Umstrittene Doktorarbeit Uni-Rektor rechnet mit offiziellem Plagiatsverfahren gegen Lammert

Hat Bundestagspräsident Lammert bei seiner Doktorarbeit unsauber gearbeitet? Der Politiker hat sie zur Prüfung der Plagiatsvorwürfe an die Ruhr-Universität Bochum übergeben. Rektor Elmar Weiler rechnet mit einem offiziellen Verfahren.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) : Umstrittene Doktorarbeit
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Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): Umstrittene Doktorarbeit


Die Ruhr-Universität Bochum bereitet sich auf ein Plagiatsverfahren gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert vor. Wegen der Beziehungen Lammerts zur Ruhr-Universität - er ist dort Honorarprofessor - setzt die Hochschulleitung allerdings auf ein inhaltliches Prüfverfahren durch externe Gutachter. "Gerade in einem möglichen Prüfverfahren ist es wichtig, dass es nicht wirkt, als wären wir befangen", sagt der Rektor der Universität, Elmar Weiler, im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rektor Weiler, am Montagnachmittag klingelte Ihr Telefon, Bundestagspräsident Norbert Lammert bat um Überprüfung seiner alten Doktorarbeit wegen eines Plagiatsvorwurfs. Wie überrascht waren Sie?

Elmar Weiler: Schon ein wenig. Ich erfuhr durch den Anruf ja erstmals von der Angelegenheit. Norbert Lammert ist bei uns Honorarprofessor und auf dem Campus öfter zu Gast. Darum ist es für uns besonders wichtig, dass wir den Prüfprozess seiner Doktorarbeit unabhängig führen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber schwierig, wenn eine Uni Herrin des Verfahrens sein soll, die bislang gute Beziehungen zum Beschuldigten unterhält. Wie schließen Sie da Befangenheit in einem Prüfverfahren aus?

Weiler: Mit diesem Vorwurf müssen wir umgehen. Gerade in einem möglichen Prüfverfahren ist es wichtig, dass es nicht wirkt, als wären wir befangen. Darum ist es durchaus möglich, dass wir den nächsten Schritt des Verfahrens, also die inhaltliche Prüfung, externalisieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwägen, das Verfahren ganz abzugeben?

Weiler: Ja, das ist eine Option. Ich mische mich aber nicht ein, zuerst warten wir auf die Empfehlung unseres Ombudsmanns für wissenschaftliches Fehlverhalten. Danach sind wir als Rektoratsmitglieder gefragt, eine Prüfkommission zu beauftragen, und die kann sehr wohl eine externe sein.

SPIEGEL ONLINE: Lammert ist ein prominenter Politiker mit einflussreichen Freunden, von denen einige jetzt schon gesagt haben, an den Vorwürfen sei nichts dran. Wie gelingt es da, sich nicht beeinflussen zu lassen?

Weiler: Auch bei einem Prominenten darf sich eine Universität nicht dreinreden lassen. Unsere Aufgabe ist, sachgerecht und genau abzuwägen. Darum gibt es ja den Ombudsmann, der ergebnisoffen prüft, ohne Ansehen der Person, und schließlich dem Rektorat eine Empfehlung unterbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ombudsmann ist Mediziner und prüft eine Politik-Dissertation aus den siebziger Jahren. Ist er dafür der richtige Mann?

Weiler: Er ist ein angesehener und erfahrener Wissenschaftler, der zunächst nur eine Plausibilitätsprüfung durchführt. Er prüft nicht inhaltlich, sondern sagt uns lediglich, ob eine weitere Untersuchung nötig ist, und davon gehe ich aus.

SPIEGEL ONLINE: Die anonymen Hinweisgeber werden immer wieder scharf kritisiert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat unlängst erklärt, anonyme Hinweise widersprächen einer korrekten wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das wirkt so, als wollte die Forscher-Community selbst entscheiden, ob und wann etwas öffentlich wird.

Weiler: Sicher nicht, anonyme Hinweise sind erwünscht. Aber ab einer gewissen Phase in einem Prüfverfahren müssen die Ergebnisse allen Beteiligten mitgeteilt werden, und spätestens dann müsste der anonyme Hinweisgeber auch benannt werden, sagt die DFG.

SPIEGEL ONLINE: Das macht aber Enthüllungen wie bei Guttenberg und anderen prominenten Plagiatoren künftig schwerer möglich.

Weiler: Die DFG-Empfehlungen beschreiben einen idealen Zustand. Aber es gibt eben auch die Realität, und in der zeigt sich nun wieder: Wir gehen einem solchen Hinweis genauso nach wie einem nicht-anonymen. Das Fairste wäre natürlich, wenn der Hinweisgeber seinen Namen preisgibt. Ein Whistleblower muss aber auch Schutz genießen.

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Doktorarbeit des Bundestagspräsidenten: Das wird Lammert vorgeworfen
SPIEGEL ONLINE: Wo fängt bei Ihnen ein Plagiat an, wann ist wissenschaftliches Fehlverhalten nicht mehr entschuldbar?

Weiler: Seitenweise Übernahmen sind auf jeden Fall ein Plagiat. In anderen Fällen muss man sehr genau hinsehen, was die Intentionen und die Gegebenheiten sind. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man alle Quellen sauber und richtig zitiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zur immer wieder geforderten Verjährung von Promotionsbetrug?

Weiler: Wahrheit ist Wahrheit, und die verjährt nicht. Darum gab und gibt es bei uns auch keine Verjährungsfristen in unseren Promotionsordnungen. Was mögliche Konsequenzen betrifft, muss man die Einzelfälle dennoch in ihrer Zeit betrachten.

Das Interview führte Christoph Titz

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insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
marinusvanderlubbe 01.08.2013
1. richtig so
Zitat von sysopDPAHat Bundestagspräsident Lammert bei seiner Doktorarbeit unsauber gearbeitet? Der Politiker hat sie zur Prüfung der Plagiatsvorwürfe an die Ruhr-Universität Bochum übergeben. Rektor Elmar Weiler rechnet mit einem offiziellen Verfahren. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/fall-lammert-bochumer-rektor-weiler-kuendigt-externe-pruefung-an-a-914226.html
genau das habe ich vor 2 tagen hier gefordert. eine externe kommision muss die arbeit prüfen und nicht die uni, die von der popularität lammerts profitiert. leider wurde ich von sogenannten akademikern hier im forum für diesen vorschlag angegangen. es wurde behauptet, dass das garnicht möglich sei. dies ist die beste lösung, bei der im nachhinein auch niemand sagen kann es wäre nicht mit rechten dingen zugegangen.
gog-magog 01.08.2013
2.
Wahrheit ist Wahrheit, genau darum geht es. Der Uni-Rektor hat ganz recht, wenn er Verjährung ablehnt, denn etwas wird nicht durch das Alter wahrer.
otzer 01.08.2013
3. Langsam widerlich
Wenn man dem politischen Gegner so nicht beikommen kann, bohrt man 30, 40 Jahre zurück in dessen Vergangenheit? Und das auch noch unter dem Schutz der Anonymität? Das ist eine widerliche Heckenschützen-Mentalität. Ich dachte immer, der amerikanische Wahlkampf ist eine Schlammschlacht, in der die Kandidaten mit ihren privaten Verfehlungen in den Dreck gezogen werden. Wir scheinen uns nonchalant auf das gleich Niveau zu begeben. Schade.
wilam 01.08.2013
4. da gibt die Universität
gravitätische Statements ab und hat doch den Salat mit verbockt. Entzug der Promotionserlaubnis müßte jetzt mal auf dem Programm stehen!
gog-magog 01.08.2013
5.
Zitat von wilamgravitätische Statements ab und hat doch den Salat mit verbockt. Entzug der Promotionserlaubnis müßte jetzt mal auf dem Programm stehen!
Niemand kann einer Fakultät das Promotionsrecht entziehen, denn das steht im Hochschulrahmengesetz des jeweiligen Landes. Wenn ein Betrüger die Fakultät hintergeht, dann ist das durch nichts zu rechtfertigen. Sonst können Sie gleich jedem Bestohlenen die Schuld am Diebstahl geben.
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