Facebook-Hype Der Brigitte? Find ich gut!

Das Versandhaus Otto veranstaltete einen Wettbewerb bei Facebook, 50.000 Möchtegern-Models machten mit - und es gewann ein BWL-Student im fiesen Frauenfummel. Im Interview erzählt Sascha Mörs alias "Der Brigitte", wie aus einem Jux eine Web-Welle wurde und wie die Konkurrenz reagierte.


Mit einem Fotowettbewerb hat das Versandhaus Otto in der vergangenen Woche ein Gesicht für seine Fan-Seite bei Facebook gesucht. Fast 50.000 ambitionierte Möchtegern-Models luden Bilder hoch, eine(r) stahl allen die Show: "Der Brigitte", ein Wesen mit greller Perücke und orangefarbener Federboa, hellblauem Lidschatten und Minirock.

23.000 User stimmten für "Der Brigitte". Dahinter steckt Sascha Mörs, 22. Der Koblenzer BWL-Student im Frauenfummel wurde am Montag zum Gewinner gekürt. Das kam auch für das Versandhaus überraschend: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht", sagt Pressesprecher Thomas Voigt. Grund zum Lachen hat er genug: Die Travestienummer bringt dem Unternehmen reichlich mediale Aufmerksamkeit und Zehntausende Fans bei Facebook, wo Brigitte alsbald erfährt: "Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus".

Brigittes Triumph sorgt - typisch Modelbranche - bei Facebook für Zickenkrieg. Etliche echte Teilnehmer sind sauer, dass die Fake-Figur an ihnen vorbei zog. Das zeigen sie mit bissigen Anti-Brigitte-Kommentaren und mit Solidaritätsbekundungen für Klara Weissensel, 19, aus Schweinfurt. Sie hätte mit mehr als 16.000 Stimmen den Wettbewerb gewonnen, wäre da nicht die Rivalin mit der Puschelboa gewesen. "Sogar meine eigenen Freunde haben anfangs für Brigitte gestimmt, weil sie es witzig fanden", sagt Abiturientin Klara. "Als sie mich dann tatsächlich überholt hat, war ich schon ein bisschen enttäuscht."

Dabei gab es weder einen Modelvertrag noch Reichtümer zu gewinnen, nur ein kleines Preisgeld von 400 Euro. Im Dezember soll "Der Brigitte" zum Fotoshooting nach Hamburg fahren und für zwei Wochen das Gesicht von Otto sein - aber nicht auf großen Werbeplakaten, sondern auf der Fan-Seite des Versandhauses bei Facebook. Beim Interview hat Sascha Mörs ausgesprochen gute Laune.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamst du darauf, ein Foto von dir in Frauenkleidung bei dem Modelcontest einzureichen?

Mörs: Ich kam von der Fachhochschule nach Hause, habe mich bei Facebook eingeloggt und war genervt davon, dass meine ganze Pinnwand voll war von der Otto-Aktion. Mir ist spontan eingefallen, dass ich noch dieses Bild vom letzten Fasching habe. Da hatte ich mich in viel zu enge Klamotten meiner Mutter gequetscht und in Brigitte verwandelt. Das Bild habe ich zuerst ohne große Hintergedanken hochgeladen.

SPIEGEL ONLINE: Du studierst BWL - also hast du die Maschine des viralen Marketing angeworfen, um deine Gewinnchancen zu erhöhen?

Mörs: Genau. Ich habe meinen 400 Freunden bei Facebook den Link geschickt. Am Anfang war alles ein Spaß, ich habe nur mit ein paar hundert Stimmen gerechnet. Ziemlich schnell ist der Link dann auf Fanpages von Kneipen gelandet und hat sich sogar unter Studenten im Ausland verbreitet. Als Brigitte nach zwei Tagen schon auf dem zweiten Platz gelandet war, habe ich mir ernsthafte Chancen ausgerechnet. Im Nachhinein ist die ganze Aktion ein Statement gegen den Casting-Wahn. Mit ihren Votings für Brigitte haben viele Leute gezeigt, dass sie davon genervt sind.

SPIEGEL ONLINE: Das Versandhaus Otto hat mit dem Wettbewerb ein hübsches Gesicht für seine Fanpage auf Facebook gesucht. Denkst du, das Unternehmen ist zufrieden mit der Gewinnerin?

Mörs: Anfangs habe ich nicht damit gerechnet, dass so ein Bild überhaupt durchkommen würde. Aber ein befreundeter Anwalt hat in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen nichts gefunden, was dagegen sprach. Erst tat es mir ein bisschen leid für Otto, weil Brigitte bestimmt nicht das Gesicht hat, nach dem die suchten. Aber auf der anderen Seite hat die Aktion wahnsinnig viel Aufmerksamkeit gebracht, die Otto-Seite auf Facebook hat mittlerweile mehr als 160.000 Fans. Mit einer normalen Gewinnerin hätte das bestimmt nicht geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Manche Facebook-Nutzer nörgeln, du hättest Nachwuchsmodels die Show gestohlen, die den Wettbewerb ernst genommen haben. Wie siehst du das?

Mörs: Im Internet muss man einfach damit rechnen, dass so etwas passiert. Und die Chancen, über einen Online-Wettbewerb den entscheidenden Karriereschritt zu machen, sind nicht so groß. Es ging ja auch nur darum, für zwei Wochen das Gesicht der Fan-Seite von Otto zu sein. Klara, die Zweitplatzierte, ist wirklich hübsch. Wenn ein Modelscout durch den Contest auf sie aufmerksam geworden ist, tut es nichts zur Sache, ob sie den ersten oder zweiten Platz gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Während des Wettbewerbs hast du angeboten, bei 50.000 Stimmen ein Brigitte-Foto in Dessous zu veröffentlichen. Hältst du die Wette ein?

Mörs: Die Teilnahmebedingungen verbieten es, anstößige Bilder hochzuladen (lacht). Aber meine Schamgrenze ist nicht besonders hoch. Wenn sich eine große Unterwäschefirma melden würde, könnte ich darüber nachdenken... Tatsächlich haben schon mehrere Discotheken und Kneipen zu mir Kontakt aufgenommen. Wahrscheinlich werde ich demnächst als "DJ Brigitte" mit Rock und Perücke in einem Club auflegen.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Wirbel um Brigitte auch negative Folgen für dich haben?

Mörs: Bis jetzt habe ich keinen Grund, die Aktion zu bereuen. Mir ist schon klar, dass man im Internet auch später leicht herausfinden kann, wer hinter Brigitte steckt. Es könnte natürlich sein, dass es eines Tages in einem Vorstellungsgespräch zum Thema wird. Aber da kann ich mich bestimmt irgendwie rausreden.

SPIEGEL ONLINE: Brigitte hat viele Fans versammelt, musste aber im Internet auch reichlich bösartige Kritik einstecken. Wie gehst du damit um?

Mörs: Ehrlich gesagt bin ich schockiert über so viel Intoleranz, wenn ich Kommentare wie "Scheiß-Transe" oder "Schwuchtel" lese. Mir macht das wenig aus, ich bin weder transsexuell noch schwul. Aber für jemanden, auf den das tatsächlich zutrifft, ist es sehr diskriminierend.

SPIEGEL ONLINE: Wird Brigitte beim offiziellen Shooting wieder Federboa, Netzhandschuhe und einen karierten Minirock tragen?

Mörs: Die blonde Perücke bringe ich auf jeden Fall mit. Otto hat schon nach meiner Kleidergröße gefragt, vielleicht werde ich auch eingekleidet - natürlich in Frauenklamotten. Das Shooting wird wahrscheinlich im Dezember stattfinden, ich bin schon gespannt. Trotzdem merke ich, dass ich ein bisschen Abstand zwischen Brigitte und Sascha bringen muss. Deshalb hat Brigitte jetzt auch eine eigene Fanpage. Insgesamt ist es bestimmt ein kurzer Hype, der schnell in Vergessenheit geraten wird. Aber Spaß macht es auf jeden Fall.

Das Interview führte Kathrin Breer

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Mulharste, 24.11.2010
1. -
Zitat von sysopDas Versandhaus Otto veranstaltete einen Wettbewerb bei Facebook, 50.000 Möchtegern-Models machten mit - und es gewann ein BWL-Student im fiesen Frauenfummel. Im Interview erzählt Sascha Mörs alias "Der Brigitte", wie aus einem Jux eine Web-Welle wurde und wie die Konkurrenz reagierte. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,730818,00.html
Schönes Ding der Antiwerbung, wobeiman sagen muss Klara ist wirklich latent attraktiver :DDDD
Lightbringer 24.11.2010
2. ..
Man lese sich mal die Kommentare auf der Otto Page zum Thema durch. Wie humorlos da manche sind.
Zanilla 24.11.2010
3. .
Ich finde die Aktion des jungen Mannes ziemlich cool, ebenso wie die Reaktion von Otto. Das Foto ist zum schiessen, und die Idee sowieso. Über Vorstellungsgespräche später würde ich mir an seiner Stelle keine Sorgen machen. Im Gegenteil, vielleicht wirkt sich so eine aktion eher positiv aus. Ich würd ihn einladen :)
Sonsaba 24.11.2010
4. lol^^
Das so eine Spaß Aktion gewinnt is cool^^ Konnte Otto nicht beide nehmen als Fanpage Bild :P Diese Klara is echt wunderschön!
KT712 24.11.2010
5. Gleichberechtigung
Jetzt schlagen die Männer zurück! Kann ja auch nicht sein, dass Frauen uns die Männerberufe streitig machen und wenn wir den Spieß mal umdrehen, ist das Geflenne groß. Zieht euch warm an, ihr Klums und Bündchens dieser Welt, jetzt kommt "Der Brigitte"!
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