Einsen für alle Kuschelnoten, Kuhhandel, Kumpanei

Dass deutsche Studenten massenhaft Traum-Zensuren abräumen, fuchst den Philologenverband. Prüflinge würden durchweg viel zu milde bewertet, wirft der Vorsitzende den Professoren vor und fordert, sie sollten nicht immer nur Einsen und Zweien vergeben.


Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, hat die zu gute Benotung von Studenten in Deutschland kritisiert. "An den Hochschulen verstärkt sich die Tendenz zu einer undifferenzierten massenweise Vergabe von Bestbenotungen", sagte Meidinger der Zeitung "Die Welt". Für Wirtschaft und Staat sei inzwischen kaum mehr ersichtlich, "was ein Student in seinem Studium wirklich geleistet hat".

Absolventen (in Bonn): Die meisten können sich über Top-Noten freuen
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Für diese Fehlentwicklung wesentlich verantwortlich machte Meidinger die Professoren. Immer öfter finde ein "Kuhhandel" statt: Die Lehrenden tauschten gute Abschlussnoten gegen gute Veranstaltungsbewertungen seitens der Studenten. Auch verhindere die teilweise enge Vertrautheit zwischen Professoren und Abschlusskandidaten ein Ausschöpfen der Notenskala. In anderen Fällen sei die personelle Überbelastung an den Hochschulen ein Problem. Die führe zu "sehr oberflächlichen und pauschalen Korrekturen der Abschlussarbeiten".

Meidinger forderte einheitliche Standards für deutsche Hochschulen, um dem Problem der Bestbenotung Herr zu werden. "Wir brauchen eine bundesweite Verständigung der Prüfer über die inhaltlichen und formalen Anforderungen zur Prüfungsbewertung", sagte er der "Welt".

Neu ist die Kritik an der Inflation der Top-Zensuren nicht, der Verbandsvorsitzende hat sie jetzt nur in besonders harscher Form geäußert. Der Deutsche Wissenschaftsrat wird noch im Frühjahr eine neue Studie zur Prüfungsbenotung an deutschen Hochschulen veröffentlichen. Dies kündigte ein Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE an. Ausgewertet werde der Abschlussjahrgang 2005. Eine vorangegangene Untersuchung im Jahr 2003 hatte gezeigt, dass die Professoren überwiegend mindestens gute Noten verteilen.

Jura streng, Biologie lasch

Die Fächerkulturen sind dabei sehr unterschiedlich - für Arbeitgeber ist das nur sehr schwer zu durchschauen. In den Rechtswissenschaften ist die Durchfallquote beim Staatsexamen hoch und die Bewertung besonders streng; eine Drei ist bereits eine ausgesprochen solide Zensur. In vielen anderen Fächern gilt eine Note unterhalb einer Zwei als echter Tiefschlag.

Examen "sehr gut": Massenweise Kuschelnoten
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Besonders hohe Durchschnittsnoten erhielten etwa Studenten der Biologie (1,3), Psychologie, Mathematik (je 1,4), Chemie (1,5) und Geschichte (1,6). Mit schlechteren Zensuren begnügen mussten sich dagegen Mediziner, Betriebs- und Volkswirtschaftler (je 2,4) und die Juristen (3,3).

Der Hang zur Traumnoten-Akrobatik ist keine deutsche Spezialität. Auch in Großbritannien und vor allem in den USA grassiert schon lange großes Unbehagen über die Einser-Inflation an manchen Universitäten. An der Elite-Hochschule Harvard beispielsweise kam es in den letzten Jahren zu einer kleinen Rebellion, weil ganze Jahrgänge mit Bestnoten verabschiedet wurden. Dort forderten einzelne Professoren differenziertere statt durchweg lasche Noten. Ihr Vorwurf: Mit solchen Top-Zensuren wolle die Hochschule sich bei Studenten und ihren Eltern beliebt machen, die schließlich horrende Studiengebühren zahlen.

tno

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