Eizellen von US-Studentinnen Smarte Blondinen bevorzugt

An US-Universitäten boomt das Geschäft mit Eizellen von Studentinnen. Je schlauer und attraktiver die Spenderin, desto höher der Preis. Edel-Helferinnen können bis zu 50.000 Dollar verdienen - das Geld überzeugt viele, doch die Risiken sind groß, für Spenderin wie Empfängerin.

Von David Goeßmann, Cambridge


Die Annonce war nicht gerade anspruchslos: "Suchen brünette Frau, jung, intelligent, athletisch, 1,77 Meter oder größer", außerdem mit Aufnahmetest-Ergebnissen von "mindestens 1400". In sechs US-College-Zeitungen von Harvard bis Stanford war die Anzeige der kalifornischen Eizellenspender-Agentur "A Perfect Match" geschaltet. Das Angebot, das sich dahinter verbirgt, ist verlockend. Bis zu 50.000 Dollar zahlen unfruchtbare Paare auf der Suche nach dem maßgeschneiderten Baby - für eine Eizellen-Spende.

Katrien Naessens, Biologie-Studentin an der Harvard University, schickte der Vermittlungsagentur ihre Bewerbungsunterlagen. Diese antwortete prompt, Kunden hätten Interesse an ihr. Da allerdings kamen Naessens Zweifel: "Mir wurde klar, dass ich einen Teil meines Körpers verkaufen würde, nur um zur Medical School zu gelangen. Ist das nicht Prostitution?" Sie sagte schließlich ab. Aber fast 30 andere Harvard-Studentinnen ließen sich überzeugen.

Der Markt für Eizellen boomt auf dem US-Campus. 38 Millionen Dollar gaben kinderlose US-Paare mit Fruchtbarkeitsproblemen im vergangenen Jahr für Eizellenspenden aus. Ein großer Teil des Geldes floss auf Konten von Studentinnen: Experten schätzen, dass sie drei Viertel der Spenderinnen stellen.

"Hoher SAT, blaue Augen, mittelhelle Haut"

Per Anzeige in Studentenzeitungen, an Schwarzen Brettern und im Internet wird um die Gene von jungen, gebildeten Frauen geworben. Der Kurs für die Akademikerinnen-DNA ist hoch: In einer Annonce im "Stanford Daily" werden 10.000 Dollar geboten für die Eizelle einer groß gewachsenen, 20 bis 26-jährigen Spenderin mit "hohem SAT (Aufnahmetest-Ergebnis), blauen Augen, mittelheller Haut, Nichtraucherin". Im "Columbia Spectator" werden einer hellhäutigen Studentin mit braunen Haaren 12.000 Dollar versprochen. Im "Harvard Crimson" bietet eine Agentur 35.000 Dollar für "eine wirklich außerordentliche Frau, attraktiv, athletisch, unter 29 Jahre, Nichtraucherin".

"Für eine Studentin sind das unvorstellbar hohe Geldsummen. Es ist wirklich sehr leicht, geködert zu werden", sagt Julia Derek. Auch sie interessierte sich sofort, als ihr klar wurde, dass das Eizellen-Geschäft ihren Nebenjob ersetzen könnte.

Als Studentin der George Mason University stieß Derek vor zehn Jahren auf ihre erste Anzeige. Elf weitere Spenden später hatte sie damit 50.000 Dollar verdient, ihr Postgraduierten-Studium finanziert und ein Buch geschrieben: "Confessions of a Serial Egg Donor" (Bekenntnisse einer Serien-Eizellenspenderin). Mittlerweile steht sie der Branche skeptisch gegenüber: "Es sollte die letzte Möglichkeit für Studentinnen sein, ihre Eizellen zu spenden", sagt Derek.

Der Campus ist ein günstiges Umfeld für den fragwürdigen Handel. Oft stecken Studentinnen wegen der hohen US-Studienkosten tief in Schulden. Das macht sie anfällig für die immer üppigeren Lockangebote. Vor 20 Jahren wurden 250 Dollar für eine Ovum-Spende bezahlt. Heute bieten einige Agenturen gar 25.000 bis 100.000 Dollar - Spitzenwerte für Elite-Studentinnen mit spezifischen Eigenschaften. Der Normalpreis liegt zwischen 5000 und 15.000 Dollar.

"Aufwandsentschädigung" für die Unannehmlichkeiten

Die Zahlungen werden als Dienstleistungen deklariert, "Aufwandsentschädigungen" für die Unannehmlichkeiten der medizinischen Prozedur. Ein Trick zur Umgehung des US-Gesetzes, das den Verkauf von Körperteilen verbietet.

Das Geschäft hat jedoch Schattenseiten - zum einen für die Empfängerinnen: Die teuren Eizellen führen in weniger als 40 Prozent der Behandlungen zur Lebendgeburt. Und sie transportieren möglicherweise gar nicht die gewünschten Charaktermerkmale. Zum anderen ist eine Eizellen-Spende für die Frauen eine langwierige und unangenehme Prozedur: Regelmäßig werden Hormone gespritzt, die den Menstruationszyklus manipulieren und die Eierstöcke stimulieren, bevor man die Eizellen unter Narkose entnimmt.

Dabei können Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Krämpfe auftreten. Auch Infektionen sind möglich. Das gefährliche "Ovarielle Hyperstimulationssyndrom" tritt in einem Prozent aller Behandlungen auf. Eine 22-jährige Stanford-Absolventin erlitt nach Einnahme der Medikamente einen massiven Schlaganfall, ausgelöst durch das abrupte Wachstum eines unentdeckten Tumors, stimuliert durch das Hormon. Die Folge: Calla Papademas erlitt einen Gehirnschaden und ist jetzt auf der linken Seite gelähmt.

Von solchen Risiken ist in den Anzeigen nichts zu lesen, auch nicht von körperlichen oder emotionalen Langzeiteffekten. Eizellen-Spenden seien in der Medizin relativ neu, Forschungen über die gesundheitlichen Folgen bislang kaum unternommen worden, sagt Gerry Koocher, Dekan der School for Health Studies am Simmons College in Boston.

"Wie der Wilde Westen"

Debora Spar, Harvard-Professorin und Autorin des Buchs "The Baby Business", fordert eine schärfere Regulierung des Marktes. "Es ist ein bisschen wie der Wilde Westen. Es gibt kein Gesetz, es gibt keine Einschränkungen, und die Leute können mit diesen Technologien frei herumexperimentieren, solange das Geld dafür da ist."

Zwar hat die American Society for Reproductive Medicine ethische Richtlinien festgesetzt. Die Bezahlung soll demnach 10.000 Dollar nicht überschreiten, die Spenderinnen sollten nicht jünger als 21 Jahre sein und nicht mehr als sechs Spenden in ihrem Leben abgeben dürfen. Doch diese freiwilligen Regeln haben kaum Einfluss auf das Eizellen-Geschäft. Nur in den US-Bundesstaaten Arizona und Kalifornien wird derzeit an entsprechenden Gesetzen gearbeitet. Das Geschäft ist einfach zu profitabel, als dass Gesetzgeber, Agenturen und Kliniken es einschränken wollten: Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde gaben im vergangenen Jahr sechs Millionen unfruchtbare Paare drei Milliarden Dollar für künstliche Befruchtungen aus. Im Jahr 2003 erhielten über 14.000 Frauen Fremd-Eizellen - dreimal so viele wie 1995. Längst gibt es eine Art Eizellen-Tourismus aus aller Welt in den US-Markt. Debora Spar spricht gar vom "globalen Basar".

Darlene Pinkerton von der Agentur "A Perfect Match", die sich auf den Spendermarkt an Eliteunis spezialisiert hat, lässt das nicht gelten. "Wir verkaufen keine Kinder", sagt sie. "Es ist nicht ein Sohn oder eine Tochter. Wir vermitteln genetisches Material, das die Möglichkeit zu Leben bietet. Aber es ist nicht das Leben."

Kritiker werfen ihr vor, dass ihre Suche nach intelligenten langbeinigen Blondinen einer Art Eugenik Vorschub leiste. Manche sprechen sogar von Nazi-Methoden. Rabbi Moshe Tendler, Professor für Bioethik an der Yeshiva-Universität in New York, zeigt sich vor allem darüber besorgt, dass Preise nach ethnischer Zugehörigkeit, Aussehen, Universitätsrang und Art des Studium ausgehandelt werden: "In der Dritten Welt prostituieren sich Frauen", sagt Tendler, "hier verkaufen sie ihre Eizellen, weil sie gute SAT-Scores haben."

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