Expertin für Burschenschaften "Das ist blanker Rassismus"

In der Deutschen Burschenschaft tobt ein heftiger Streit über das Deutschsein - dem ältesten Dachverband der Studentenverbindungen droht die Spaltung. Im Interview erklärt die Gießener Politologin Alexandra Kurth, weshalb die Rechtsextremen immer stärker werden.


SPIEGEL ONLINE: Studentenbünde sind meist konservative Männercliquen. Ganz am politisch rechten Rand stehen die rund 1300 Studenten in der Deutschen Burschenschaft. Ist so eine Splittergruppe überhaupt relevant?

Kurth: Der Einfluss des Verbandes hat abgenommen, aber unterschätzen sollte man ihn nicht: Es gibt außer den sogenannten Aktiven noch die mehr als zehntausend Alten Herren, oft in gesellschaftlich einflussreichen Positionen, und die beeinflussen viele weitere Bürger. Die Bundesbrüder protegieren sich, und es herrscht ein Korpsgeist unter studentischen Verbindungen, der über die vielen Verbandsgrenzen hinwegreicht.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Burschentag Mitte Juni könnten sogenannte rassische Merkmale eingeführt werden, um zu bestimmen, wer als echter Deutscher zu gelten hat. Eine Burschenschaft soll ausgeschlossen werden, weil sie ein Mitglied mit chinesischen Eltern hat - überrascht Sie der heftige interne Streit?

Kurth: Der Verband war immer zerstritten. Schon immer galt den Rechten nur als Deutscher, wer deutsches Blut hat. Der Streit war aber seit dem Zweiten Weltkrieg eher theoretisch, die Mitgliedsbünde konnten die Kriterien in der Praxis selbst auslegen. Neu ist, dass es zum ersten Mal um einen konkreten Fall geht - es gab zuvor schlicht keinen Burschen, der dem optischen Klischee des Deutschen nicht entsprach. Nun sind die Rechten gezwungen, ihre völkischen Vorstellungen nicht nur vage zu formulieren, sondern klar durchzudeklinieren.

SPIEGEL ONLINE: Für die Rechten kann zum Beispiel jemand mit einer "nichteuropäischen Gesichts- und Körpermorphologie" kein Deutscher sein - so steht es in einem Antrag, über den auf dem Burschentag abgestimmt werden soll.

Kurth: Ja, das ist blanker Rassismus, fast im Sinne der Nürnberger Gesetze. Die oberste Rechtsinstanz des Verbands hat erst in diesem Februar verbindlich festgelegt, dass sie bestimmte Bewerber auf ihre Abstammung hin überprüfen will - etwa wenn nicht beide Eltern zweifelsfrei deutsch sind. Das erinnert stark an die Einteilungen in Halb- oder Vierteldeutsche in der Nazi-Zeit. Und ich frage mich: Nach welchen Kriterien soll überprüft werden? Wenn jemand keine Ahnentafeln zur Hand hat, bleiben eigentlich nur noch solch körperliche Merkmale.

SPIEGEL ONLINE: Muss man gleich die Nazi-Keule herausholen? Das Abstammungsprinzip galt schließlich bis zum Jahr 2000 auch in der Bundesrepublik - bis die Verfassung unter Rot-Grün für das neue Staatsbürgerschaftsrecht geändert wurde.

Kurth: So argumentieren auch die rechten Burschen, und es ist eine ebenso perfide wie falsche Argumentation: Die Abstammung war eben auch vor dem Jahr 2000 nicht das ausschließliche Kriterium dafür, Deutscher werden zu dürfen. Dieser Weg stand prinzipiell allen offen, die sich über einen längeren Zeitraum legal in Deutschland aufhielten - und viele haben auch davon Gebrauch gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, die Deutsche Burschenschaft war immer zerstritten. Wo verlaufen die Konfliktlinien?

Kurth: Die Liberal-Konservativen bejahen die europäische Einigung und definieren das Deutsche kulturell und nicht rassisch. Die Rechtsextremen pochen auf eine völkische, also rassistische Definition und hängen immer noch den großdeutschen Träumen der politischen Rechten in der Weimarer Republik an. Sie sind seit dem fatalen Kompromiss mit den Liberal-Konservativen im Jahr 1971 immer mächtiger geworden, inzwischen besetzen sie alle Schlüsselpositionen des Verbands und setzen ihre Anträge auf den Burschentagen quasi ausnahmslos durch.

SPIEGEL ONLINE: Wieso bleiben liberale Bünde überhaupt noch in der Deutschen Burschenschaft?

Kurth: Einige sind naiv und glauben, sie könnten noch etwas verändern. Anderen ist die lange Tradition des Verbands wichtig. Ein Austritt tut auch finanziell weh, die bisherigen Mitgliedsbeiträge verbleiben schließlich im Dachverband.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft für Burschenschaften und Co. aus?

Kurth: Das deutsche Verbindungswesen hat in den vergangenen Jahren fast alles dafür getan, sich selbst zu zerstören: Die Rechtsextremen isolieren sich durch ihre Positionen, den Liberal-Konservativen gelingt es nicht, sich vom Rassismus öffentlich zu distanzieren. Wo sind entsprechende Pressemitteilungen? Es gibt sie nicht. Stattdessen gelten alle Außenstehende - Parteien, Politiker und vor allem die Presse - als Feinde. Die Burschenschafter beklagen, nur in unappetitlichen Zusammenhängen thematisiert zu werden. Ihnen fällt gar nicht auf, dass ihre sonstigen Aktivitäten vollkommen uninteressant sind.

Das Interview führte Florian Diekmann

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
janne2109 15.06.2011
1. nicht falsch
ist nicht falsch was die Expertin festgestellt hat. Mitglieder von Burschenschaften und davon gibt es einige in meinem Bekanntenkreis, empfinde ich als rassistisch. Manchmal muss man dazu erst in ernste Diskussionen treten um es zu bemerken.
vmontantus 15.06.2011
2. Sehr schönes Interview
Sehr sachlich, intelligent und informativ. Ein Paradebeispiel für Aufklärung und gute Pressearbeit. Es gilt solcherart gesellschaftliche Fehlentwicklungen früh und deutlich zu bezeichnen. Solche "Biotope" sind gefährlich. Und was sie auflöst ist: Licht, Diskussion, Argumentation.
Petermännchen, 15.06.2011
3. Medienwirksam
Der Deutsche Burschenschaft droht nicht die Spaltung, es gibt seit Jahren eine "liberal-konservative" Alternative ohne das in der Tat rassistische Gedankengut innerhalb der DB. Genau deshalb wurde ja die "Neue DB" gegründet. Wenn die "Expertin" aber meint, die liberalen Burschenschaften würden sich nicht deutlich genug distanzieren, so mag das daran liegen, dass derartige Pressemitteilungen vielleicht nicht so schlagzeilenträchtig sind. Der -zutreffende- Rassismus Vorwurf ist doch viel schöner zu vermarkten, als ein Bericht über liberale Studentenvereinigungen, die sich auf die freiheitlichen, demokratischen Prinzipien der Urburschenschaft berufen und mit dem volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff innerhalb der DB überhaupt nichts an der Studentenmütze haben. Einfach mal unter Neuer DB googeln, da kann auch frau ihren Horizont in Sachen Burschenschaft erweitern. (i.Ü. kann selbstverständlich auch eine Frau Expertin in Sachen Burschenschaft sein! s.o.)
Dartaen, 15.06.2011
4. Burschenschaften vs. Verbindungen
Noch mal etwas Nachhilfe zur Unterscheidung "Burschenschaft" und "Studentenverbindung". Ärgerlich schon die unbelegte Behauptung am Anfang des Interviews: "Studentenbünde sind meist konservative Männercliquen." Ist dem Autor schon einmal aufgefallen, dass die weitaus meisten deutschen Verbindungen gar nicht politisch orientiert sind (es sei denn, man betrachtet christliches Bekenntnis als politisch). Am Ende schert Frau Kurtz trotzdem wieder alle über einen Kamm: "Das deutsche Verbindungswesen hat in den vergangenen Jahren fast alles dafür getan, sich selbst zu zerstören..." Die meisten Verbindungen haben mit der Deutschen Burschenschaft nichts am Hut und deshalb gar keinen Einfluss auf dessen Verbandspolitik.
filder 15.06.2011
5. Belege? Fehlanzeige.
Zitat von PetermännchenDer Deutsche Burschenschaft droht nicht die Spaltung, es gibt seit Jahren eine "liberal-konservative" Alternative ohne das in der Tat rassistische Gedankengut innerhalb der DB. Genau deshalb wurde ja die "Neue DB" gegründet. Wenn die "Expertin" aber meint, die liberalen Burschenschaften würden sich nicht deutlich genug distanzieren, so mag das daran liegen, dass derartige Pressemitteilungen vielleicht nicht so schlagzeilenträchtig sind. Der -zutreffende- Rassismus Vorwurf ist doch viel schöner zu vermarkten, als ein Bericht über liberale Studentenvereinigungen, die sich auf die freiheitlichen, demokratischen Prinzipien der Urburschenschaft berufen und mit dem volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff innerhalb der DB überhaupt nichts an der Studentenmütze haben. Einfach mal unter Neuer DB googeln, da kann auch frau ihren Horizont in Sachen Burschenschaft erweitern. (i.Ü. kann selbstverständlich auch eine Frau Expertin in Sachen Burschenschaft sein! s.o.)
Gibt es denn welche? Dann belegen Sie das doch und widerlegen Sie die Expertin - dass Sie sie in Anführungszeichen setzen müssen, spricht gegen Sie. Das Verächtlichmachen anderer mit solchen Mitteln war übrig noch nie ein Zeichen akademischer Bildung. Zeigen Sie mal, was ein deutscher Student kann, nicht nur, was er nicht kann.
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