Studentenleben in Beirut Der IS ist weit weg - ungefähr zwei Autostunden

Spanien? Italien? Laaangweilig! Livia Gerster, 25, ging für ihr Auslandssemester nach Beirut. In einem der derzeit gefährlichsten Länder lernte sie, wie man mit Angst vor Terror lebt - und feiert.

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"Der 'Islamische Staat' vor den Toren Beiruts?! Du kommst sofort nach Hause", sagt mein Vater, als er erfährt, dass die IS-Truppen nur noch zwei Autostunden von der libanesischen Hauptstadt entfernt sind. Ich lache und gehe abends wieder auf eine der vielen Strandpartys, wo die Anschläge der Islamisten nichts weiter sind als Push-Mitteilungen, die zwischen einem Bier und dem nächsten kurz auf dem Display aufleuchten.

In den Nahen Osten kann man ja eigentlich nicht mehr reisen, denken viele. Laut Auswärtigem Amt ist der Libanon eines der gefährlichsten Länder der Welt. Mit solchen Warnungen begann ich im Herbst 2014 mein Auslandssemester in Beirut. Seit ein paar Monaten bin ich zurück in Berlin, aber ich würde jederzeit wieder hinfahren, denn die Freunde, die ich dort fand, haben mich mit ihrer Angstlosigkeit angesteckt.

Tatsächlich vergeht kaum ein Tag, an dem ich im Fernsehen nichts von terroristischen Anschlägen, Geiselnahmen oder Schießereien im Libanon sehe. Mord und Tod. Doch wenn ich mich umdrehe und aus dem Fenster sehe, ist da: Eine Oase der Normalität. Und das, was die deutschen Nachrichtenzuschauer nicht sehen: Libanesen, die shoppen, sich verabreden, trinken, feiern, lachen - leben.

Livia Gerster (r.) mit Freunden in Beirut
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Livia Gerster (r.) mit Freunden in Beirut

Dabei wären sie leicht zu filmen, man müsste nur ins Szeneviertel Mar Mikhael gehen. Die jungen Leute, die man dort trifft, arbeiten meist für eine NGO oder sind Journalisten. Letztere sagen dem Libanon eine düstere Zukunft voraus: Das Land kollabiere bald unter den vielen syrischen Flüchtlingen. Während sunnitische Libanesen zunehmend mit dem IS sympathisierten, kämpfe die schiitische Hisbollah-Miliz in Syrien für Assad. Die konfessionellen Spannungen drohten das Land zu zerreißen.

"Ach was", witzeln dann die Hauptstädter bei Mojito und Zigarette, "in Beirut sind wir sicher. All die Sektenvorsteher, Scheichs und Patriarchen - al-Baghdadi hat doch keine Ahnung, wen er hier überhaupt stürzen soll!" Ein anderer wirft lachend ein: "Der IS weiß einfach nicht, wie er in Beirut einmarschieren soll, zu viel Verkehr."

Tatsächlich steht der Verkehr in Beirut immerzu. Ob ich es mit dem Sammeltaxi rechtzeitig durch den Stau zur Uni schaffe, ist jeden Tag aufs Neue ungewiss. Der Preishandel ist dabei meine morgendliche Arabischprüfung, manchmal wollen die Fahrer aber auch gar nicht handeln, sondern brausen einfach davon, sobald ich ihnen mein Ziel nenne: Viele christliche Taxifahrer verweigern die Tour in den muslimischen Südwesten der Stadt, wo die arabische Uni ist.

Beirut: "Da ist es gefährlich! Autobomben und Schießereien!"
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Beirut: "Da ist es gefährlich! Autobomben und Schießereien!"

Auch meine christlich-libanesischen Freunde würden nie einen Fuß in diese Gegend setzen: "Die arabische Uni?!", fragen diejenigen entsetzt, die gestern noch über den IS gelacht haben, "da ist es gefährlich! Autobomben und Schießereien!" Hinter ihrer zur Schau gestellten Unbekümmertheit verbergen sich eben doch Ängste, die sich offenbar besser beherrschen lassen, wenn man die eigene Stadt in Gut und Böse, in gefährlich und ungefährlich, einteilt.

Als ich mit mulmigem Gefühl das erste Mal den Campus betrete, wirkt alles normal, nur, dass die Blicke ausnahmslos aller Studenten auf mir haften. Denn die Westler in Beirut studieren an der amerikanischen oder der französischen Universität, wo der Creditpoint 800 Dollar kostet, und morgens die SUVs mit dunklen Fenstern vorfahren. Dass mich die EU mit dem Erasmus-Stipendium an die arabische Uni in ein ärmliches sunnitisches Viertel geschickt hatte, finden selbst meine Kommilitonen abwegig.

Im Büro für Internationales zeichnet mir die Uni-Koordinatorin eine Karte von Beirut auf: "Hier ist es völlig sicher", sagt sie und zeigt auf die Umgebung der Uni, "hier und dort darfst du aber unter keinen Umständen hin", fügt sie hinzu und kritzelt dabei so wild auf der Zeichnung herum, dass eigentlich nichts mehr vom restlichen Beirut übrigbleibt.

Hatten meine Freunde nicht genau auf die anderen Bezirke verwiesen? Die Beiruter sind sich nicht gerade einig darüber, wo es gefährlich ist. Die Perspektive, so lerne ich, hängt wohl von der Religion ab - und die Grenzen, die das ehemalige Bürgerkriegsbeirut in muslimisch und christlich teilten, sind in den Köpfen noch immer da.

Wickerpark-Festival in Beirut: Soll die Angst das Leben diktieren?
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Wickerpark-Festival in Beirut: Soll die Angst das Leben diktieren?

Und natürlich ist da auch ein Bewusstsein für die Gefahr, in der man lebt. Aber wie geht man damit um? Soll man sein Leben davon diktieren lassen? Nein. Deshalb die Partys. Deshalb die fröhliche Ausgelassenheit. Deshalb die trotzige Selbstbehauptung.

Deshalb auch der Tag, der hinterher auf Twitter als Sinnbild der Beiruter Dekadenz kritisiert wurde: Wir feiern im Beiruter Viertel Achrafieh ein Straßenfest, während sich im hundert Kilometer entfernten Tripoli Armee und Dschihadisten schwere Gefechte liefern. Cocktails hier, Tote dort. Die einzige Gemeinsamkeit: Hier wie dort sind auffallend viele Vollbärte zu sehen. Die Salafisten tragen sie zur AK-47, die Beiruter Hipster zu Röhrenjeans. Dort die Religionskrieger, hier die junge starke Zivilgesellschaft, die sich ihr Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben nicht nehmen lässt.

"Aire fi Daesch!" schreit der offen schwule Leadsänger der vielgefeierten Rock-Band "Mashrou' Leila" derweil auf seinem Konzert ins Mikrophon. Das heißt so viel wie: "Fuck IS." Wir lachen und applaudieren.



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