Ein Brite als Ober-Bazi "Hauptsach, es is koa Preiß"

Ausgerechnet ein Engländer arbeitet seit 16 Jahren federführend am "Bayerischen Wörterbuch": Anthony Rowley, 52, ist Sprachforscher aus Passion. Im Interview erklärt er, wieso Bairisch ihn fasziniert, der Dialekt als besonders erotisch gilt - und er zum Abschied nur selten "Servus" sagt.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Rowley, mit vielen Helfern schreiben Sie am Wörterbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Als Brite sind Sie zugleich oberster Hüter der bairischen Sprache. Wie konnte das im Freistaat passieren, wo man die "Mir san mir"-Attitüde lebt?

Sprachforscher Rowley: Freut sich auf das Bier
Nadine Nöhmaier

Sprachforscher Rowley: Freut sich auf das Bier

Rowley: Schon als Kind habe ich den englischen Dialekt Tyke gepflegt, als Germanistik-Student beschäftigte ich mich mehr mit Sprache als mit Literatur. Promoviert habe ich in Regensburg über das Fersentalerische, eine seltene Sprachinsel in Oberitalien, und erstellte danach eine Grammatik der oberpfälzischen Dialekte. Ich war also Fachmann in Sachen Dialektologie, als ich mich um den Posten bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften bewarb. Außerdem werden sie bei meiner Einstellung gedacht haben: "Hauptsach, es is koa Preiß."

SPIEGEL ONLINE: Das "R" rollen Sie besser als mancher Münchner. Wie kommt's?

Rowley: Das hab ich mir von meinen Regensburger Kommilitonen abgeschaut, auch meine Frau aus dem Donautal ist eine erstklassige Sprachlehrerin.

SPIEGEL ONLINE: Theoretische Linguisten belächeln die Dialektforschung zuweilen. Können Sie das verstehen?

Rowley: Ach, das tun nur die Kollegen, die unsere Forschung zum Randgebiet erklären wollen. Das sind Wissenschaftler, die am Schreibtisch sehr wissenschaftliche Grammatiken verfassen und sich nur mit abgehobenen Normen auseinandersetzen. Wir dagegen sind gezwungen, mit den Leuten zu reden, sie auszufragen. Daher erfahren wir auch, wie wirklich gesprochen wird und was eine Sprache unter veränderten Bedingungen leisten kann: Was passiert, wenn ich den Genitiv streiche? Wenn ich eine Vergangenheitsform wegnehme? Solche Einsichten erlauben mir sogar Rückschlüsse darüber, wie das menschliche Gehirn mit Sprache umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Münchner nennen ihre Hunde Zamperl. Im Italienischen steht Zampa für Pfote. Haben die Bayern ihren Wortschatz aus fremden Ländern zusammengeräubert?

Rowley: Teilweise schon - wie andere Sprachen auch. Hier erkennt man, dass die Erforschung einer Sprache auch der Kulturgeschichte eines Landes dient: Für Bayern war Venedig weiland die beste Quelle für Handelswaren - so entstanden diese Lehnwörter. Dagegen dokumentieren Begriffe wie Dalken, eine Mehlspeise, den kulinarischen Einfluss Böhmens. Und auch die Dialektgrenzen erzählen uns viel von früher. Sie zeichnen nach, wo die Bistümer, die Verkehrswege verliefen.

SPIEGEL ONLINE: Das englische Beefsteak nehmen Sie ebenfalls ins Bayerische Wörterbuch auf. Ihr Einfluss?

Rowley: Nein, das Wort hat auch in Bayern Geschichte, ebenso das Roastbeef oder der Bulldog für Traktor: Das war ursprünglich ein Markenname aus dem Englischen.

SPIEGEL ONLINE: Bald bearbeiten Sie das Bier. Wie nähern Sie sich dem Begriff?

Rowley: Auf das Bier freue ich mich! Zunächst haben wir Dialektsprecher angeschrieben, wie Mitglieder von Heimatvereinen und Stammtischen, Lehrer oder Austragsbäuerinnen - die übrigens oft ein enormes Sprachgefühl haben. Ich forsche in Archiven und in der Mundartliteratur. Dabei erfahren wir, welches Bier die Leute trinken, wie es gebraut wird, in welchem Sachkontext es verwendet wird. So konnte ich bisher gut hundert Zettel mit Informationen über verschiedenste Bier-Varianten sammeln. Alle wichtigen Erkenntnisse fasse ich in einem Artikel zusammen und füge die Quellen, die Verbreitung, typische Dialekt-Sätze, manchmal auch eine Karte bei.

Karteikasten der Forscher: Informationen aus vielen verschiedenen Quellen
Nadine Nöhmaier

Karteikasten der Forscher: Informationen aus vielen verschiedenen Quellen

SPIEGEL ONLINE: Fei wurde zum schönsten bayerischen Wort gewählt. Können Sie erklären, was es bedeutet?

Rowley: Fei ist ein Wörtchen, mit dem man unterstreicht, was man gesagt hat. Es entspricht im Hochdeutschen am ehesten halt oder eben. Es ist ein sehr nützliches Wort. Man kann damit drohen: "Komm mir fei ja nicht zu nahe." Oder unterstreichen: "Des is' fei schön."

SPIEGEL ONLINE: Laut "Playboy"-Umfrage ist Bairisch der erotischste Dialekt Deutschlands...

Rowley: Das ist verständlich, denn spricht man von Hamburg oder Berlin, dann schwingt immer eine Großstadt mit. München wird da nicht recht registriert - da denkt man an Urlaub, Landleben, Freiheit, das Fensterln und Naturburschen in Lederhosen, welche ja als besonders potent gelten. Alles sexy Klischees.

SPIEGEL ONLINE: Viele Münchner sprechen gar kein Bairisch mehr. Einheimische beschimpfen zuagroaste Einwohner zuweilen gar als Isarpreißn, weil sie eher wie Hamburger klingen.

Rowley: Das ist ein Zeichen der Zeit. Die Zahl der Zuagroasten ist enorm, und in einer Großstadt ist es heute nicht mehr wichtig zu zeigen, aus welchem Stadtviertel man kommt. Hier kommt es darauf an, was man verdient und zu welcher sozialen Gruppe man gehört. Ich glaube aber, dass irgendwann ein sprachlicher Mix rauskommt, der ein wenig Bairisch klingen wird. In Berlin spricht man übrigens ja auch das reinste Hochdeutsch nicht, auch kein altes Plattdeutsch.

SPIEGEL ONLINE: Sieben Jahre haben Sie und Ihre Kollegen für den ersten Band gebraucht, der letzte dürfte erst in 55 Jahren fertig sein. Sind Sie traurig, dass Sie das wohl nicht mehr mitbekommen werden?

Rowley: Keineswegs. Es ist klar, dass all dies kein Einzelner schreiben kann. Ich freue mich über alles, was ich aktiv gestalte. Gerade der nächste Band wird sehr umfangreich werden: In das "B" bauen wir nämlich alle "P"-Wörter mit ein. Die "Bl"- und "Br"-Begriffe werden die aufwendigsten sein. Abgeschlossen wird Band 2 übrigens erst, wenn wir hinter den Buchstaben "C" kommen, bis zu "Christ" oder "Chrysam". Bis dahin brauchen wir noch rund sieben Jahre. Wenn ich in den Ruhestand gehe, stecken wir vermutlich mittendrin in "E" oder "F".

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit 1975 in Bayern. Träumen Sie auf Bairisch oder auf Englisch?

Rowley: In beiden Sprachen. Aber ich zähle - zumindest, wenn es kompliziert wird - auf Englisch, damit ich nicht durcheinander komme. Die Engländer bringen die Zahlen glücklicherweise in die richtige Reihenfolge: Sie sagen "zwanzigvier" statt "vierundzwanzig". Wie man's halt schreibt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr liebster Abschiedsgruß?

Rowley: Servus sage ich nur zur Begrüßung guter Spezln. Das Wort ist inzwischen neudeutsch und schon bundesweit in Gebrauch. Thomas Gottschalk hat es vermutlich populär gemacht. Ich sage häufiger Pfia God oder Pfiat Eahna. Das können Sie übrigens schreiben, wie Sie wollen: Es gibt keine bayerische Rechtschreibung.

Das Interview führte Nadine Nöhmaier



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