ETH in Zürich Weitere Mobbingvorwürfe belasten Schweizer Hochschule

An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich soll eine Professorin jahrelang Studenten gemobbt haben. Offenbar kein Einzelfall - jetzt werden Vorwürfe gegen einen Maschinenbau-Professor laut.

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Die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich macht auf ihrer Homepage Werbung für "ein Klima, das zu Spitzenleistungen inspiriert". Die Uni informiert darüber, dass sie 21 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, darunter Albert Einstein, und

dass es von ETH-Mitgliedern 90 Patentanmeldungen pro Jahr gebe.

Eine beeindruckende Bilanz. Doch im vergangenen Jahr wurde der gute Ruf der ETH Zürich beschädigt: Eine Professorin soll jahrelang Studenten gemobbt und schikaniert haben. Die "NZZ am Sonntag" hatte den Fall im Oktober öffentlich gemacht. Und nun gibt es neue Mobbingvorwürfe, wie der "Tagesanzeiger" berichtet.

Demnach darf ein Maschinenbau-Professor wegen "gravierender Mängel in Führungskompetenz" keine Doktoranden mehr betreuen. "Wir hatten in den letzten Monaten teilweise unhaltbare Zustände", sagte ein Doktorand der Zeitung. Der Professor soll die Doktoranden beleidigt und ihnen ein übermäßiges Arbeitspensum aufgedrängt haben. Laut "Tagesanzeiger" gebe es in zwei weiteren Fällen Administrativuntersuchungen.

"Das Problem ist systembedingt"

ETH-Prorektor Antonio Togni bestätigte dem SPIEGEL, dass es Fälle von Fehlverhalten in der Betreuung gab. "Das Problem ist systembedingt", sagt er. "Alle stehen unter dem Druck zu publizieren, um die Reputation hochzuhalten." Diesen Druck würden die Professoren an die Doktoranden und Postdocs weitergeben.

Eine im April veröffentlichte Umfrage der Mittelbauvertretung AVETH, an der sich 1597 der mehr als 4000 Doktoranden beteiligten, bestätigt dies: Knapp ein Viertel (24 Prozent) von ihnen hat das Gefühl, ihr Professor habe bereits einmal seine Machtposition missbraucht. Die Doktoranden klagten etwa über lange Arbeitszeiten, Wochenendarbeit, Lohn als Druckmittel und respektlosen Umgang.

Am schlechtesten schnitt der Ableger der ETH in Basel ab, dort ist das Department für Biosysteme ansässig. 43 Prozent der Doktoranden gaben an, hier einen Machtmissbrauch erlebt zu haben. Sie wünschen sich, fairer behandelt zu werden, mehr Präsenz und Interesse ihres Betreuers, regelmäßige Treffen und Feedback. Hilfreich seien zudem flachere Hierarchien und gute Managementfähigkeiten den Professoren.

Indes gibt es auch von anderer Seite Ärger: Zwei Ombudspersonen werfen der ETH vor, sie sei zu zögerlich bei der Aufklärung der Vorwürfe gegen die Professorin vorgegangen. "Die ETH leitete zwar eine Untersuchung ein, löste das betroffene Institut auf, erlaubte der Professorin aber, ihre Betreuungstätigkeit ab Frühling 2018 wieder aufzunehmen", sagt Wilfred van Gunsteren. Zusammen mit Maryvonne Landolt hatte er der ETH-Leitung von den Vorwürfen der Studenten berichtet.

Weil der Professorin also offenbar in Aussicht gestellt wurde, wieder Doktoranden betreuen zu dürfen, informierten die Ombudsleute den ETH-Rat, das Aufsichtsgremium der Hochschule. Die Professorin wurde daraufhin bis zum Abschluss der Administrativuntersuchung freigestellt. Seit Januar läuft eine zweite Untersuchung gegen sie - wegen des Verdachts auf Fehlverhalten in der Forschung.

ETH-Präsident Lino Guzzella dementiert: Die Schulleitung habe schnell auf die Vorwürfe reagiert. Innerhalb "kürzester Frist wurden die betroffenen Doktorierenden einer anderen Betreuungsperson zugeteilt, das Institut stillgelegt und ein System zum Schutz zukünftiger Doktorierender etabliert", heißt es in einem Statement von Guzzella.

Er teilte dem SPIEGEL auch mit, es gebe weder Abkommen noch Vereinbarungen zwischen der Uni und der Professorin über deren Rückkehr. Sie sei so lange freigestellt, bis die Untersuchungen abgeschlossen seien. Laut ETH könnte dies bis Juni der Fall sein. Es ist also noch unklar, ob sie zurückkommen kann. Klar ist indes, dass die zwei Ombudsleute nicht mehr für die Universität arbeiten werden.

"Wir sind dem ETH-Präsidenten zu unbequem geworden"

Mit 71 und 72 Jahren seien van Gunsteren und Landolt zu alt für den Job, so die offizielle Begründung der ETH. Dabei werden in der Regel emeritierte Professoren als Ombudspersonen eingesetzt. Sie sind also meist schon im Pensionsalter, wenn sie in der Ombudsstelle anfangen.

Laut van Gunsteren ist der eigentliche Grund, warum die Verträge nicht verlängert worden seien, ein anderer: "Wir sind dem ETH-Präsidenten zu unbequem geworden. " Er wirft Guzzella zudem vor, die Arbeit der Ombudspersonen behindert zu haben.

"Er hat uns nicht zugehört, wollte die Probleme nicht diskutieren. Er sah uns als lästig an", sagt van Gunsteren. Es sei Quatsch, Altersgründe vorzuschieben, vor allem als Ombudsperson brauche man Lebenserfahrung.

Guzzella widerspricht auch hier: Landolt und van Gunsteren hätten eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, aber "Professorinnen und Professoren, die nach ihrer Emeritierung im Auftrag des Präsidenten Mandate wahrnehmen, tun dies gemäß der in den vergangenen Jahren gepflegten Praxis längstens bis zum Alter 70". Spekulationen über mögliche andere Gründe seien falsch.

Ein Prozess der Bewusstseinsbildung sei im Gange

Die ETH scheint indes bemüht darum, die Strukturen zu verändern und das Machtgefälle zwischen Professoren und Doktoranden zu verkleinern. "Es ist ein Prozess der Bewusstseinsbildung im Gange", sagt Prorektor Togni. Eine Arbeitsgruppe mit dem Titel "Früherkennung" sei ins Leben gerufen worden und Doktoranden sollen in Zukunft möglichst frühzeitig zwei Betreuer erhalten.

Außerdem soll es in Zukunft auch verpflichtende Seminare und Workshops für Professoren geben. Darin sollen sie sich nicht fachlich weiterbilden - sondern menschlich.

Lino Guzzella hat inzwischen eigene Konsequenzen gezogen. Er kündigte überraschend an, nicht für eine zweite Amtszeit als ETH-Präsident zur Verfügung zu stehen. In einem Interview, das auf der Homepage der Hochschule erschien, sagt er, die Jahre als Präsident seien sehr anstrengend gewesen, und "es kamen bei mir Zweifel auf, ob ich nochmals vier Jahre meinen eigenen Ansprüchen an diese Aufgabe gerecht werden kann".

Ab dem Sommersemester 2019 will er wieder als Professor arbeiten.

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