Etiketten-Finessen Studium beim Sub-Sub-Unternehmer

Wo Hochschule draufsteht, sollte auch Hochschule drin sein. Doch weil immer mehr Bildungsanbieter immer mehr Studiengänge auf den Markt bringen, blicken Interessenten kaum noch durch. Selbst geschützte Begriffe wie "Universität" bürgen nicht immer für Qualität.

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Dienstagabend, kurz nach 18 Uhr, ein moderner Seminarraum im Kölner Mediapark. Die private Hochschule für Wirtschaft und Medien (FHWM) hat zum Infoabend eingeladen: über Betriebs-, Medien- und Gesundheitswirtschaft sowie Wirtschaftspsychologie und Wirtschaftsrecht. Bis zu 16.000 Euro kosten die Studiengänge. Einige der 20 Interessenten gucken ratlos: "Wir sind eine hessische Hochschule", sagt die FHWM-Mitarbeiterin bei der PowerPoint-Präsentation, "unser Mutterhaus ist die private, staatlich anerkannte Europa-Fachhochschule Fresenius in Idstein."

Abschlussfeier: Hält eine Hochschule, was sie verspricht?
AP

Abschlussfeier: Hält eine Hochschule, was sie verspricht?

Die Kölner FHWM-Studenten sind eigentlich in Idstein eingeschrieben und erwerben auch einen hessischen Hochschulabschluss; sogar die Bafög-Anträge aus Köln müssen in Frankfurt gestellt werden. "Verwirrend" findet das ein Interessent.

Die Nachfrage beim Düsseldorfer Wissenschaftsministerium sorgt für Klarheit - vorübergehend. "Staatlich anerkannte Hochschulen sind alle Hochschulen, die auf unserer Homepage aufgelistet sind", sagt Sprecher Ralf-Michael Weimar. Da taucht die FHWM allerdings nicht auf - was trotzdem seine Richtigkeit habe, so Weimar: "Der Standort Köln ist bei uns als Abteilung zugelassen, Grundlage ist die hessische Zulassung für die FH Idstein." Eine eigene Hochschule sei die FHWM Köln aber nicht.

Solche verwaltungsrechtlichen Feinheiten sind für Studieninteressenten nicht leicht zu durchschauen. Hochschule oder Abteilung? Echtes Studium oder nur ein Kurs, der allenfalls den Anschein einer akademischen Ausbildung erweckt? Mit ausgeklügelten Geschäftsmodellen exportieren immer mehr Hochschulen ihre Bildungsangebote, um damit auch anderswo Geld zu verdienen. "Hochschule", "Universität", "Bachelor" und "staatlich anerkannt" sind die werbeträchtigsten Begriffe - und die sind, anders als etwa "Akademie", geschützt. Wer sie verwendet, muss also die Anerkennung durchs Wissenschaftsministerium mitbringen. Oder ein paar Kniffe anwenden.

Verwirrende Finessen

Beispiel Mittweida: Die staatliche Fachhochschule hat eine privatwirtschaftliche Aktiengesellschaft namens AMAK AG als Hochschulinstitut gegründet. Die AMAK wiederum bietet unter anderem den Studiengang "Angewandte Medienwirtschaft" an, führt ihn aber nicht selber durch, sondern beauftragt damit bundesweit zehn private Bildungsanbieter - von der DEKRA-Medienakademie über die PixelApostel in Berlin bis zum Europa-Campus in Baden-Baden.

Wer sich für ein entsprechendes Studium entscheidet, muss bei einem der Partnerunternehmen Kurse besuchen und dafür zahlen - auf einer Baustelle wären diese Partner Sub-Sub-Unternehmer. Nach vier Semestern Privatunterricht ohne echten Studentenstatus, aber mit Gebühren von rund 24.000 Euro wechseln die angehenden Medienwirtschaftler als reguläre Studenten an die FH in Mittweida und machen dort nach einem Jahr den staatlichen Bachelor-Abschluss.

"Das ist das Mittweidaer Modell der Public-Private-Partnerschip", sagt Otto Altendorfer, Vorstandsvorsitzender der AMAK AG und zugleich Publizistik-Professor in Mittweida. Qualitätssicherung bei den beauftragten Bildungsunternehmen, so Altendorfer, sei dabei eines der wichtigsten Anliegen: "Jeder Dozent durchläuft ein staatliches Zulassungsverfahren als Lehrbeauftragter, identisch einem Lehrauftrag an der Hochschule Mittweida. Insgesamt erfüllen 80 Prozent der Dozenten die Berufungsvoraussetzungen für eine Professur an einer sächsischen Hochschule."

Fragezeichen bleiben. Denn im Juni 2002 hatte die Kultusministerkonferenz beschlossen: "Außerhalb des Hochschulwesens erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten können höchstens 50 Prozent eines Hochschulstudiums ersetzen." Mit vier Semestern Privatstudium an einer Akademie außerhalb des Hochschulwesens kommen die Studenten im Mittweidaer Modell indes auf zwei Drittel externe Studienleistungen. Ein Verstoß gegen die KMK-Bestimmungen?

Nein, sagt Altendorfer, die externen Semester seien "im Sinne der KMK-Festlegungen keine außerhalb des Hochschulwesens erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten", weil die Seminare "auf der identischen Studien- und Prüfungsordnung des Hochschulstudiengangs" beruhten. Einen solchen "identischen" Studiengang bietet die Hochschule in den ersten vier Semestern jedoch gar nicht an. Altendorfer argumentiert: Die Seminare würden "lediglich organisatorisch mit Hilfe von Partnern durchgeführt", erfolgten aber eigentlich "im System des Hochschulwesens". So werde jede Prüfungsaufgabe vor der Durchführung von einem Professor der FH Mittweida kontrolliert und vom Prüfungsausschuss genehmigt. Die Prüfungen würden "also de facto von der Hochschule gestellt".

"Trickreiche Geschäftsmodelle"

Längst ist angesichts solcher Konstruktionen auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) wachsam: "Es kann ja nicht sein, dass die staatlichen Hochschulen strenge Qualitätsvorgaben erfüllen müssen, die von privaten Anbietern dann durch trickreiche Geschäftsmodelle unterlaufen werden. Darauf werden wir achten", sagt Vizepräsident Andreas Geiger.

Auffällig ist aus Sicht der HRK der Trend, mit FH-Studienangeboten in immer mehr Orten dezentral auf Studentensuche zu gehen. So bietet die staatlich anerkannte Privat-FH für Oekonomie und Management (FOM) aus Essen ihre Seminare bundesweit an 16 Standorten an - häufig in Kooperation mit bereits bestehenden, auch staatlichen Hochschulen. "Bei uns gibt es überall Professoren vor Ort", betont FOM-Sprecher Carsten Döpp.

"Solche Formen der Filialbildung wird es immer öfter geben, ob wir es wünschen oder nicht", sagt Erhard Mielenhausen, im HRK-Präsidium für die Fachhochschulen zuständig. "Letztlich kommt es darauf an, dass die Qualität gesichert ist. Und das heißt: Ohne ordnungsgemäße Akkreditierung geht es nicht."

Bei den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen ist diese Akkreditierung zwingend vorgeschrieben. Dafür zuständig sind spezielle Agenturen, die ihrerseits durch den bundesweit tätigen Akkreditierungsrat anerkannt sein müssen. Dieser Rat beschäftigt sich aber nicht mit einzelnen Studiengängen. Darum sind Aussagen wie die auf einem Informationsblatt der Mittweidaer AMAK AG zumindest irreführend: "Der Studiengang wurde mit Beschluss des Akkreditierungsrates vom 21.09.2004 offiziell akkreditiert", heißt es da. Tatsächlich hatte eine Agentur aus Hannover den Studiengang überprüft.

Solche Ungenauigkeiten sind kein Einzelfall: Die private Wirtschaftshochschule Cologne Business School wird auf den Internetseiten des Kölner Wissenschaftsportals mit der Web-Adresse www.cbs-uni.de geführt - auch wenn die Nutzer dann auf die rechtlich unbedenkliche (und sicherlich weniger werbewirksame) Seite www.cbs-edu.de umgeleitet werden.

Ziemlich verwirrend also, was vor allem private Fachhochschulen mittlerweile an Studienangeboten und Begleitinformationen auf den Markt gebracht haben. "Etliche Grauzonen" seien "juristisch noch nicht endgültig ausgeleuchtet", heißt es bei der HRK. Und auch Ralf-Michael Weimar vom NRW-Wissenschaftsministerium bestätigt: "Das sind zum Teil Konstellationen, die im Hochschulgesetz bisher nicht vorgesehen waren." Immer wieder müsse dieses "Neuland" deshalb darauf hin überprüft werden, ob es schwarze Schafe unter den Anbietern gebe.



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