, ist Schluß mit Lustig,da muß geholfen werden! Derzeit sehe ich für diese Weltgegend lediglich die Chance des Tourismus,das bringt Geld ins Land,die Strände sind schön,die Leute nett und liebenswert (na ja nicht alle...) und für jede kleine Hilfe überaus dankbar. Die Katastrophe wird mit dem Ausbleiben der Touristen allerdings potenziert,das ist reales Geld was wegbleibt. Tourismus ist konkrete Entwicklungshilfe und Afrika ist schön,spannend,anders. Kurz und Schluß: wenn jeder nur ein bischen mehr hilft,haben wir alle eine bessere Welt und zukünftig weniger Flüchtlinge in der Haustür.
spon-facebook-1629421895 01.09.2014
5.
Super Aktion! Meinen vollsten Respekt! UWHs finest! Beste Grüße aus Witten, bleibt gesund!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.