Geplänkel im Ausland Das Liebesstipendium

Im Erasmus-Jahr bleibt es oft nicht nur bei der Völkerfreundschaft. Vier Paare erzählen, wie sie mit dem Stipendium ihre grenzenlose Liebe fanden - und wie danach die Fernbeziehung lief.

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Ausland, Sonne, Party ohne Ende: Das Erasmus-Programm der EU hat bei Studenten einen ziemlich guten Ruf. Nicht nur, weil Untersuchungen den Erasmus-Teilnehmern mehr Selbstvertrauen und später eine geringere Arbeitslosigkeit bescheinigen - sondern vor allem auch wegen der vielen und manchmal sehr intensiven Kontakte zu anderen Studenten aus Europa.

"Es gibt eine Million Erasmus-Babys", hatte die damalige EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou im vergangenen Jahr stolz verkündet. Eine neue Studie bestätigt den hohen Flirt-Faktor: Jeder vierte Erasmus-Student hat im Auslandssemester auch eine neue Liebe gefunden. Das ergab eine Online-Umfrage in 34 europäischen Ländern, Antworten von mehr als 75.000 Studenten und Absolventen flossen ein.

Dabei war es für viele Studenten nicht ganz einfach, die Beziehung auch nach dem Auslandssemester über große Distanz aufrecht zu erhalten. Vier Paare, die sich über Erasmus kennengelernt haben, erzählen, wie sie das trotzdem hinbekommen haben - und wie es mit der Liebe weiterging.

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Dani und Nicola: Von Istanbul nach Berlin

Nicola Strehle war noch nie in Istanbul, als sie 2012 beschloss, ihr Erasmus-Semester in der Stadt am Bosporus zu machen. Dort lernte sie vor drei Jahren ihren Freund kennen, den 27-jährigen Studenten Dani Arbid. Der gebürtige Engländer ist im Libanon verwurzelt, hat in Beirut Politikwissenschaften studiert und in New York gearbeitet. Kennengelernt hat sich das Paar im Techno-Klub. "Ich wollte nie zu den Erasmus-Partys der Universität. Mir waren Klubs, in denen sich auch Einheimische tummeln, lieber. Dani ging es genauso", sagt die 25-jährige Psychologiestudentin.

Obwohl es bereits in Istanbul gefunkt hatte, wurden die beiden erst danach ein richtiges Paar. Die Zeit dazwischen überbrückten Nicola und Dani nicht mit Facebook oder Skype, sondern mit langen Briefen per E-Mail. Mittlerweile wohnen die beiden gemeinsam in Berlin. Der Schritt machte aus dem Erasmus-Flirt eine stabile Beziehung.

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Thomas und Isabelle: Es funkte vor dem Aufzug

Für Thomas Gruttmann war es Liebe auf den ersten Blick, als er seine Frau Isabelle 1991 vor dem Aufzug im Studentenwohnheim sah. Die damals 20-jährige Erasmus-Studentin kam aus Marseille nach Köln. "Wir wohnten im selben Haus und trafen uns immer wieder zufällig in den Gemeinschaftsräumen", erzählt Gruttmann, der Versicherungswesen an der Fachhochschule studierte. Doch so richtig nah seien sie sich erst gekommen, als es 1992 in Köln ein Erdbeben gab. "Danach hatten wir uns richtig was zu erzählen", erinnert sich der 51-Jährige. Beide wollten der Beziehung eine Chance geben und hielten den Kontakt nach der Abreise aufrecht.

Der einzige Kommunikationsweg neben mehreren Besuchen war das Telefon. Das Resultat: üppige Rechnungen. "Knapp tausend Mark haben mich die mehrstündigen Gespräche ins Ausland pro Monat gekostet." Doch es habe sich gelohnt. Nach ihrem Abschluss zog die jetzt 41-Jährige schließlich nach Köln. 2001 folgte die Hochzeit. Mittlerweile haben Isabelle und Thomas zwei Kinder. Die größte Hürde während der vergangenen Jahre sei nicht die Entfernung gewesen, sondern anfangs die Sprache. "Damals waren Familientreffen besonders interessant - da wurde manchmal auch mit Händen und Füßen kommuniziert", erzählt Thomas. Wichtig sei, viel miteinander zu reden und zu akzeptieren, dass der Partner durch seine kulturelle Prägung manches anders macht und sieht als man selbst.

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Sabine und Piotr: 15 Quadratmeter schweißten zusammen

Die Psychologiestudentin Sabine Lenz lernte ihren Freund Piotr Milobedzki auf einer Erasmus-Party in Warschau kennen. Der Informatikstudent kümmerte sich an diesem Abend um die Party-Fotos. Sein Lieblingsmotiv: die deutsche Studentin. "Wir haben uns gesehen und auf Anhieb gemocht", sagt Sabine. Die beiden tauschten Nummern aus und blieben während ihrer Zeit in Polen in engem Kontakt. "Als ich wieder zurück an meine Heimatuni musste, wollte ich nichts erzwingen. Ich habe es einfach auf mich zukommen lassen", erzählt Sabine.

Zwei Monate lang kommunizierten die beiden per Facebook und Skype. "Wenn man aus verschiedenen Welten kommt und sich auf eine Fernbeziehung einlässt, sollte man so viel wie möglich über die andere Kultur lernen", rät Sabine. Nur so könne man dann später zusammenbleiben. Piotr studierte dann bei ihr in Maastricht weiter. "Wir haben erst mal drei Monate auf 15 Quadratmetern gewohnt, bis er eine eigene Wohnung hatte. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt", erzählt die 26-Jährige. Nach dem Studium ist das Erasmus-Paar nach Bonn gezogen - ihr Heimatort. Noch heute fragt sich die Psychologin, wie aus dem Erasmus-Flirt die große Liebe geworden ist. Doch ihre Eltern hätten es von Anfang an gewusst. "Nachdem ich von Piotr ganz unbefangen erzählt habe, sagte meine Mutter nur: Jetzt ist es passiert."

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Sam und Jule: Auf dem englisch-deutschen Tandem

Die Kölner Studentin Jule wollte ihre Englischkenntnisse verbessern. Der Erasmus-Student Sam aus Warwick suchte Nachhilfe in Deutsch. Bei einer Tandem-Facebook-Gruppe lernte sich das Paar schließlich kennen. Die beiden trafen sich regelmäßig, um zu plaudern - mal auf Englisch und mal auf Deutsch. Aus den Zwecktreffen wurden nach ein paar Wochen Dates, aus der Freundschaft wurde Liebe. "Obwohl wir erst wenige Monate zusammen sind, waren wir schon im Urlaub in Thailand und haben uns super verstanden", erzählt Jule.

Die 20-Jährige studiert Erziehungswissenschaften und wird bald auch für ein Erasmus-Semester nach Uppsala in Schweden gehen. Sam muss bald wieder aus Köln zurück nach Warwick. Vorerst. Denn an der neuen Liebe wollen die beiden festhalten. "Wenn man sich um einander bemüht, klappt die Beziehung trotz Entfernung." Davon ist Jule überzeugt. Einen Plan gibt es auch schon. "Sam ist in neun Monaten mit seinem Germanistikstudium fertig - dann will er zu mir nach Deutschland ziehen", sagt Jule.

him / dpa

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Seite 1
Rainer Helmbrecht 05.07.2015
1.
Nachdem ich das Thema gelesen hatte, dachte ich, dass das Forum explodiert, besonders in einer Zeit, in der Reisen, ganz normal ist. Aber entweder betrifft es weniger Menschen, als ich vermutete, oder die sind nicht so mitteilungsfreudig, wie ich nach Erfindung des Fratzenbuchs vermutet habe. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Erlebnisse enttäuschend waren, was mir leid täte. Ich lebte lang in Fr. aber ich war dort mit meiner Frau zusammen. Da meine Frau und ich treu waren, habe ich es immer als Mangel empfunden, dass mir zu diesem Thema der Wortschatz völlig fehlt. Jetzt habe ich gedacht, ich kann hier vom SpOn profitieren, aber nix da, tote Hose;-0). MfG. Rainer
sebastian.teichert 05.07.2015
2. Mhh
Also nach meinen Erfahrungen kann man sich ein Jahr Austausch sowieso sparen. Das ist so schnell rum und Menschen werden sich die auf dem gleichen Level treffen wie wenn du fest hinziehst. Und dieser ganze Fernbedienungskram ist es einfach nicht wert. Würd ich nie wieder machen. Und hinterher ziehen ist das dümmste. 50:50 es klappt nicht und der eine macht dem anderen Vorwürfe und der andere fühlt sich gezwungen sich weiter um die Person zu kümmern.
EvaBaum 05.07.2015
3. Orgasmus- Programm auf Kosten der Steuerzahler
Hab im Studentenwohnheim diese Party- Studenten selbst jahrelang ertragen müssen. Nur selten kommt dabei was wirklich gutes raus, fragen Sie doch Amanda Knox und deren ehemaligen Mitbewohner, ob sich die ganze Sache gelohnt hat?
davornestehtneampel 05.07.2015
4.
Zitat von EvaBaumHab im Studentenwohnheim diese Party- Studenten selbst jahrelang ertragen müssen. Nur selten kommt dabei was wirklich gutes raus, fragen Sie doch Amanda Knox und deren ehemaligen Mitbewohner, ob sich die ganze Sache gelohnt hat?
Wenn dadurch nur ein Einziger lernt, dass man mit Fremden besser feiert, statt auf sie zu schiessen, ist das Geld gut angelegt.
Avantime2000 05.07.2015
5.
Zitat von EvaBaumHab im Studentenwohnheim diese Party- Studenten selbst jahrelang ertragen müssen. Nur selten kommt dabei was wirklich gutes raus, fragen Sie doch Amanda Knox und deren ehemaligen Mitbewohner, ob sich die ganze Sache gelohnt hat?
Frust. Warum gehen Sie nicht selbst ein Jahr ins Ausland? Ein bischen Spass im Leben kann nicht schaden.
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