Edel-Unis Oxbridge sucht das A-Team

Noble britische Unis wollen ihre Auswahlkriterien verschärfen - und noch elitärer werden. Einsen reichen nicht, Einsen mit Sternchen müssen es sein. Eltern und Lehrer befürchten nun, dass Schüler staatlicher Schulen künftig chancenlos an Top-Hochschulen wie Cambridge sind.

Von Peter Neitzsch


Der Begriff "Elite" stammt vom lateinischen Wort "eligere" für "auswählen". Um ihrem Ruf als Elite-Universitäten gerecht zu werden, verwenden englische Top-Hochschulen daher besondere Sorgfalt auf die Auswahl ihrer Studenten. Die noble Universität Cambridge hat jetzt angekündigt, die Zugangshürden noch höher zu legen - was in Großbritannien eine heftige Diskussion über Chancengleichheit im Bildungssystem auslöste.

Uni Cambridge: "Bisher keine sinnvolle Hürde"
University of Cambridge

Uni Cambridge: "Bisher keine sinnvolle Hürde"

Die beste Note im britischen Abschlusszeugnis ist traditionell ein "A" und entspricht einer deutschen Eins. Statt wie bisher drei A-Noten müssen Bewerber für ein Studium in Cambridge künftig zusätzlich mindestens ein "A Plus" mitbringen - eine erst dieses Jahr eingeführte Zensur, sozusagen eine Eins mit Sternchen. Die Regierung hatte wiederholt betont, dass die neue Spitzennote keine Messlatte für den Hochschulzugang sein sollte - solange nicht mehr Erfahrungen damit gesammelt wurden.

Die Tageszeitung "Daily Telegraph" berichtete jedoch, dass bereits mehrere Universitäten angekündigt haben, dem Beispiel von Cambridge zu folgen und ebenfalls die Zugangskriterien um eine Note zu verschärfen. Dazu zählen die Uni Bristol und das University College London. Die Universität Oxford verzichtet bei der Auswahl ihrer Studenten vorerst noch auf die neue Note.

Cambridge: Drei A-Noten reichen nicht

Dabei ist es erst wenige Monate her, dass die stets rivalisierenden Unis Cambridge und Oxford eine Art öffentliche Charme-Offensive starteten - durchaus auch auf Druck: Die Regierung drängte darauf, dass mehr Absolventen staatlicher Schulen an den edelsten Hochschulen studieren sollen; immerhin wird Cambridge zu etwa drei Fünfteln vom Staat finanziert. Beide Universitäten buhlten prompt um Unterschichtler und visierten das Ziel an, zum Beispiel in TV-Seifenopern wie "EastEnders" präsent zu sein.

Nun aber wollen einige Hochschulen schärfere Auswahlkriterien. Sie begründeten den Schritt mit dem Argument, es sei immer schwieriger, aus der Vielzahl der Schulabgänger mit drei A-Noten geeignete Bewerber auszuwählen. Geoff Parks, Leiter der Zulassungsstelle in Cambridge, sagte der Zeitung "The Times": "Bisher konnten wir im oberen Ende des Leistungsspektrums nicht genügend differenzieren. Der Standard, den wir derzeit haben, ist keine sinnvolle Hürde." Langfristig könne sich die Universität Cambridge auch vorstellen, ein einfaches A und zwei "A Plus" Noten als Mindestanforderung an Bewerber zu stellen.

Kritiker aus der Labour Party, Lehrergewerkschaften und Bildungsexperten befürchten nun, dass Absolventen von Privatschulen bei der Vergabe von Studienplätzen bevorzugt werden - weil die Interessenten sich mit ziemlich ungleichen Voraussetzungen bewerben. Barry Sheerman, Labour-Abgeordneter und Vorsitzender der Kommission für Kinder, Schulen und Familien, sagte der "Times": "Ich mache mir Sorgen, dass unsere besten Universitäten für Kinder aus normalem Elternhaus zum Sperrgebiet werden könnten." Nur wenige Eltern könnten es sich leisten, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken.

Das Schulsystem in Großbritannien zerfällt in eine kleine Gruppe elitärer staatlicher und privater Schulen einerseits, andererseits in etwa 3000 weitere Schulen, die den Anschluss an die Spitzengruppe kaum halten können. An der Uni Oxford beispielsweise stellen nach Angaben der Bildungsinitiative Sutton Trust lediglich 200 Schulen mehr als die Hälfte aller Studenten.

"Ist Gier gut oder schlecht?"

Während Privatschulen die Neuregelung begrüßen, sehen die öffentlichen Schulen den Vorstoß daher mit Skepsis. In einer Stellungnahme zeigten sich die Schulleiter der 250 Privatschulen "hoch erfreut, dass Cambridge eine Führungsrolle bei der Anerkennung der 'A Plus'-Note einnimmt". John Dunford, Generalsekretär der Vereinigung staatlicher Schulen und Colleges, hält die zusätzliche Hürde beim Universitätszugang dagegen für keine gute Idee. "Es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten, gute Kandidaten auszuwählen", sagte er der 'Times'.

Tatsächlich haben die Aufnahmeprüfungen an den beiden Universitäten Oxford und Cambridge - kurz "Oxbridge" - einen schon legendären Ruf. Im Internet kursieren zahlreiche Beispiele für Fragen, die in den berüchtigten Auswahlgesprächen gestellt werden. Die Prüflinge müssen dabei zu philosophischen oder ethischen Fragen Stellung beziehen, sie sollen auch logisches Denken und Originalität beweisen.

Oft wirken die Fragen skurril, etwa...

  • "Wären Sie lieber ein Roman oder ein Gedicht?"
  • "Ist Gier gut oder schlecht?"
  • "Woher weiß man, dass Kalifornien existiert, wenn man nicht dort ist?"
  • "Wieviel Prozent des weltweiten Wasser stecken in einer Kuh?"
  • "Wenn drei schöne, nackte Frauen vor ihnen stünden, welche würden sie auswählen? Und hat das irgendeinen Einfluss auf die Volkswirtschaft?"

Die Zugangshürden sind jedoch nicht die einzige Ursache für die hohe Selektivität des britischen Bildungssystems, wie Kritiker monieren. Auch die Studiengebühren tragen dazu bei. Bisher sind sie gedeckelt, derzeit zahlen Studenten in Großbritannien maximal 3145 Pfund (rund 3350 Euro) im Jahr. Viele Hochschulen träumen aber davon, die Gebühren kräftig zu erhöhen.

Einer am Dienstag veröffentlichten Studie zufolge könnten künftig für ein Studium bis zu 33.000 Pfund Studiengebühren entstehen. Die von den britischen Hochschulrektoren in Auftrag gegebene Studie prognostiziert, dass Studenten, die im Jahr 2016 ihr Studium aufnehmen, zwischen 21.000 und 33.000 Pfund allein an Studiengebühren zahlen müssen.

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