Elite-Buch-Auszüge Schneller laufen als die langsamste Antilope

Elf Studenten formen das Wort Kreativität, ein Siemens-Manager spricht über "Minderleister" und den Mensch als Kostenblock, ein kluger Student sinniert über den Elitebegriff. Immer mittendrin: Julia Friedrichs - einige Auszüge aus ihrem Buch "Gestatten: Elite".


Edeka - Ende der Karriere
(Seminar an der European Business School in Oestrich-Winkel)

"Wir wollen", ruft er, "unsere Mitmenschen lenken, führen und begeistern." Sein Bauch wippt, Schweißtropfen rinnen ihm über die Wangen, verschwinden in seinem Vollbart. "Wir sind nimmermüde Garanten für Wachstum und Wohlstand." Ich sitze ganz hinten, neben ein paar Gaststudenten aus Indien. Ich überlege, ob es glaubhaft wäre, so zu tun, als spräche ich nur Hindi.

Der Mann vorn ist unser Rhetorikcoach. Er will uns beibringen, wie echte Führungskräfte zu sprechen. Elf Studenten stehen schon vorn. Sie haben weiße Laubsägearbeiten in der Hand, halten sie hoch, formen das Wort "Kreativität". Seit einer halben Stunde fürchte ich, auch ein I oder Ä zu werden. Denn die Studenten müssen nicht nur Buchstaben halten, sondern auch Sätze imitieren, die ihnen vorgesprochen werden: "Ich fühle mich wie ein Fels in der Brandung. Nichts haut mich um." Applaus. "Bietet dir das Leben eine Zitrone, mach Limonade daraus." Noch mehr Applaus. "Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist, ist ein König." Alle sollen klatschen.

Motivationsspielchen wie diese scheinen zum Standardprogramm zu gehören. Als wir mit McKinsey in Griechenland waren, wurde uns das Video eines Basketballspiels gezeigt. Wir sollten zählen, wie oft sich die zwei Teams den Ball zupassen. Währenddessen lief ein Gorilla durchs Bild. "Hat jemand einen Gorilla gesehen?", fragte der Coach. Viele hatten sich nur auf die Bälle konzentriert und den Affen verpasst. Sie seien zu leicht ablenkbar, lautete das Fazit, und damit fehle ihnen eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft. Leadership, lernten wir damals, is about seeing the gorilla. Ich überlege, ob ich mir ein Heft mit dem Titel "So werde ich ein Leader" anlegen sollte. Denn dann könnte ich heute bereits meinen zweiten merksatz eintragen. Unter "Ich muss den Gorilla sehen" könnte ich schreiben: "Ich muss andere zum Lachen bringen."

"Wir müssen", mahnt der Coach, "die seelische Lohntüte unserer Angestellten üppig füllen. Und wenn Sie nur die Bild-Zeitung lesen, auch die hat eine Schmunzelecke", sagt er, um uns sofort wohlartikuliert einen Witz zu erzählen: "Warum darf ein Polarforscher keine blaue Brille tragen? - Damit er die Eisbären nicht für Blaubären hält."

Ich schrumpfe weiter in meinem Sitz zusammen. Denn jetzt sollen wir noch einmal Motivationssätze wiederholen. Einer muss immer wieder sagen: "Ich schaffe es. Ich erreiche mein gesetztes Ziel." - "Wer seine Mitmenschen lenken, führen und begeistern will, braucht Rhetorik", sagt der Coach. Gut, dass er der Chef des ersten deutschen Rhetorik-Instituts ist und geeignete Kurse anbietet. Fünf Tage kosten 2450 Euro plus Mehrwertsteuer. Und wenn man sich weigert? Wenn man im Sitz verkrampft, statt eifrig Erbauungssätze zu deklamieren? "Dann", sagt der Coach, "heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere." So einfach ist das.

Verwirrt laufe ich über das Schlossgelände. Ich sehe eine Studentin in einem getigerten Designerkostüm, die sich die auf dem Campus aufgestellten Sportwagenmodelle anschaut. Neben mir gehen ein paar Erstsemester, die den Rhetorik-Vortrag extrem inspirierend fanden. "Und du?", wollen sie wissen. Ich mag nichts mehr sagen. Hinter uns auf dem Parkplatz knallt es plötzlich. Ein Student, der das Taxi für die VIPs fährt, ist mit dem gemieteten Rolls-Royce gegen einen Stehtisch gefahren.



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