Erstsemester über 30 "Ich hab das Gefühl, ich bin verliebt"

Von Anne-Kathrin Gerstlauer

6. Teil: Tanja Hollensteiner, 32: "Ich werde später weniger verdienen"


Tanja Hollensteiner, 32, arbeitete als Bürokauffrau und studiert jetzt Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Anne-Kathrin Gerstlauer

Tanja Hollensteiner, 32, arbeitete als Bürokauffrau und studiert jetzt Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

"Ich möchte nicht mein Leben lang als Sekretärin arbeiten, da geht noch mehr. Und dann hab ich mir gedacht, dieses Studium gönne ich mir jetzt mal für mich selbst. Der NC bei Psychologie liegt bei 1,3, da hab ich Respekt vor den jüngeren Studenten. Hoffentlich pack ich das. Im ersten Semester wäre es für mich auch okay, eine Drei oder Vier zu schreiben, aber danach sollte es besser werden. Vor zehn Jahren war das noch anders, da war vielleicht ein Zweier-Schnitt gut genug.

Heute gilt das nicht mehr, die Master-Plätze sind begrenzt, und der Druck geht schon ganz am Anfang los. Ich hab das Gefühl, ich bin aus einer Mühle raus und gleich in der nächsten. Trotzdem werde ich glücklicher sein. Früher war ich fremdbestimmt, mein Chef hat gesagt, mach dieses, mach jenes. Jetzt bestimme ich, wie schnell die Mühle läuft.

Fotostrecke

7  Bilder
Zu wenig Master-Plätze: Zwangspause nach dem Bachelor

Später würde ich gerne beim Jugendamt arbeiten, als Schulpsychologin oder bei einer Beratungsstelle wie Pro Familia. Im Job fange ich wieder bei null an, da werde ich weniger verdienen als vorher. Momentan lebe ich vom Ersparten. Gestern Abend waren wir einen trinken, das kostet zehn, zwölf Euro. Danach hatte ich Lust auf Pommes, hab mir aber stattdessen zu Hause ein Butterbrot geschmiert. Irgendwie ist dieses neue Bewusstsein auch schön, sich zu fragen: Brauch ich das wirklich?"

insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
the.queen.of.mean 29.10.2013
1. lebenslanges Lernen
Angeblich gehört den a-typischen Lebensläufen die Zukunft. Ich habe mit 27 angefangen zu studieren. Da fühlt man sich dann mit 30 so kurz vor dem Abschluss auch als Opa an der Uni. Dennoch kann ich das jedem empfehlen. Der Mikrokosmos Universität kann wirklich viel Freude machen, wenn man ein Studium beginnt, das den eigenen Fähigkeiten und Interessen entspricht.
wwwwalter 29.10.2013
2. lebenslanges Lernen ja, aber bitte keine Prüfungen mehr !
Zitat von the.queen.of.meanAngeblich gehört den a-typischen Lebensläufen die Zukunft. Ich habe mit 27 angefangen zu studieren. Da fühlt man sich dann mit 30 so kurz vor dem Abschluss auch als Opa an der Uni. Dennoch kann ich das jedem empfehlen. Der Mikrokosmos Universität kann wirklich viel Freude machen, wenn man ein Studium beginnt, das den eigenen Fähigkeiten und Interessen entspricht.
Wenn man es durchhält und am Ende schafft, ist das schön und bewundernswert. Ich kenne allerdings viele, die es nur versucht haben mit dem Studium, und ganz schnell wieder zurück an ihren füheren Arbeitsplatz gegangen sind. Ein Studium reicht mir. Irgendwann mal hat man so viele Prüfungssituationen mit allem damit verbundenem Stress hinter sich, das man sich so etwas nie mehr antun möchte. Als Gasthörer gerne - lebenslanges Lernen ja, aber Prüfungen bitte nie wieder !
Micken 29.10.2013
3. Umwege erhöhen die Ortskenntnis
Bei steigender Lebenserwartung, späteren Renteneintrittsalter und Fachkräftemangel, warum sollten dann Menschen über 30 Jahren nicht studieren?! Ich finde es gut wenn an den Unis und Hochschulen jüngere und ältere Menschen gemeinsam studieren und bestenfalls voneinander lernen können. Von der Politik wird dies zwar nicht geünscht, siehe BAföG, PKV etc. aber ob ein stures Festhalten an "Turbo-Abi", immer mehr in weniger Zeit, der richtige Weg ist, ist fraglich.
Dengar 29.10.2013
4.
Ich hab auch erst mit 26 mein Studium aufgenommen. Es gab anfänglich sogar Kommilitonen, die mich gesietzt hatten, bis sie begriffen, dass ich kein Mitarbeiter, sondern Student war:-) Ich war sieben Jahre raus aus der Schule, und bei einem Ingenieursstudium ist das besonders hart, sich wieder einzufuchsen, aber ich hab's nie bereut, im Gegenteil. Mein Vorteil war, dass ich elternunabhängiges BaFög bekam (wegen fünfjähriger Berufstätigkeit) und auch in den Semesterferien in meinem alten Job weiterarbeiten konnte. Finanziell wäre es sonst hart gewesen.
blackpride 29.10.2013
5. Beautiful!
Ich war zwar noch recht weit diesseits der 30 als ich angefangen habe zu studieren, aber auch ich habe vorher eine Ausbildung gemacht und knapp drei Jahre lang gearbeitet. Insofern kann ich alles nachvollziehen. Bei mir war der Auslöser nämlich auch, dass ich dachte, das kann doch nicht alles gewesen sein. Es war immer mein Traum zu studieren, in Vorlesungen zu gehen, in der Bib zu sitzen und einfach das Leben als Student zu genießen. Ich habe es niemals bereut, meine Arbeit aufzugeben, um zu studieren, denn wenn ich vergleiche wo ich heute bin, was ich heute mache und was ich damals gemacht habe, kann ich nur schließen: Ich habe alles richtig gemacht! Einen Vorteil hat das Studium nach Ausbildung und Arbeit: Man studiert nicht einfach nur so. Man hat eine Arbeit aufgegeben für sein Studium und daher ist man vom ersten Tag Feuer und Flamme. Und so wie die erste Studentin berichtet hat war es auch bei mir: Es war wie frisch verliebt! @Kommentar1: Exakt! Mikrokosmus Uni, sehr schön ausgedrückt. Ich möchte diese Zeit nicht mehr missen; es ist aber auch schön, endlich wieder Geld zu verdienen ;) Ich wünsche allen Studenten viel Erfolg im Studium und natürlich viel Spaß im Studentenleben. Ihr habt euren Kommilitonen eine ganze Menge an Lebens- und Berufserfahrung voraus. Ihr müsst euer Licht nicht unter irgendeinen Scheffel stellen!!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.