Exotensport "Jugger" Keilerei mit Hundeköpfchen

Kettenschwingende Krieger kämpfen um einen Hundeschädel: Ein sonderbarer Sport erreicht deutsche Unis. Bei Jugger greifen Studenten zu Schaumstoffprügeln und rasen aufeinander los, als wäre das Ende aller Tage gekommen - und tatsächlich huldigen sie mit ihrem Treiben einer apokalyptischen Phantasie.

Von Katrin Brinkmann


Dumpfes Trommeln dröhnt aus dem Paradies. Wie Galeerenschläge, immer lauter. Mitten in Jenas idyllischem Stadtpark, dessen Name "Paradies" eigentlich himmlischen Frieden verspricht. Plötzlich tauchen sie auf: Krieger. Über ihren Köpfen schwingen sie lange Ketten mit handballgroßen Kugeln, in ihren Händen kreisen lange und kurze Prügel. Mit lautem Gebrüll rasen sie aufeinander los.

"Drei-zwei-eins-Jugger!": Das Team "Zonenkinder" sprintet los
Katrin Brinkmann

"Drei-zwei-eins-Jugger!": Das Team "Zonenkinder" sprintet los

"Was ist denn hier los?", fragen überraschte Spaziergänger. "Ist hier Krieg?" Aber was auf den ersten Blick wie eine mittelalterliche Schlacht aussieht, ist nur ein Spiel. Und die wilden Krieger sind allesamt Studenten.

Jeden Donnerstag und Sonntag greifen die "Zonenkinder" aus Jena, Deutschlands bislang einziges Hochschulsport-Team, zu ihren mit Schaumstoff gepolsterten Stangen und Ketten. Dann spielen sie Jugger, den zurzeit wohl verrücktesten Sport, den die deutschen Universitäten zu bieten haben.

Aus dem Film wird ein spielbarer Sport

Schon die Entstehungsgeschichte ist abenteuerlich. Vorbild ist ein australischer Endzeitfilm aus den späten achtziger Jahren mit dem Titel "Die Jugger - Kampf der Besten". Der Inhalt ist schnell erzählt: Nach einem atomaren Inferno gleicht die Erde des 23. Jahrhunderts einer Wüste. In dieser Einöde zieht eine Gruppe von Gladiatoren über die Dörfer und wetteifert in einem brutalen Spiel um Lebensmittel, Alkohol und Sex. Als Ball dient ihnen ein Hundeschädel, anstelle eines Tores gibt es das Mal. Auf diesen Stab muss der Läufer den Tierkopf aufspießen, ohne sich dabei von mit Eisenketten und -stangen bewaffneten Gegnern zur Strecke bringen zu lassen.

Schnell fand der Film auch Anhänger in Deutschland. Unabhängig voneinander kamen Gruppen von Live-Rollenspielern aus der Region Heidelberg und aus Berlin 1993 auf die Idee, das Spiel nachzuahmen. Rasch folgten weitere Fans in Hamburg, Lübeck, Heidelberg und Karlsruhe. Aus dem Spiel im Film wurde ein spielbarer Sport. Statt Eisenstangen verwendeten sie mit Schaumstoff umwickelte Plastikrohre, aus dem echten Hundeschädel wurde eine Attrappe. Ein selbst ausgeklügeltes Regelwerk vervollständigte das Ganze.

Inzwischen hat der Sport deutschlandweit Fans: Knapp 30 Teams spielen in der 2003 gegründeten Jugger-Liga. Sie tragen Namen wie Trollfaust, Blutgrätsche oder Rigor Mortis, übersetzt "Totenstarre". Und auch weltweit wächst die Fangemeinde: Weitere Clubs entstanden in Australien, Irland, England, Dänemark, Spanien, sogar in Costa Rica. Nun hat Jugger die Hochschulen erreicht.

"Es ist, als würde man Fangen spielen"

Verantwortlich dafür ist Jakob Senst, 25. Seit 2003 ist der Berliner Feuer und Flamme für das ungewöhnliche Spiel. Damals erfuhr er durch einen Freund davon und stieß zur Gruppe Rigor Mortis: "Ich war fasziniert von der Schnelligkeit, vom Teamgeist, von den taktischen Abläufen. Jugger verbindet viele Disziplinen zu etwas Einzigartigem." Als er 2006 für sein Soziologie-Studium von Berlin nach Jena zog, wollte er auf seinen Lieblingsport nicht verzichten. Weil es aber kein Jugger-Team gab, gründete er kurzerhand eine eigene Hochschulsportgruppe.

Kaum erklingt im Jenaer Stadtpark der Schlachtruf "Drei-zwei-eins-Jugger!", stürmen beide Teams aufeinander zu, in Richtung des Jugg, der Hundeschädelattrappe in der Mitte. Senst ist in seinem Team der Läufer, seine vier Mitspieler sind bewaffnet mit "Pompfen", den gepolsterten Stangen, einer ist der Kettenmann. Senst schnappt sich den Jugg, dann spurtet er los.

Trifft ihn ein Gegner mit einem Stab, darf er erst weiterspielen, wenn fünf Trommelschläge - die Zeiteinheit des Spiels - um sind, bei einem Treffer mit der Kette erst nach acht. In beiden Fällen hat er den Jugg ziemlich sicher verloren: Der gegnerische Läufer kann ihn sich schnappen und wird seinerseits von den Stab- und Kettenträgern des Gegners gejagt. Ziel der Läufer ist, den Jugg am anderen Ende im Mal, einem Schaumstofftrichter, zu versenken.

"Es geht nicht darum, den Gegner umzuhauen, sondern ihn nur zu berühren", sagt Frank Raphael, ein Geografiestudent. "Es ist, als würde man Fangen spielen." Seit zehn Monaten trainiert der 25-Jährige mit der Jugger-Unigruppe.

Nichts für Einzelgänger

Jakob Senst schlägt Haken wie ein Hase. Fast trifft ihn die gepolsterte Kugel einer Kette am Shirt, in letzter Sekunde windet er sich und entgeht dem Hieb. Der Schädel steckt im Mal. "Jugg!", ruft einer der Schiedsrichter. Ein Punkt für die Zonenkinder.

Insgesamt 150 Sekunden dauert eine Halbzeit - oder 100 Trommelschläge, die im 1,5-Sekunden-Takt über den Platz wummern. Immer wieder wird unterbrochen, weil ein Jugg erzielt wurde, eine Pompfe kaputt ist - oder sich ein Spieler verletzt hat. "Mehr als umgeknickt ist hier aber noch keiner", versichert Senst. Nach jeder Unterbrechung stellen sich die Teams wieder an der Grundlinie auf, das Jugg in der Mitte, und warten auf den Schlachtruf.

"Es sieht martialischer aus, als es ist", sagt Frank Raphael. Die Zonenkinder bestehen aus Erziehern, Informatikern oder auch Juristen. "Die meisten hier suchen eine körperliche Abwechslung zum Lernstress. Und Jugger ist besser als jedes Ganzkörper-Workout."

Viele halten die Jugger wegen der mittelalterlich anmutenden Waffen und der archaischen Symbole für verschrobene Fantasy-Fans, die ihre Freizeit lieber mit Zwergen, Elben und Orks verbringen. "Mit Schwert, Schild und Kette scheinen Anleihen aus dem Fantasy-Genre nicht fern. Aber Jugger ist von Beginn als Sport konzipiert. Wer meint, alle Jugger lesen Fantasy-Romane oder zocken in ihrer Freizeit nächtelang World of Warcraft, liegt falsch", sagt Senst. Frank Raphael fügt hinzu: "Keiner aus dem Team spielt World of Warcraft. Leute, die das spielen, kriegt man nicht von ihren Sesseln hoch."

Student Senst träumt von Olympia

Jugger ist nichts für Einzelgänger. "Es ist gleichzeitig ein Individualsport und ein Teamsport. Alle Spieler müssen miteinander reden, sonst verlieren sie den Überblick", sagt Ruben Wickenhäuser, Kapitän der Berliner "Falco Jugger". Dem Autor hat es der Sport so angetan, dass er sogar ein Buch verfasst hat: "Juggern statt Prügeln. Der Trendsport für Aggressionsabbau und soziales Lernen".

Er will Jugger an die Schulen bringen. Seit September letzten Jahres leitet er an der Albert-Schweizer-Schule in Berlin-Neukölln eine Schul-AG, zudem berät er den Fachbereich Sportpädagogik der Uni Halle bei Schulprojekten. "Fairplay ist besonders wichtig, weil man beim Anzeigen von Treffern leicht schummeln kann", sagt Wickenhäuser. "Ein perfekter Sport für alle, die an einem ungewöhnlichen Sport interessiert sind!"

Die Fangemeinde wächst stetig. Jedes Jahr nehmen neue Mannschaften an den Liga-Spielen teil. Jeder darf mitmachen, auch Anfänger. "Der Ansturm wird immer größer", sagt Senst. Knapp 30 Teilnehmer umfasst seine Jugger-Gruppe "Zonenkinder" mittlerweile. Auch fünf Frauen juggern mit. "Je mehr, desto besser", sagt er. Denn er hat einen Traum: "Jugger bei Olympia, in einem eigenen Stadion!"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
silenced 01.07.2009
1. Jawoll!
So eine Verrohung der Gesellschaft, das gehört Verboten! Wo sind sie denn, unsere Politiker, wenn man sie mal braucht. Ein Film mit brutalem Inhalt als "Vorbild" für einen "Sport", das ist nun wirklich nichts für die öffentliche Darstellung, zumal auch minderjährige zuschauen könnten. Das wie mit den Killerspielen am PC und Ultimate Fighting im Käfig, Verbieten, Sofort! Kann doch nicht sein, daß sich die Jugend selbst beschäftigt und noch Spaß dabei hat. Extra für die Deutschen Mitleser: [ironie] und [/ironie], falls es wieder wer nicht kapiert hat.
e-ding 01.07.2009
2. Ursula?
Nach "killenden Pixeln" und "fliegenden Farbkugeln" wieder so ein apokalyptisches Endzeitszenario, welches mit Pfeifferischer Sicherheit zu Verrohung und Amokläufen führen wird und die FSK hat nicht mal eine Chance. Ursula wir brauchen Dich hier ganz dringend, um dem Treiben ein Ende zu setzen.
Osis, 01.07.2009
3. Wieder ein neues Killerspiel!
Argh, Killerspiel, simulierte Tötung,... Amoktraining! Sofort verbieten! Bin gespannt, wann das auffällt. Klingt wie eine teamvariante von Völkerball... Kann man in jedem Park spielen, klingt witzig.
Milchtrinker 01.07.2009
4. Affinität zu Fantasy
Mir scheint doch, dass eine gewisse Affinität zum Fantasy- und Endzeit-Genre, oft auch zum Live-Rollenspiel, jedenfalls bislang noch unter Jugger-Spielern verbreitet ist. Vielleicht ändert sich das ja mit der Zeit. Andererseits ist diese Affinität auch verbreiteter, als viele vielleicht glauben. Nicht jeder Rollenspieler hat lange Haare und trägt verwaschene Blind Guardian-T-Shirts, und der Erfolg von Harry Potter und den Herr der Ringe-Filmen kommt auch nicht von ungefähr. Die Jugger sind übrigens auch für den Zuschauer ein sehr unterhaltsames Spiel. Ich denke trotzdem, dass es auf absehbare Zeit ein Stadtparkwiesen-Spiel bleiben wird – und das macht ja auch einen Teil des Charmes aus.
Fritz II, 01.07.2009
5. Wo ist der Unterschied
zwischen Jugger, Baseball oder Football? Worüber genau könnte man diskutieren? ... gähn ...
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