Student erforscht eigene Gene "Das ist ja kein Todesurteil"

Biologiestudent Bastian Greshake, 27, traute sich etwas, was vielen Angst macht: Er ließ sein Erbgut auf Gesundheitsrisiken untersuchen. Jetzt weiß er, dass ihm eine potentiell tödliche Krankheit droht. Im Interview verrät er, warum er das trotzdem nicht schlimm findet.


UniSPIEGEL: Sie wissen, dass Sie möglicherweise irgendwann an Prostatakrebs erkranken. Wie geht es Ihnen heute?

Greshake: Gut! Da mache ich mir keine großen Sorgen. Ich kenne jetzt eben meine Risiken sehr genau: Mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit kriege ich mit 50 Prostatakrebs. Darauf kann ich reagieren, indem ich die Vorsorgeuntersuchungen entsprechend ernst nehme. Dann würde die Krankheit früh entdeckt und behandelt werden.

UniSPIEGEL: Verfolgt Sie jetzt nicht dauernd der Gedanke: "Ich krieg Krebs, ich krieg Krebs"?

Greshake: Nein, gar nicht. Das ist ja kein absolutes Todesurteil in meiner DNA, sondern nur ein erhöhtes Risiko. Etwa doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung. Ich finde das nicht so schlimm, weil die Krankheit gut zu behandeln ist. Problematischer wird's bei Diagnosen wie Alzheimer oder Parkinson. Die sind unheilbar.

UniSPIEGEL: Das hätte bei Ihnen aber auch herauskommen können. Was hätten Sie dann gemacht?

Greshake: Das ist eine schwierige Frage. Ich vermute, ich hätte mich erst einmal nach Vorsorgemaßnahmen erkundigt. Wie kann ich meinen Lebenswandel anpassen, um beispielsweise Alzheimer vorzubeugen? Vielleicht würde ich an Studien teilnehmen, um die Forschung voranzubringen. Und ich würde mir immer wieder sagen, dass ich die Krankheit ja nicht wirklich bekommen muss. Im Fall von Alzheimer kann man aus den Genen im schlimmsten Fall ein Risiko von 14 Prozent herauslesen, das ist doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung.

UniSPIEGEL: Ihr Portal verspricht vor allem "Hilfestellung beim Umgang mit Testergebnissen". Schicken Sie bei schlimmen Diagnosen einen professionellen Tröster?

Greshake: Nein, wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Bei uns kann man umsonst seine DNA-Ergebnisse und Prognosen noch einmal wissenschaftlich abgleichen...

UniSPIEGEL: ...sehr tröstlich.

Greshake: Außerdem können sich die Betroffenen untereinander austauschen. Neulich gab's zum Beispiel eine Diskussion über die besten Sportarten gegen Fettleibigkeit - von Leuten, die aufgrund ihrer Gene mal richtig dick werden könnten.

UniSPIEGEL: Sie haben Ihr Erbgut auf "openSNP" nun für jedermann zugänglich gemacht. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Krankenversicherung darin herumschnüffelt und Ihnen dann bestimmte Leistungen verweigert?

Greshake: In Deutschland verbietet das Gendiagnostik-Gesetz, dass man wegen seines Genmaterials diskriminiert wird, egal ob bei der Versicherung oder im Job. Bislang ist die Methode auch noch viel zu ungenau, um für Versicherungen interessant zu sein. Aber in Zukunft besteht schon die Gefahr, dass genau die Leute mit dem höchsten Krankheitsrisiko ohne Versicherung dastehen, gerade in Ländern ohne Versicherungspflicht wie in den USA.

UniSPIEGEL: Dann müssten Sie doch eigentlich den Leuten abraten, ihr Erbgut analysieren zu lassen!

Greshake: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte sich vorher halt gut überlegen, ob man eine negative Diagnose verdrängen oder produktiv mit ihr umgehen kann, zur Not auch mit einem Arzt oder einem "genetic counselor". Das ist eine Art Gen-Berater, der den Leuten in amerikanischen Krankenhäusern die Ergebnisse ihrer Gentests beibringt.

UniSPIEGEL: Und der sagt dann einer 20-jährigen Studentin auf ganz besonders einfühlsame Weise: "Sorry, mit 50 sind Sie tot"?

Greshake: So ein Fall ist mir nicht bekannt. Derart präzise Aussagen können DNA-Untersuchungen gar nicht treffen.

UniSPIEGEL: Wie aufgeregt waren Sie, als Sie Ihr Ergebnis aus dem Rechner zogen?

Greshake: Ziemlich aufgeregt. Das ist ja Forschung am eigenen Körper. Ich wollte meine Rohdaten haben, um daraus selber Rückschlüsse zu ziehen. Zum Beispiel auch auf die Krankheitsrisiken meiner Eltern. Die ergaben, dass auch mein Vater ein erhöhtes Prostatakrebsrisiko hat. Er ist sofort zur Vorsorge gegangen, und die Ärzte haben tatsächlich einen kleinen Tumor gefunden. In ein paar Wochen wird er operiert.

Das Interview führte Carolin Wahnbaeck



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herkurius 08.05.2012
1. optional
*Lach* Wir werden hilflos und brüllend geboren, sterben früher oder später und verfaulen, und vorher wrid die überwiegende Mehrheit ziemlich blöde, und es gibt einen Haufen Rechnungen für Zahnersatz. Was soll mich da eine dämliche Genetikuntersuchung noch schrecken? Leben ist 365 x ca. 80 Jahre, Tod ist, einen Tag davon in Ärger oder Verzweiflung zu verschwenden.
wadoe2 08.05.2012
2. Einfach nur idiotisch!
In den Aufnahmebedingungen der privaten Krankenversicherungen stehen Fragen, die eine Herausgabe solcher Erkenntnisse unabdingbar machen. Kommt es zu Komplikationen und findet die Versicherung heraus, dass er geschummelt hat, verliert er seinen Versicherungsschutz. Bevor die vielleicht Millionen an Pflegegeldern bezahlen, werden die jedem Gerücht nachgehen. Und stellen die etwas fest, zahlen die einfach nicht. Dann kann sich der Patient ja in einem Jahrelangen Rechtsstreit mit der Kasse anlegen. Selbst wenn die wissen, dass sie letztendlich verlieren, sie werden nicht zahlen. Dann kann der Patient sich ja in der Selbsthilfegruppe ausweinen. So einfach ist das. Darüber hinaus können Krankheiten festgestellt werden, die erstens zu 100 Prozent eintreten und zweitens zu einhundert Prozent tödlich verlaufen. Welcher Dummkopf will schon wissen, dass er in 15 Jahren im Rollstuhl sitzt, obwohl die nächsten 10 Jahre sehr wahrscheinlich beschwerdefrei sind? Der kleine Student hat aber ein wirtschaftliches Interesse an der Sache. Daher findet er jeden Blödsinn gut, der ihm mehr Geld einbringt.
felisconcolor 08.05.2012
3. Mittlerweile ist doch
Zitat von wadoe2In den Aufnahmebedingungen der privaten Krankenversicherungen stehen Fragen, die eine Herausgabe solcher Erkenntnisse unabdingbar machen. Kommt es zu Komplikationen und findet die Versicherung heraus, dass er geschummelt hat, verliert er seinen Versicherungsschutz. Bevor die vielleicht Millionen an Pflegegeldern bezahlen, werden die jedem Gerücht nachgehen. Und stellen die etwas fest, zahlen die einfach nicht. Dann kann sich der Patient ja in einem Jahrelangen Rechtsstreit mit der Kasse anlegen. Selbst wenn die wissen, dass sie letztendlich verlieren, sie werden nicht zahlen. Dann kann der Patient sich ja in der Selbsthilfegruppe ausweinen. So einfach ist das. Darüber hinaus können Krankheiten festgestellt werden, die erstens zu 100 Prozent eintreten und zweitens zu einhundert Prozent tödlich verlaufen. Welcher Dummkopf will schon wissen, dass er in 15 Jahren im Rollstuhl sitzt, obwohl die nächsten 10 Jahre sehr wahrscheinlich beschwerdefrei sind? Der kleine Student hat aber ein wirtschaftliches Interesse an der Sache. Daher findet er jeden Blödsinn gut, der ihm mehr Geld einbringt.
bekannt das jeder eine gewisse Anzahl Bugs in seinem Quellcode trägt. Wahrscheinlichkeiten hin oder her. Ich denke mal die Versicherung die sich auf solch windige Sachen einlässt sollte sich eine gute Rechtsabteilung zulegen. Ach ja und die Schreibtische am Boden fest dübeln. Sonst kommen irgendwann mal Kunden mit Jungs in schwarzen Rollkragenpullis.
SirJazz 08.05.2012
4. optional
Wo kann ich einen solchen Test machen lassen? Ich will das auch! Quellen bitte SPON!
Gimlee 08.05.2012
5.
@4 Links steht als Quelle der Link zur Webseite der Programmierer. Dort finden Sie alle nötigen Hinweise für Ihre Genomsequenzierung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 2/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.