Erstes Handy-Orchester der Welt Handy hoch!

"Jetzt die Handys einschalten!" ruft der Dirigent des "Ensemble Drumming Hands" zu Beginn jedes Konzertes. Mit Hightech-Anspruch spielen die Würzburger Uni-Musiker Handys statt Händel - und sind bestens aufgelegt bei ihrer musikalischen Piep-Show.

Von Nadine Nöhmaier


Handy-Orchester: Zum Piepen

Handy-Orchester: Zum Piepen

Würzburg, in einem Konzertsaal der Julius-Maximilians-Universität. Zehn Musiker in schwarz-weißem Zwirn schlagen, schrubben und schütteln Percussions-Instrumente wie Bongos, Rasseln, Djemben, Rainmaker, Oceandrums und wie sie alle heißen. Ihre Töne hüllen das Publikum in eine wohlige Klangdecke. Plötzlich ziehen zwei der Musiker ihre Handys aus der Tasche, um damit den Ton anzugeben. Bei denen piept's wohl? Und wie! Und es klingt wohltemperiert.


"Wir sind das erste Handy-Orchester der Welt", erklärt der 52-jährige Dirigent Bernd Kremling, Musikpädagoge an der Würzburger Uni, und rückt sich stolz die Designerbrille zurecht. Kremling spielte bereits an der Seite von Musik-Größen wie Bernstein und Boulez. Sechs Monate lang hat er an der Symphonie für sein "Ensemble Drumming Hands" geschrieben. Es entstand das Orchesterwerk "Von der Hand zum Handy", das die Geschichte der Kommunikation erzählt. In den Hauptrollen: 30 blaue Mobiltelefone.

Wie weiland Familie Feuerstein

"Wichtig beim Komponieren war mir, dass das Handy neben den Percussion-Instrumenten nicht wie ein Fremdkörper klingt, sondern mit diesen harmoniert", sagt Kremling, der die 1200 Euro-Rechnung für die 30 Handy-Jahresverträge aus eigener Tasche zahlt. Dass sich Mozart im Grabe umdrehen würde, könnte er sein Werk auf Mobiltelefonen hören, glaubt der Percussions-Profi mit dem grauen Kräuselhaar nicht: "Der war immer neugierig auf Neues."

Bei der Ouvertüre von Kremlings musikalischer Piep-Show werden die Hände und Füße der Musiker zu Ur-Instrumenten - es wird geklatscht, gepatscht, gestampft und geschuhplattelt; die Musiker verständigen sich untereinander wie weiland Familie Feuerstein.

Mit der Zeit entdecken sie Steine und Äste und schließlich Trommeln und andere Percussion-Instrumente, mit denen sie durch Klopfen und Schlagen auf das nach und nach einsetzende Handy-Gebimmel reagieren und es in anderer Form variieren.

"Diese Telefon-Dinger gingen überall los"

Neben Piep-Tönen düdelt dabei auch "Old MacDonald Had A Farm", Bachs "Wohltemperiertes Klavier" oder Mozarts "Sonate in A-Dur" aus den Mobiltelefonen - allesamt Standard-Handy-Melodien, die die Musiker per Knopfdruck oder Anruf punktgenau abrufen. Das Ganze schwillt zu einem finalen Crescendo von Handytönen an und endet in einem Klingelstakkato endet: Das Hier und Heute der Kommunikation ist erreicht.

Vieltelefonierer bei der Arbeit: "Mein Handy ist wie ein zweiter Freund"

Vieltelefonierer bei der Arbeit: "Mein Handy ist wie ein zweiter Freund"

Auf die Idee zum orchestralen Handy-Geläute kam der Würzburger Konzeptkünstler Akimo - und zwar im Supermarkt: "Dort gingen diese Telefon-Dinger überall los, und wirklich jeder hatte sich genervt nach ihnen umgedreht", sagt er. "Ich überlegte, ob man das Klingeln auch als angenehm empfinden könne, wenn man es anderswo hören würde - zum Beispiel in stimmiger Musik eingebettet."

Der 48-Jährige ist übrigens einer der wenigen im Würzburger Konzertsaal, aus dessen Tasche kein Mobiltelefon lugt: "Den Luxus, dieses Geläute nicht ständig in den Gehörgängen zu haben, gönne ich mir."

Instrument mit Handycap

Ganz anders die Ensemblemitglieder, allesamt Profimusiker aus Kremlings Uni-Seminaren, die ihre Telefone voll und ganz als Instrumente akzeptiert haben: "Für mich ist das Handy zum Musikmachen ebenso wichtig wie meine Drumsticks", sagt die 24-jährige Monika Emmert, Musikpädagogik-Studentin und Vollblut-Schlagzeugerin. Auch privat schwört sie auf ihr neues Instrument: "Mein Handy begleitet mich ständig", sagt sie und klopft zur Bestätigung auf ihre Hosentasche. "Es ist wie ein zweiter Freund."

Allerdings ein Freund mit Handicap: Bei einem Auftritt im Konzertsaal der Bayreuther Uni steckten die Drumming Hands kürzlich in einem E-Plus-Funkloch; allein durch den Einsatz ihrer Privat-Handys mit D1-Vertrag konnten sie ihren Gig retten.

Ihrem Publikum haben die mobilen Musiker während ihrer Konzerte übrigens Klingel-Verbot erteilt. Nur bei der Zugabe dürfen die Zuschauer-Geräte lauthals mitpiepen: "Dann hört man, dass zwar jeder mit seinem Handy telefonieren, aber kaum einer damit musizieren kann", sagt Akimo und verdreht die Augen. Dem begeisterten Publikum allerdings scheint das piepegal zu sein.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.